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Münster-„Tatort“ Hitzschlag unter dem Aluhut – Verschwörungstheoretiker erobern die Fahrradstadt

Jan Josef Liefers und Axel Prahl in einer „Tatort“-Szene.

Ermittler Boerne (Jan Josef Liefers), hier gemeinsam mit Thiel (Axel Prahl) auf einem undatierten Foto, sind am Sonntag (6. März 2022) im „Tatort: Propheteus“ zu sehen.

Bislang waren beim Münster-„Tatort“ nur die Einschaltquoten außerirdisch. Jetzt erobern Reptiloide die Fahrradstadt. Eine lustvoll bis an die Schmerzgrenze gedehnte Krimi-Farce zwischen Deepfake, Aluhut und Prepperszene.

Nach nunmehr 20 Jahren im Kriminaldauerdienst ist der Münster-„Tatort“ aus der kulturellen Statik des Landes wohl nicht mehr schadlos herauszulösen. Wenn es dann irgendwann doch zum Unvermeidlichen kommt, wird das Abdanken der TV-Ermittler Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) unter dem Großen Zapfenstreich kaum abgehen.

Sogar den umstrittenen Freiheitsaktivismus seines Hauptdarstellers zu Hochinzidenzzeiten hat der kriminell hochtourige Quotendampfer ohne erkennbare Image-Schrammen überstanden – stabil über 14 Millionen waren in den letzten Folgen dabei.

Im zweiten neuen Fall des Jubiläumsjahres begegnen einem früh zwei Verfassungsschützerinnen mit Pagenschnitt, die aussehen, als hätten die Coen-Brüder eine „Men in Black“-Neuauflage in Westfalen gedreht. Professor Boerne erwidert deren Auskunftsbegehr mit beißender Ironie: „Ich bin meinem Staat immer gerne zu Diensten. Ich habe nur noch nicht verstanden, was er eigentlich von mir will.“ Ein Schuft, der hier den Sound der Lieferschen „Maßnahmenkritik“ heraushört.

„Tatort“: Gegen die „Versklavung und Ausrottung der gesamten Menschheit“

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Apropos Ironie. Die will es, dass Jan Josef Liefers im „Tatort“ die Stimme der Wissenschaft intoniert. „Es geht mir um die Fakten“, doziert er als eitler Professor über den in unablässiger Veränderung dahinströmenden „Fluss der Erkenntnis“. Doch er lässt auch aufhorchen. Über die Jahrtausende seien „so viele Beweise verloren gegangen oder absichtlich vernichtet worden“, öffnet der Rechtsmediziner der Verschwörungstheorie einen Spalt, durch den ein Reptiloid schlüpfen könnte. Um solche echsenartigen Aliens, die in Menschengestalt getarnt unsere Gesellschaft unterwandern, geht es im Fall „Prophetheus“.

Zumindest geht es um eine Gruppe Bowling spielender Verschwörungsgläubiger, welche die „Versklavung und Ausrottung der gesamten Menschheit“ befürchten und „Kollaborateure der außerirdischen Besatzungsmacht“ zur Rechenschaft ziehen wollen. Ein zum Beweis vorgeführtes Internetvideo entlarvt Angela Merkel, wie sie schnarrenden Echsen die „Machtübergabe“ zusichert, im Gegenzug für einen Alterssitz in Paraguay. Eine Fälschung, vermutet messerscharf Kommissar Thiel, der sich unter lauter Schwerstgestörten bald selbst vorkommt wie ein Alien in der eigenen Stadt.

„Tatot“: Wenn der Big Lebowski Erich von Däniken liest

Zählen kann Thiel immerhin auf einen allzeit hilfsbereiten Jack-Russell-Terrier mit mysteriöser Herkunft und tragender Rolle. „Banane“ heißt er, und das ist auch ein gutes Stichwort für das Wesen manches Handlungsgangs. So konsequent zur Farce gestreckt hat sich selbst der notorische Humorkrimi aus Münster selten einmal. Hinzu kommt, dass sich die grell zugespitzte Bildsprache (Kamera: Timo Moritz) auf zwei parallel entwickelte Zeitebenen verteilt.

Auf der einen ist ein Mitglied der Verschwörungsaufdeckungsgruppe ermordet worden, auf der anderen unternimmt wenige Wochen nach der Tat ein bankrott gegangener Metzger einen Anschlagsversuch. Ein Mann, der einem mit Plauze, Slip und Bademantel begegnet wie ein Erich von Däniken lesender Wiedergänger des Big Lebowski.

Zwischen Deepfake, Chip-Implantat und Prepperszene dampft es hier gehörig unterm Aluhut. Dazu bedienen sich die Macher (Buch: Astrid Ströher, Regie: Sven Halfar) auch noch mit vollen Händen aus der Zitatebox der Filmgeschichte. Da darf man das geseufzte Schlusswort der Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) glatt als Eingeständnis werten: „Ihr habt alle zu viel ferngesehen.“ Der Satz stimmt ja ohnehin in fast jeder Lebenslage. Mit diesem wie auf Droge irrlichternden Jubiläums-„Tatort“ macht man trotzdem nicht viel falsch. (tsch)

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