Die Hamburgerin Leonie Benesch gilt als einer der heißesten Export-Artikel deutscher Schauspiel-Kunst. Nun ist die 35-jährige Arthaus-Königin, die in England ausgebildet wurde, als Killerin in einer beinharten britischen Thriller-Serie zu sehen. Heißt die nächste Haltestelle ihrer Karriere Hollywood?
Schauspielerin Leonie Benesch im Interview„Gute Action ist eine Kunstform für sich“

Copyright: Sky UK
Leonie Benesch erzählt im Interview davon, wie es ist und wie es sich anfühlt, eine Action-Heldin zu spielen. Im sechsteiligen Brit-Thriller „Prisoner - Auf der Flucht“ verkörpert sie eine gnadenlose Jägerin im Auftrag eines mächtigen Syndikats. (Bild: Sky UK)
„Das Lehrerzimmer“, „Heldin“ und „September 5“ sind drei deutschsprachige oder zumindest von deutschen Themen erzählende Filme, die in den letzten Jahren internationale Preise en masse ergatterten - bis hin zu Oscar-Nominierungen. In allen drei Filmen spielte Leonie Benesch die oder eine der tragenden Rollen. Es besteht kein Zweifel: Die 35-Jährige macht Filme besser und ist so etwas wie die deutsche Schauspiel-Hoffnung ihrer Generation. In einer der renommiertesten internationalen Schauspielschulen, der Londoner Guildhall School of Music and Drama, wurde sie ausgebildet. Nun stellt die Deutsche ihr Können mal wieder in einer britischen Produktion unter Beweis. Im sechsteiligen Thriller „Prisoner - Auf der Flucht“ (Mittwoch, 24. Juni, 23.30 Uhr, Das Erste), der bereits ab 19. Juni in der ARD-Mediathek zu sehen ist, verkörpert Leonie Benesch eine Jägerin, eine Frau, die wenig spricht, aber dafür umso bedrohlicher wirkt.

Copyright: Robin Kater
Leonie Bensch, 35, ist so etwas wie die deutsche Schauspielhoffnung ihrer Generation. Gleich drei ihrer Arthaus-Filme, in denen sie tragende Rollen spielt, wurden in den letzten Jahren von Preisen überhäuft: „Das Lehrerzimmer“, „Heldin“ und „September 5“. Nun ist sie in einer knallharten Action-Rolle zu sehen. (Bild: Robin Kater)
teleschau: Man kennt Sie aus gefeierten Arthaus-Filmen wie „Das Lehrerzimmer“ oder „Heldin“. „Prisoner“ ist nun ganz klar Action. Wollen Sie Ihr Image verändern?
Leonie Benesch: Ich hatte schon Lust, mal etwas sehr Physisches zu machen. Auch darauf, eine Rolle zu spielen, die sehr klar ist. Ich spiele eine Menschenjägerin, die nicht viel spricht. Der Regisseur Otto Bathurst meinte, der Schlüssel zu dieser Figur sei die Art, wie sich diese Frau bewegt, wie sie rennt und wie sie die Magazine ihrer Schusswaffen wechselt.

Copyright: Sky UK
Szene aus „Prisoner - Auf der Flucht“: Declan Dempsey (Laurie Davidson), Sohn des Gangsterbosses und Nina Drâgus (Leonie Benesch), haben ein ambivalentes Verhältnis zueinander. (Bild: Sky UK)
teleschau: Was genau macht Ihnen Spaß an einer so körperlichen Rolle?
Leonie Benesch: Ich bin nicht unsportlich, aber faul. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich jeden zweiten Tag ins Gym gegangen bin, um rennen zu gehen. Überzeugende Sprints sind wesentlicher Teil der Rolle. Außerdem habe ich viel Zeit auf Schießständen verbracht, um mir von einem Ex-Marine den Umgang mit Pistolen und Maschinengewehren beibringen zu lassen. Die Kombination dieser Trainings lautet natürlich: Wie rennt man mit einem Maschinengewehr?
„Meine Action-Heldin der Kindheit war natürlich Pippi Langstrumpf“

Copyright: 2026 Getty Images/Andreas Rentz
Die Deutsche Leonie Benesch gilt als einer der heißesten Export-Artikel deutscher Schauspiel-Kunst. Nun ist die 35-Jährige Arthaus-Königin, die in England ausgebildet wurde, als Killerin in einer beinharten britschen Thriller-Serie zu sehen. Heißt die nächste Haltestelle ihrer Karriere Hollywood? (Bild: 2026 Getty Images/Andreas Rentz)
teleschau: Ist gute Action zu inszenieren ähnlich schwer, wie ein gutes Drama auf die Beine zu stellen?
Leonie Benesch: Ja. Gute Action ist eine Kunstform für sich. Auch für uns Schauspielende, da geht es nicht nur um Effekte und Inszenierung. Meine Benchmark ist Charlize Theron in „Atomic Blonde“, einer meiner Lieblings-Actionfilme und vor allem Lieblings-Schauspielerinnen-Leistungen innerhalb dieses Genres. Action ist Choreografie, und sehr gute Action, das ist Choreografie zum Niederknien. Theron macht in diesem Film alles selbst - und natürlich ist so etwas Kunst. Es ist die Kunst der Bewegung.

Copyright: 2025 Getty Images/Gerald Matzka
„Ich bin nicht unsportlich, aber faul“, verrät Schauspielerin Leonie Benesch im Interview. (Bild: 2025 Getty Images/Gerald Matzka)
teleschau: Man sagt, in keinem Filmgenre ist der Unterschied zwischen dem, was man dreht, und dem, was am Ende zu sehen ist, so groß bei Massen-Action-Szenen. Die entstehen doch eigentlich erst im Schnitt, oder?
Leonie Benesch: Grundsätzlich stimmt das, wobei wir bei „Prisoner“ das Ziel hatten, die Action so zu inszenieren, wie sie auch in der fertigen Serie stattfindet. Da gibt es zum Beispiel eine große Szene in Folge eins, die in einem Autotunnel stattfindet. Dafür wurde eine Durchfahrtsröhre in Cardiff für vier Nächte gesperrt, damit wir dort ein großes Gefecht inszenieren konnten. Eine Szene, in der meine Männer und ich mit Maschinengewehren eine Auto-Konvoi angreifen. Otto war es sehr wichtig, dass wir dabei auch wirklich schießen, natürlich mit Platzpatronen. Es war ohrenbetäubend laut, obwohl wir Gehörschutz trugen. Nach diesen Nachtdrehs lag ich morgens mit klingelnden Ohren im Bett und konnte vor lauter Adrenalin kaum schlafen. Ich finde, man sieht es im fertigen Film meist schon, wie viel Realismus man in das Inszenieren von Action- und Kampfszenen gesteckt hat.
teleschau: Hatten Sie als Kind Action-Helden?

Copyright: ARTE / Judith Kaufmann/Alamode Film
Einer der meistbeachteten deutschen Filme der letzten Jahre war „Das Lehrerzimmer“, das sogar Oscar-nominiert war. Leonie Benesch spielt eine junge Lehrerin, die nur das Beste will - und doch grandios am System Schule und seinen Menschen scheitert. (Bild: ARTE / Judith Kaufmann/Alamode Film)
Leonie Benesch: Nein, ich bin eher fern von Kino, Fernsehen und Filmkultur aufgewachsen. Deshalb kannte ich damals auch nur ganz wenig. Ich erinnere mich daran, wie ich in meinen Teens „Kill Bill“ entdeckt habe. Das fand ich schon supercool damals. Ansonsten war meine Action-Heldin der Kindheit natürlich Pippi Langstrumpf - und auch ein bisschen Ronja Räubertochter.
„Europa ist längst viel interessanter als die USA“

Copyright: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier
Aufsehen erregte Leonie Benesch auch in der deutschen Erfolgsserie „Babylon Berlin“. An der Seite von Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries (rechts) verkörperte sie die junge Greta im Deutschland des Jahres 1929 - in den ersten Staffeln des Formats. (Bild: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier)
teleschau: Sie haben eine berühmte Schauspielschule in London besucht und sprechen akzentfreies Englisch. Wie bekannt sind Sie in Ihrer ehemaligen Heimat? Oder leben Sie gar noch in London?
Leonie Benesch: Nein, ich lebe mittlerweile voll in Berlin, habe aber natürlich noch viele Freunde in London. Deshalb war „Prisoner“ auch privat eine reizvolle Geschichte für mich. Wir haben in Cardiff gedreht. Von dort aus ist man mit dem Zug recht schnell in London. Ich konnte zwischendurch hinfahren und Freunde treffen, wenn mal ein paar Tage frei waren. Und was meine Bekanntheit im Ausland betrifft: Arthaus-Kenner haben mich wegen der auch international beachteten Filme wie „September 5“, „Heldin“ oder „Das Lehrerzimmer“ auf dem Schirm. Doch wenn Sky UK eine große Action-Serie inszeniert, spielen diese Filme keine Rolle. Ich musste ganz normal zum Casting gehen, um die Rolle zu bekommen.

Copyright: ZDF
Auch in der internationalen, paneuropäischen Abenteuerserie „In 80 Tagen um die Welt“ spielte Leonie Benesch eine Hauptrolle. Ihre Figur der weltreisenden Frau im 19- Jahrhundert hatte zwar ein historisches Vorbild - in der Literaturvorlage Jule Vernes kam sie jedoch nicht vor. (Bild: ZDF)
teleschau: Sie haben den Film „September 5“ über das Münchener Olympia-Attentat angesprochen. Er hat weltweit viele Preise eingeheimst und sogar eine Oscar-Nominierung erhalten. Hat Hollywood schon angerufen?
Leonie Benesch: Ich habe amerikanische Agentinnen, und die machen sehr gute Arbeit. Ich hätte auch Lust, in Amerika zu arbeiten, aber die Filmbranche steckt durchaus in der Krise. Es ist überall schwierig geworden. Auf der ganzen Welt wird weniger gedreht. Das bedeutet, dass es auch einen Verdrängungs-Wettbewerb unter Schauspielenden gibt. Rollen, die ich vor fünf oder zehn Jahren bekommen hätte, wenn ich damals am jetzigen Punkt meiner Karriere gewesen wäre, werden jetzt einfach mit A-List-Schauspielenden besetzt, also den ganz großen Namen in der Branche. Wenn insgesamt weniger gedreht wird, setzt man bei den verbliebenen Projekten gerne auf etablierte Stars, weil ihr Name zieht. Das ist vor allem in den USA ein gängiges Prinzip. Es ist also viel schwerer heute, in diesen Markt hineinzukommen.
teleschau: Wie sehen Ihre Kollegen in den USA überhaupt die Situation im Land?

Copyright: ZDF / ARD / Degeto / BR / X-Filme
Ihren ersten großen Auftritt hatte Leonie Benesch auch in einem vielfach preisgekrönten Arthaus-Filmklassiker: an der Seite Christian Friedels in „Das Weiße Band“. Der Schwarzweißfilm von Michael Haneke gewann 2009 etwa 70 Filmpreise. Darunter die Goldene Palme in Cannes, den Deutschen und den Europäischen Filmpreis. (Bild: ZDF / ARD / Degeto / BR / X-Filme)
Leonie Benesch: Ich war in den letzten Jahren aufgrund von „September 5“, „Heldin“ und „Das Lehrerzimmer“ öfter in den USA, um dort für die Filme zu werben oder wegen der Festivals, wo sie liefen. Die meisten Filmschaffenden in den USA sind eher neidisch, dass ich einen europäischen Pass habe und überall hier arbeiten kann. Viele der interessantesten Projekte im Film entstehen gegenwärtig in Europa. Natürlich gibt es auch tolle Projekte in den USA - aber viel weniger als früher. Und was Arthaus betrifft: Da ist Europa längst viel interessanter als die USA.
„Die gesamte Kultur befindet sich in der Krise“

Copyright: ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner
In der Literaturverfilmung „Der Club der singenden Metzger“, einem TV-Zweiteiler, war Leonie Benesch ebenfalls zu sehen. Sie spielt die Frau eines deutschen Auswanderers in die USA, verkörpert von Jonas Nay. (Bild: ARD Degeto/SWR/Moovie//Constantin Film/Walter Wehner)
teleschau: Gefühlt gibt es jedes Jahr einen neuen Streaming-Dienst am Markt. Menschen, die nichts mit der Filmbranche zu tun haben, würden wohl glauben: Da muss doch viel gedreht werden, um für alle diese Anbieter Content zu schaffen?
Leonie Benesch: Alle Anbieter schauen knallhart auf Wirtschaftlichkeit. Das Versprechen, das vor fünf oder sechs Jahren noch lautete: „Local means global“, ist nicht aufgegangen. Man dachte ja, dass alle Streamer in die lokalen Märkte einsteigen, um dort eigene Serien oder Filme zu produzieren. Mittlerweile haben sich viele Produzenten wie Disney oder Sky schon wieder aus Deutschland zurückgezogen und produzieren dort keinen eigenen lokalen Content mehr. Auch die öffentlichen Förderbeiträge sind seit 35 Jahren nicht mehr erhöht worden. Man bekommt als Produzent oder Produzentin also inflationsbereinigt viel weniger Förderung als früher.
teleschau: Also befindet sich Ihre Branche in der Krise?
Leonie Benesch: Ich glaube, die gesamte Kultur befindet sich in der Krise. Man muss sich nur die Kürzungen anschauen. Überall wird gekürzt. Wenn das Geld insgesamt nicht so locker sitzt, gehört die Kunst fast überall auf der Welt zu jenen Posten, wo man sagt: Ach, brauchen wir das denn so dringend? Lass doch erst mal da kürzen, denn das ist doch nicht überlebensnotwendig. Ich sehe das naturgemäß etwas anders, aber ich glaube: Wir alle brauchen Kultur, auch um die Basics unseres Lebens gesund, motiviert und vor allem inspiriert bestreiten zu können
teleschau: Ihre Karriere hat sich über die letzten Jahre rasant entwickelt. Was tun Sie eigentlich, wenn Sie nicht gerade drehen?
Leonie Benesch: Das ist eine gute Frage, denn ich habe in den letzten Monaten tatsächlich so viel gedreht, dass ich kaum Zeit für ein strukturiertes Privatleben hatte. Nun bin ich erst mal wieder für eine gewisse Zeit in Berlin, habe hier meinen 35. Geburtstag gefeiert und mache erst mal ein paar praktische, ja profane Dinge wie Arzttermine und andere Erledigungen. Ich habe zum Beispiel meine Vespa überholen und mein Fahrrad reparieren lassen. Dann will ich Familie in Hamburg und in Süddeutschland besuchen. Gerade herrscht bei mir großer Nachholbedarf in Sachen Privatleben. Das genieße ich gerade - und das fühlt sich auch sehr gut an. (tsch)
