Sternekoch Tim Raue wuchs mit dem ständigen Gefühl von Hunger auf. In der einer ARD-Reportage spricht er offen über seine Kindheit und erklärt, warum der Hunger ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist.
„Es ist brutale Scham“Sternekoch Tim Raue spricht in ARD-Doku über Hunger in seiner Kindheit

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Als Kind kannte er das Gefühl zu hungern gut. Heute ist Tim Raue Sternekoch. In der ARD-Reportage spricht der 52-Jährige darüber, wie er es von der Straße in die Küche geschafft hat. (Bild: WDR)
Heute zählt er zu den bekanntesten Köchen Deutschlands. Für ein Menü in seinem Restaurant zahlen Gäste rund 300 Euro. Doch als Kind kannte Tim Raue vor allem eines: Hunger. In der neuen ARD-“Monitor“-Reportage „Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft“ spricht der heute 52-jährige Sternekoch offen über seine Kindheit in Berlin Kreuzberg und darüber, wie er es vom armen Jungen zum Millionär und Besitzer von elf Restaurants geschafft hat.
„Hunger zu haben bedeutet, dass du eine Leere in dir hast, die so tief ist, dass es wie ein schwarzes Loch ist, in das man nur noch fällt“, erklärt Raue in der Reportage. „Es ist brutale Scham“, sagt der Sternekoch. Schon als Kind habe er ständig nach etwas Essbarem gesucht. Der Hunger sei bis heute nicht verschwunden. Er sitze „in jeder Zelle“. „Das ist in mir drinnen und das ist bis heute da.“
Tim Raue spuckte auf sein Essen, um es zu beschützen
Seine Tage verbrachte Raue als Junge meist auf der Straße. Dort versuchte er immer wieder, irgendwo etwas zu essen aufzutreiben. Gemeinsam mit dem ARD-Reportage-Team kommt er an einem alten Schaufenster vorbei. „Hier war übrigens mal eine Curry-Wurst-Bude drin“, erinnert er sich.
Wer damals eine Portion Pommes hatte, besaß etwas Wertvolles. Um seine Mahlzeit zu schützen, spuckte er sogar darauf. Doch selbst das hielt andere hungrige Kinder nicht immer davon ab, sich etwas zu stibitzen. Die Pommes seien zwar nicht besonders gut gewesen, „aber warm im Magen“, erinnert sich Raue.

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In diesem Laden gab es damals eine Curry-Wurst-Bude. Tim Raue erinnert sich gut an die Pommes. Sie seien nicht lecker gewesen, „aber warm im Magen“, so der Sternekoch. (Bild: WDR)
Schon damals drehte sich in seinem Leben alles ums Essen, allerdings auf eine völlig andere Weise als heute. Gleichzeitig kämpfte der junge Tim um Aufmerksamkeit. Er habe „seinen Namen an die Häuser geballert“, um endlich gesehen zu werden und sich selbst zu beweisen: „Ich bin da.“ Die Familie, die ihm zu Hause fehlte, fand er auf der Straße.
Mit den „36 Boys“, benannt nach der damaligen Kreuzberger Postleitzahl, fühlte er sich zum ersten Mal zugehörig. „Wir haben tatsächlich gedacht, dass wir die Ritter von Kreuzberg sind, die diesen Stadtteil beschützen“, erinnert sich Raue und muss dabei fast schmunzeln. Damals habe ihn das „stolz“ gemacht.
„Ich kann sehr viel und lange leiden“
In der Schule galt er als schwer kontrollierbar. Niemand habe an ihn geglaubt. „Mein Vater hat immer gesagt: 'Aus dir wird eh nichts'“, erzählt Raue. Er habe ihn sogar verprügelt. Doch sein Vater sollte sich irren. Zwar schaffte er nur knapp den Realschulabschluss, blieb mehrfach sitzen und kassierte mehrere Schulverweise. Trotzdem kam irgendwann der Wendepunkt.
Schon früh habe er gewusst, dass er etwas gestalten wollte. Ein Berufstest schlug ihm drei Wege vor: Landschaftsgärtner, Maler und Lackierer oder Koch. Die Entscheidung fiel aus einem einfachen Grund. Weil er ständig Hunger hatte, dachte er sich: „Wenn ich in der Küche stehe, habe ich immer etwas zu essen.“ Also begann er eine Ausbildung zum Koch. Rückblickend sei dies das Beste gewesen, was ihm passieren konnte.
„Ich weiß, dass ich weniger talentiert bin, als die Menschen um mich herum“, sagt Raue. Dafür könne er „härter arbeiten“ und sei in der Lage, „sehr viel und lange zu leiden“. Das, was er heute als Belastung empfinde, sei allerdings nichts im Vergleich zu dem Leid seiner Kindheit.
Tim Raue hat auch als Millionär noch Angst vor dem Absturz
Heute betreibt Tim Raue elf Restaurants und ist Millionär. Doch die Angst vor dem „Absturz“ begleitet ihn weiterhin. Noch immer denke er jeden Tag darüber nach. Der Druck, leisten zu müssen, sei ständig da. Die Sorge, wieder auf der Straße zu landen, habe ihn nie ganz verlassen. 2019 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Katharina Raue den Verein „Kiez Perspektiven & Chancen e.V.“. Dort soll Kindern unter anderem vermittelt werden, dass alle die gleichen Chancen verdienen, unabhängig davon, woher sie kommen.
Laut der ARD gilt jedes vierte Kind in Berlin als armutsgefährdet. Bundesweit liegt die Quote bei 15 Prozent. Besonders hoch ist sie bei Kindern mit Zuwanderungsgeschichte oder bei Familien, in denen die Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben.
Die Doku ist bereits in der ARD-Mediathek verfügbar und läuft am Donnerstag, 18.6., um 21.45 Uhr im Ersten. (tsch)
