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Schauspieler Peter Schneider„Diesen Erfahrungsschatz haben wir Ostdeutsche den Westdeutschen voraus“

Zum letzten Mal ermittelt Peter Schneider als „Polizeiruf 110“-Kommissar Michael Lehmann gemeinsam mit Peter Kurth in Halle. Was bleibt vom kurzlebigen, aber grandios melancholischen Ost-Krimi, den die Macher gerne fortgesetzt hätten? (Bild:  MDR/Felix Abraham)

Zum letzten Mal ermittelt Peter Schneider als „Polizeiruf 110“-Kommissar Michael Lehmann gemeinsam mit Peter Kurth in Halle. Was bleibt vom kurzlebigen, aber grandios melancholischen Ost-Krimi, den die Macher gerne fortgesetzt hätten? (Bild: MDR/Felix Abraham)

Im wohl ungewöhnlichsten „Polizeiruf 110“-Revier der Formatgeschichte ermittelt Peter Schneider ein letztes Mal an der Seite von Peter Kurth in Halle. Die Trilogie der emotional präzisen Ostballaden endet mit dem „Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen“. Übrigens gegen den Willen der Macher.

Der Schauspieler und Musiker Peter Schneider hat fast sein gesamtes Leben in Leipzig verbracht. Sogar die Schauspielausbildung absolvierte er dort. Dass man ihn bevorzugt in Rollen besetzt, deren Biografien im Osten Deutschlands beheimatet sind, hat nicht nur mit dem sanften sächsischen Zungenschlag des 51-Jährigen zu tun. Peter Schneider beschäftigt sich auch abseits der Kamera mit dem Verhältnis zwischen Ost und West sowie der komplexen Psychologie hinter der deutschen Einheit. Im „Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen“ (Sonntag, 15. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) aus Halle spielt er ein drittes und letztes Mal an der Seite Peter Kurths den Ost-Kommissar Michael Lehmann.

teleschau: Ihr „Polizeiruf 110“ aus Halle endet mit diesem Film, obwohl es eine außergewöhnliche, künstlerisch starke Krimireihe war. Warum machen Sie Schluss?

Peter Schneider: Wir hätten gern weitergemacht. Doch vom MDR war es von Anfang an beschlossen, dass es eine einmalige Trilogie von Filmen bleiben soll. Ich würde mir wünschen, dass man noch mal über diese Entscheidung nachdenkt, um so etwas Einzigartiges nicht leichtfertig aus der Hand zu geben.

teleschau: Ihre drei Fälle liegen zeitlich weit auseinander. Dennoch erinnern sich einige irritierte Zuschauer daran, dass der erste Fall unaufgeklärt blieb. Zu diesem kommen Sie nun zurück ...

Schneider: Natürlich wollen wir nicht zu viel verraten, aber ja: Wir schließen den Bogen und machen eine runde Geschichte aus den drei Filmen.

„Unser 'Polizeiruf' war natürlich ein super Booster für die 'Quote Ost“

Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) denken über den Todesfall einer alten Frau nach, der nach Unfall aussieht, der aber auch ein Mord sein könnte.
 (Bild:  MDR/Felix Abraham)

Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) denken über den Todesfall einer alten Frau nach, der nach Unfall aussieht, der aber auch ein Mord sein könnte. (Bild: MDR/Felix Abraham)

teleschau: Der „Polizeiruf 110“ ist eine Krimireihe, die in der DDR entstand und dort den Stellenwert der „Tatort“-Filme im Westen hatte. Ihre neuen Krimis aus Halle transportierten viel Ost-Geschichte. Sollte das so sein?

Schneider: Ich denke, es hat sich automatisch ergeben. Peter Kurth und ich kommen aus der Region, die beiden Macher hinter der Kamera - Autor Clemens Meyer und Regisseur Thomas Stuber - sind ebenso von dort. Natürlich erzählen wir auch ein bisschen unsere eigenen Lebensgeschichten mit. Und sei es, wie bei uns Schauspielern, in der Art, wie wir die Geschichten interpretieren. Auch deshalb war dieser „Polizeiruf“ wichtig.

teleschau: 2023 wurde von ostdeutschen Filmschaffenden Die „Quote Ost“ ins Leben gerufen. Sie fordert, dass in Redaktionen, Gremien, Intendanzen sowie in kreativen Schlüsselpositionen zu 20 Prozent Ostdeutsche vertreten sein sollten ...

Schneider: Ich finde, das ist eine sinnvolle Initiative, denn wir können die Lebenserinnerungen und Prägungen ostdeutscher Menschen nicht totschweigen. Unser „Polizeiruf“ war natürlich ein super Booster für die „Quote Ost“, denn fast alle Macher vor und hinter der Kamera haben eine Ost-Biografie.

teleschau: Ihr „Polizeiruf“ war eine Verbeugung vor jenen Menschen, deren frühere Geschichte abrupt zu Ende gegangen ist. Würden Sie dieser These zustimmen?

Michael Lehmann (Peter Schneider) und Henry Koitzsch (Peter Kurth) diskutieren Leben und Fall in einer Kneipe, in der die DDR nie untergegangen zu sein scheint. (Bild:  MDR/Felix Abraham)

Michael Lehmann (Peter Schneider) und Henry Koitzsch (Peter Kurth) diskutieren Leben und Fall in einer Kneipe, in der die DDR nie untergegangen zu sein scheint. (Bild: MDR/Felix Abraham)

Schneider: Ich weiß nicht, ob die Stimmung des „Polizeirufs“ so sehr auf die DDR oder den Osten anspielt. Die Filme sind auf jeden Fall Milieustudien, sie spielen unter den Einsamen und Abgehängten. Clemens Meyer und Thomas Stuber haben ein großes Herz für Menschen am gesellschaftlichen Rand. Das sieht und spürt man in ihren Filmen. Im Osten gibt es natürlich einige solcher Milieus. Aber man könnte solche Plots auch im Westen erzählen.

„Natürlich will so gut wie niemand die alte DDR zurück“

teleschau: Fehlen solche Milieus im deutschen Fernsehfilm?

Schneider: Ja, ich finde schon. Was wir Deutschen gut können, ist Geschichten erzählen, die von der Angst vor dem Absturz handeln. Vielleicht auch deshalb, weil das nicht selten die Lebensrealitäten der Macherinnen und Machern sind. Wer als Künstler unterwegs ist, trägt ein erhebliches Absturz-Risiko - zumindest, was das Wirtschaftliche betrifft. Geschichten über Menschen, die prekär leben und das oft, obwohl sie arbeiten, sehen wir selten im Fernsehen. Unser „Polizeiruf“ war auch ein bisschen der Versuch, in solche Milieus hineinzuleuchten.

teleschau: Was macht die Kommissare Koitzsch und Lehmann trotz ihrer Gegensätze zu einem starken Duo?

Schneider: Das ist fast schon ein Vater-Sohn-Verhältnis, obwohl beide aus einer völlig anderen Welt kommen, sind sie trotzdem in ihrer Ehrlichkeit und in ihrer Suche nach der Wahrheit verbunden.

Jürgen „von der Technik“ (Andreas Keller, zweiter von links) informiert Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) über seine Erkenntnisse zum Fall.
 (Bild:  MDR/Felix Abraham)

Jürgen „von der Technik“ (Andreas Keller, zweiter von links) informiert Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) über seine Erkenntnisse zum Fall. (Bild: MDR/Felix Abraham)

teleschau: Gibt es für Sie eine besondere Ost-Melancholie? Wenn es sie nämlich gibt, spürt man sie in diesen drei Filmen ...

Schneider: Ganz nüchtern betrachtet, ist es ja so: Menschen aus der ehemaligen DDR und ihre Kinder eint die Erfahrung, dass sie oder ihre Eltern eine gesellschaftliche Transformation erlebt haben, die von außen gemacht wurde. Natürlich will so gut wie niemand die alte DDR zurück. Aber es ist schon ein Unterschied, wenn dir ein anderes System einfach übergestülpt wird und in verantwortlichen Positionen des Landes seit 35 Jahren vorwiegend Westdeutsche sitzen. Bei uns Schauspielern ist es anders, da hat tatsächlich eine sehr harmonische und ausgewogene Wiedervereinigung stattgefunden. Aber schauen Sie sich mal die Quoten bei Führungskräften in der Wirtschaft, bei Staatssekretären oder Rektoren von Hochschulen sind. Da ist der Osten äußerst schwach vertreten.

„Wir haben einen Behauptungsdruck“

teleschau: Sie waren 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Erwachsen geworden sind Sie im wiedervereinigten Deutschland. Ist es ein Unterschied, ob man als Ostdeutscher die DDR noch erlebte oder nicht?

Schneider: Es ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin mir aber sicher, dass das Ost-Gefühl über Generationen weitergegeben wird. Genauso wie jemand, der im Ruhrpott aufgewachsen und den Strukturwandel dort gar nicht mehr selbst erlebt hat, anders drauf ist als jemand, der in Hamburg-Blankenese groß wurde.

teleschau: Welche Themen hat der Osten?

Eine alte Dame, die zurückgezogen lebte, ist tot. Hausmeister Trojanowitz (Henning Peker) öffnet Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider, rechts) ihre Tür.  (Bild:  MDR/Felix Abraham)

Eine alte Dame, die zurückgezogen lebte, ist tot. Hausmeister Trojanowitz (Henning Peker) öffnet Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider, rechts) ihre Tür. (Bild: MDR/Felix Abraham)

Schneider: Wir haben einen Behauptungsdruck. Wir oder unsere Eltern mussten ihr Leben an die Umstände anpassen. Gerade in meiner Generation sind viele in den Westen gegangen. Nicht wenige haben versucht, ihre Dialekte loszuwerden, um erst gar nicht durchscheinen zu lassen, woher sie kommen. Man muss sich klarmachen: Nach der Wende war für die Ostdeutschen plötzlich alles falsch, was sie erlernt hatten. Damit muss man erst mal klarkommen. Je älter man damals war, desto schwieriger darf man sich das vorstellen. Ich finde, die Auswirkungen dieser Psychologie findet man auch jetzt noch überall.

teleschau: Gibt es auch Vorteile, wenn man Ostdeutscher ist?

Schneider: Ja, durchaus. Leute ab meinem Alter können sich an ein Leben in der Diktatur erinnern. Diesen Erfahrungsschatz haben wir Ostdeutsche den Westdeutschen voraus. Momentan diskutiert man überall, ob die Demokratie am Ende ist, weil sie die großen Probleme unserer Zeit wie den Klimawandel nicht lösen kann. Natürlich geht das alles schneller und widerstandsloser in der Diktatur. Man sollte aber nicht meinen, ältere Ostdeutsche wünschten sich die Diktatur zurück. Deshalb reagierte man vor allem im Osten auch so heftig auf Eingriffe ins Eigentumsrecht wie Habecks Wärmepumpen-Gesetz.

„Natürlich gibt es einen harten Kern mit rechter Gesinnung“

teleschau: Wenn man im Osten gegen staatliche Bevormundung ist, warum ist dann eine Partei dort besonders erfolgreich, bei der mancher glaubt, sie wolle unsere Demokratie am liebsten abschaffen?

Schneider: Ich glaube und ich weiß es auch aus Statistiken, dass ein großer Anteil der AfD-Wähler Provokationswähler sind. Natürlich gibt es einen harten Kern mit rechter Gesinnung, aber das sind weitaus weniger Menschen als die AfD derzeit Stimmen bekommt.

teleschau: Mit Provokationswählern meinen Sie Protestwähler?

Schneider: Nein, das ist noch mal was anderes, finde ich. Protestwähler wollen Unzufriedenheit ausdrücken, die gewählte Partei ist dabei oft zweitrangig. Ein Provokationswähler wählt bewusst, um zu schockieren und eben zu provozieren. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe keinerlei Verständnis für Leute, die ihr Kreuz bei der AfD machen. Andererseits glaube ich, dass fast jede Person, die diese Partei wählt, genau weiß, welcher Partei sie ihre Stimme gibt. Dass man es trotzdem tut, ist pure Provokation. Man kann dem nur durch eine bessere Politik begegnen und dadurch, dass man die Menschen wieder mehr ins Boot holt.

teleschau: Was müssen die etablierten Parteien also tun?

Schneider: Gut arbeiten und so beweisen, dass die Demokratie das bessere System ist. Dies gilt übrigens gleichermaßen für Ost und West. Und es ist mir durchaus bewusst, wie schwer es ist, diesen Auftrag umzusetzen. (tsch)

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