Während andere Länder die E-Mobilität vorantreiben, versucht Deutschland mit diversen Mitteln, am Verbrennermotor festzuhalten. In einer ARD-Doku erklärt Wissenschaftler Professor Michael Sterner, warum auch alternative Kraftstoffe wie E-Fuels nicht die Zukunft seien.
„Nicht der Industrie auf den Leim gehen“Forscher warnt in ARD-Doku vor Verbrenner-Lobby

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„Wir haben in der individuellen Mobilität im Auto die Alternative Elektromobilität. Das ist ausgereift, verfügbar, funktioniert effizient“, erklärt Professor Michael Sterner von der OTH Regensburg. (Bild: NDR)
Bei einem Treffen von VW-Golf-Liebhabern in Krefeld scheint der Klimawandel noch weit weg. Stattdessen gibt es auf diesem Parkplatz zwischen neuen und alten Modellen echte Verbrenner-Romantik: „Ich muss einen Motor haben. Ich mag es nicht, wenn der Sound aus einem Soundmodul kommt. Ich möchte es spüren, ich möchte es riechen“, argumentiert einer der Teilnehmer für den geliebten Verbrenner und gegen E-Autos.
Dabei ist längst bekannt, wie klimaschädlich Verbrennungsmotoren und die dafür benötigten Kraftstoffe sind. „Tanken und das Klima - Verbrennen wir die Zukunft?“, fragt nun eine aktuelle Reportage des NDR-Magazins „Panorma“. Mehr als 95 Prozent der Autos in Deutschland sind Verbrenner. Was muss sich ändern, damit mehr Menschen auf E-Autos umsteigen? Während die Politik sich größtenteils vor Veränderungen zu scheuen scheint, schlägt ein Wissenschaftler in der Doku Alarm.
Wissenschaftler erklärt: E-Fuels sind keine Alternative
Auf der IAA in München bekräftigte Bundeskanzler Friedrich Merz im September 2025 noch, man werde „grundsätzlich“ am Umstieg auf E-Mobilität festhalten. Man wolle allerdings mehr „Technologieoffenheit“. Doch auf dem letzten CSU-Parteitag betonte er: „Ich bin jedenfalls nicht bereit, das Thema Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kerns in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“
Die Lösung, die auch von der Autoindustrie beworben wird, sollen sogenannte E-Fuels sein. Diese werden aus Wasser und CO2 und mithilfe erneuerbarer Energien hergestellt. Damit gebe man dem Verbrenner eine „neue, saubere Perspektive“, argumentiert beispielsweise Gitta Connemann von der CDU auf einer Veranstaltung des Autobauers BMW. Auch Tankstellenbetreiber hoffen auf alternative Kraftstoffe, denn für sie sei die Wirtschaftlichkeit „mit der E-Mobilität noch nicht gegeben“, erklärt eine von ihnen in der ARD-Doku.

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Täglich werden in Deutschland Millionen Liter Benzin und Diesel getankt, obwohl bekannt ist, wie sehr sie dem Klima schaden. (Bild: NDR)
Doch E-Fuels oder auch das als Klimadiesel bekannte HVO100 seien nicht die zukunftsfähige Alternative für PKWs, als die sie dargestellt werden, erklärt Professor Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, einer der führenden Forscher zum Thema Energietechnik. Die alternativen Kraftstoffe seien nicht effizient genug und nicht in ausreichender Menge verfügbar. Statistiken zeigen außerdem: Aufgrund des hohen Stromverbrauchs bei der Produktion, fehlender Infrastruktur und damit hohen Preisen wären E-Fuels wahrscheinlich nicht konkurrenzfähig.
Beim Thema E-Fuels ist die Bundesregierung sich uneins
Sterner hält es für „total fahrlässig“ Menschen mit solchen nur scheinbaren Alternativen Hoffnung zu machen. „Wir haben in der individuellen Mobilität im Auto die Alternative Elektromobilität. Das ist ausgereift, verfügbar, funktioniert effizient.“ Doch nicht einmal in der Bundesregierung scheint man sich bei diesem Thema einig zu sein. Das Bundeswirtschaftsministerium ist sich der Nachteile von E-Fuels durchaus bewusst, bewirbt und fördert es jedoch weiter.
Auch im Ministerium für Klimaschutz glaubt man an den alternativen Kraftstoff, allerdings vor allem für beispielsweise LKWs und den Schiffsverkehr. Für PKWs halte man den direkt-elektrischen Antrieb für vernünftig, erklärt Staatssekretär Jochen Flasbarth von der SPD.
Doch während etwa in Norwegen, Dänemark oder China immer mehr neue E-Autos zugelassen werden, wurden in Deutschland 2025 sogar mehr klimaschädliche Kraftstoffe verkauft. Jede Stunde werden hierzulande etwa sieben Millionen Liter Benzin und Diesel getankt.
„Ich würde nicht der Mineralölindustrie und der Autoindustrie auf den Leim gehen“
Die Mineralölindustrie schiebt die Verantwortung auf die Kundinnen und Kunden. Die Nachfrage nach „klassischer Mobilität“ sei weiterhin groß, erklärt der Pressesprecher des Wirtschaftsverbandes Fuels und Energie, Alexander von Gernsdorf, die zuletzt sogar gestiegenen Investitionen der Industrie in klimaschädliche Öle. Ähnlich äußern sich auch Aral und Shell in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage des „Panorama“-Teams.
Anstelle dagegenzusteuern, arbeitet die Politik sowohl der Mineralöl- als auch der Autoindustrie entgegen: So wurde das eigentlich bereits beschlossene Verbrenner-Aus im Dezember 2025 von der EU-Kommission gekippt. Auch nach 2035 sollen nun Neuwagen mit Verbrennermotor zugelassen werden.
Sterner kritisiert das scharf: „Ich würde nicht der Mineralölindustrie und der Autoindustrie auf den Leim gehen und mich erneut vor den Karren spannen lassen, um wieder irgendwelche Klimaziele und Emissionsgrenzwerte nach hinten zu schieben.“ Es steht schließlich viel auf dem Spiel: „Jeder Liter Sprit, den ich tanke und verbrenne, der ist nicht weg, sondern das CO2 landet in der Atmosphäre und verursacht weltweit mit den Klimawandel, also all das Leid, was damit verbunden ist - über Sturm- und Flutkatastrophen, Naturkatastrophen jeglicher Art, Dürre und Ernteausfälle und letztendlich den Verlust von Heimat“, warnt der Wissenschaftler eindrücklich vor den Folgen,.
„Panorama: Tanken und das Klima - Verbrennen wir die Zukunft?“ ist in der ARD-Mediathek zu sehen. (tsch)

