Personalmangel, steigende Kosten, weniger Einnahmen, schlechte Infrastruktur und die Krankenhausreform: Ländliche Kliniken in Deutschland stehen vor scheinbar unbezwingbaren Herausforderungen. In einer ZDF-Reportage übt unter anderem ein Arzt harte Kritik.
„Krankenhäuser werden Fabriken, die mit dem Leid anderer Menschen Geld verdienen sollen“

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Oberarzt Kai Wilke (42) arbeitet als Orthopäde und Unfallchirurg im Krankenhaus. (Bild: ZDF)
Erst vor wenigen Tagen beschloss der Bundestag zahlreiche Änderungen der 2024 in Kraft getretenen Krankenhausreform. Demnach sollen Kliniken mehr Zeit und die Länder mehr Geld bekommen, um die Reform umzusetzen. Das Hauptziel - mehr Spezialisierung - bleibt. Besonders kleine Häuser in ländlichen Regionen stellt das vor zusätzliche, große Herausforderungen. Wie sie damit umgehen und welche Probleme ihren Alltag bestimmen, zeigt das ZDF in der zweiten Folge von „37°: Die Landklinik“.

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Chefarzt Georg Bauer spricht in der ZDF-Reportage offen über den Klinikalltag im Gegensatz zu den Krankenkassen, die „nur auf die objektiven Daten“ schauen würden. (Bild: ZDF/Andreas Pein)
Weite Wege sind auf dem Land keine Seltenheit. Doch im Notfall können sie ein großes Hindernis sein. „Wir haben nur schlechtere Karten, weil wir einfach länger brauchen, bis wir hier sind“, erklärt Notarzt Kai Wilke. „Dieser Weg wird weiter werden. Das ist der Nachteil für Patientenversorgung im ländlichen Gebiet“, glaubt er. Denn die Landklinik Wriezen hat nicht die technischen Möglichkeiten oder das Personal, um etwa Leute mit einem Schlaganfall zu versorgen. Dafür müssen Wilke und sein Team größere Häuser ansteuern.
„Ich finde es absurd, in gewisser Weise auch unmenschlich“

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An der Landklinik Wriezen arbeiten 78 Ärztinnen und Ärzte und 178 Pflegekräfte in familiärer Atmosphäre. Den Personalmangel versuchen sie untereinander aufzufangen. (Bild: ZDF/Andreas Pein)
Dabei ist das Krankenhaus mit seinen 48 Ärztinnen und Ärzten und 178 Pflegekräften eines von dreien, welches die medizinische Versorgung der etwa 200.000 Menschen der Region sicherstellen soll. Wie in ganz Deutschland darf auch hier niemand mehr als 30 Minuten Fahrzeit ins nächstgelegene Krankenhaus haben. Daher gilt die Landklinik Wriezen als sogenanntes Sicherstellungshaus und kann deshalb nicht geschlossen werden.
Dennoch steht das Krankenhaus unter Druck: „Personalentwicklungskosten, Wasser, Energie, Brennstoffe sind alles Gelder, die durch die Decke gegangen sind in den zurückliegenden Jahren und wo die Gegenfinanzierung nicht passiert ist“, erklärt die Geschäftsführerin Katja Thielemann. Wegen mehr ambulanter und weniger stationärer Behandlungen fehlt den Kliniken Geld. Sie warnt in der ZDF-Reportage: „Wenn das Geld der Krankenkassen nicht reicht und man auch aus Rücklagen das nicht nehmen kann, dann ist es so, dass irgendwann ein Krankenhaus pleite ist.“

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„Wenn das Geld der Krankenkassen nicht reicht und man auch aus Rücklagen das nicht nehmen kann, dann ist es so, dass irgendwann ein Krankenhaus pleite ist“, warnt Geschäftsführerin Katja Thielemann. (Bild: ZDF/Nadja Kölling)
Gleichzeitig machen Krankenkassen und Politik seit Jahren Druck auf Kliniken: Sie müssen sparen. In der Praxis bedeutet das für den technischen Leiter der Landklinik Wriezen, Peter Krüger: Reparieren und wiederverwenden, was geht, damit es nicht neu gekauft werden muss; hoffen, dass die veraltete Technik des 1955 erbauten Hauses nicht kaputtgeht, denn Ersatzteile gibt es oft keine mehr. Alleine die Sanierung der 22 automatischen Türen würde 280.000 Euro kosten, erklärt Krüger.
„Ich finde es absurd, in gewisser Weise auch unmenschlich“, wird er deutlich. „Man hat den Eindruck, dass Krankenhäuser so eine Art Fabriken werden, die mit dem Leid anderer Menschen Geld verdienen sollen. Das ist moralisch fragwürdig in meinen Augen.“
Chefarzt gibt zu: „Belastet mich persönlich auch“

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Nach ihrer Facharztprüfung will Meghana Kurapati die Landklinik Wriezen verlassen. Sie hofft in einem größeren Krankenhaus auf bessere Weiterbildungsmöglichkeiten. (Bild: ZDF/Andreas Pein)
„Da ist einfach die Problematik, dass die Kasse nur auf die objektiven Daten guckt und die soziale Situation der Patienten überhaupt nicht mitgesehen wird in diesem ganzen System“, kritisiert auch Georg Bauer, Chefarzt der Chirurgie in Wriezen, in der ZDF-Reportage. Viele der Menschen, die hier behandelt werden, sind auf das Krankenhaus angewiesen - weil sie zu alt sind, um weiter wegzufahren, weil sie in sozial schwierigen Situationen sind. Sie würden das „irgendwie mit Mühe auffangen“, so Bauer. „Das macht das Arbeiten schon herausfordernd und belastet mich persönlich auch“, gesteht er offen.
Wie so viele andere Krankenhäuser hat auch Wriezen mit Personalmangel zu kämpfen. So ist es beispielsweise für kleine Kliniken schwieriger, neue und junge Ärztinnen und Ärzte zu halten. Sie können ihnen schlicht und ergreifend nicht dieselben Lernmöglichkeiten wie große Krankenhäuser bieten. Es ist einer der Gründe, warum sich Meghana Kurapati entschieden hat, Wriezen zu verlassen, sobald sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen hat - auch wenn sich ihre Kolleginnen und Kollegen wünschen, dass sie bleibt. Doch während sich die gebürtige Inderin im Krankenhaus selbst wohlfühlt, ist das in Wriezen, wo zuletzt rund 35 Prozent die AfD wählten, nicht der Fall.
„37°: Die Landklinik: Patient Krankenhaus“ ist am Dienstag, 10. März, um 22.20 Uhr im ZDF und bereits jetzt in der Mediathek zu sehen. (tsch)

