Vor 15 Jahren fingen Anita und Jürgen Dietz in der Türkei noch mal ganz von vorne an. Jetzt stehen die „Goodbye Deutschland!“-Auswanderer mit über 70 vor einem unfreiwilligen Neubeginn. Die türkische Hyperinflation frisst ihre schmale deutsche Rente auf.
„Goodbye Deutschland!“Inflation treibt Rentner in die Armutsfalle: „Tut richtig weh“

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Die „Goodbye Deutschland“-Auswanderer Anita und Jürgen Dietz machen sich Sorgen um ihre Zukunft in der Türkei. (Bild: RTL)
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Obst und Gemüse, Tomaten und Gurken ... Groß sind die Ansprüche von Anita und Jürgen Dietz nicht an ihren Wocheneinkauf. Denn ausgesprochen klein ist das Budget der deutschen Auswanderer in Antalya an der türkischen Mittelmeerküste. Umgerechnet sechs Euro wollen sie für ihre Verpflegung in der gesamten Woche ausgeben. Auf dem Basar wohlgemerkt. Ein gewöhnlicher Supermarkt ist für die 71-Jährige und ihren ein Jahr älteren Mann unerschwinglich geworden.
Grund ist die türkische Hyperinflation, wie die beiden Rentner in der aktuellen Ausgabe von „Goodbye Deutschland!“ (VOX) erklären. Krankenversicherung, Strom- und Wasserkosten, Arzneipreise, die Mieten - alles steigt, und das wöchentlich. Inzwischen sei es so extrem, „dass man sagen kann, das sind deutsche Preise“, klagt Anita. „Unsere Rente steigt aber nicht.“ Die beträgt für beide zusammen 1.500 Euro und wird aus Deutschland überwiesen.
Für Sohn von „Goodbye Deutschland!“-Paar ist Deutschland „wie Mordor“
„Wenn man darüber nachdenkt - in dem Alter in jedem Punkt Abstriche zu machen: Dann weiß ich nicht, warum wir hierhergekommen sind. Es ist nicht mehr das Leben, das wir hatten.“ Vor der VOX-Kamera schießen der aus dem Fichtelgebirge stammenden Rentnerin mehrfach die Tränen in die Augen - ebenso ihrem Mann.
Vor 15 Jahren entschloss sich das Ehepaar, in die Türkei auszuwandern. Jürgen hatte seinen Job als Dozent für Medien-Design verloren und die Idee, für abenteuerlustige Touristen als Action-Tour-Guide zu arbeiten. Das ergab lange ein gutes Zubrot zur schmalen Rente. Doch mit 72 stößt der hartgesottene Auswanderer nicht nur im Speedboat an körperliche Grenzen. 2014 hatte er einen Herzinfarkt überlebt.
Vor den „Goodbye Deutschland!“-Kameras trifft Sohn Andreas zum Krisengespräch ein. Der 53-Jährige arbeitet als Callcenter-Agent in Antalya und kann sich selbst nur ein WG-Zimmer leisten. Dass seine Eltern über eine Rückkehr nachdenken, hält er jedoch für grundfalsch: „Was wär die Alternative?“, fragt er.
„Zurück nach Deutschland, Hartz IV, Plattenbau?“ Er habe Bedenken, „dass die da drüben eingehen werden“. Für ihn selbst ist die fremd gewordene Heimat „wie Mordor“ - „ein absolutes No-Go“. Lieber würde er im Bauwagen auf einer Olivenplantage wohnen, „als da rüber zu müssen“.

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Die türkische Hyperinflation treibt sie in die Armutsfalle: Anita und Jürgen Dietz am Strand von Antalya. (Bild: RTL)
„Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Man hat sich hier ein Leben aufgebaut“
Auch für Papa Jürgen wäre der Umzug nach Deutschland „der Worst Case“, wie er zugibt. „Wir sind hier verankert“, bestätigt Anita - und weiß doch: „Es muss eine Veränderung her. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben ... das ist schwer“, stockt ihr die Stimme. „Wir sind nicht mehr die Jüngsten. Man hat sich hier ein Leben aufgebaut.“ Mit einem aufblasbaren Bett, einem Tisch und zwei Stühlen seien sie damals gekommen. „Fängt man mit über 70 dann noch mal von vorne an? Ich weiß es nicht.“
Positive Nachrichten gibt es von der deutschen Vermieterin. Die will die gerade noch verkraftbare Mieterhöhung von 50 Euro auf zwei Jahre vertraglich fixieren. Eine Art Schonfrist für das Rentner-Paar: „Wir wissen, dass wir zwei Jahre gesichert sind.“ Die Sorgen aber bleiben, wie Anita am Ende der Reportage durchblicken lässt: Antalya sei zu ihrer Heimat geworden. „Der Gedanke, dass wir hier wegmüssen aus irgendwelchen Gründen, tut richtig weh.“ (tsch)

