Dieter Nuhr Wie ist das, als „meistgehasster Kabarettist“ bezeichnet zu werden?

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Dieter Nuhr wurde 2020 zeitweise als „meistgehasster Kabarettist“ bezeichnet. Ihn juckt’s nicht so sehr. „Kritik ist in erster Linie auch ein Zeichen wachsender Bedeutung“, sagt er uns.

Köln – Wie schön ist das denn?! Dieter Nuhr (60), diskussionsfreudigster und oft umstrittener deutscher Kabarettist aus dem Rheinland, macht in seiner Freizeit das, von dem Millionen träumen: Er reist rund um die Welt, entdeckt neue Länder, trifft neue Menschen, sieht das, was andere gern sehen möchten – und hält das mit der Kamera fest.

Einen kleinen Überblick gibt Dieter Nuhr, der Malerei studiert hat, in seinen fotografischen Reiseerlebnissen „Wo geht’s lang?“ (Luebbe Verlag, 20 Euro). Im EXPRESS schweifen wir mit ihm in die Ferne.

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In seinem neuen Buch zeigt Dieter Nuhr die schönsten Fotografien seiner vielen Reisen.

Dieter Nuhr über die Kritik an ihm, seine Reiseerlebnisse und Corona

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Sie zeigen uns in dem Bildband Ihren Blick auf unsere Welt. Was war das für Sie extremste Foto?
Dieter Nuhr:
Schwer zu sagen. Extrem ist selten das einzelne Bild, eher die Vielfalt. Die Bilder sind in 0 bis 7.000 Meter Höhe entstanden, auf allen Kontinenten, in extrem unterschiedlichen Kulturen. In Bolivien wurde ich bedroht, in Indien wurde mir ein Kind zur Mitnahme angeboten, in Georgien haben wir eine Jugendbildungsinitiative erfunden, in Japan im Kloster zwischen 200.000 uralten Gräbern übernachtet. Irgendwann begreift man auf Reisen, dass die Welt komplexer ist, als es sich die meisten zu Hause vorstellen.

Fliegen ist in Verruf gekommen. Keine Angst vor Kritik?
Dieter Nuhr: Ich halte Reisen für unabdingbar, für mich schon aus beruflichen Gründen. Ich mache meine Bilder überall, stelle sie in China, Russland und sonst wo aus, auch an Orten, die mit dem Fahrrad nur schwer zu erreichen sind. Im Übrigen hat die Globalisierung die Welt in gegenseitiger Abhängigkeit vereint. Das muss unbedingt so bleiben, ein Zurück zur nationalstaatlichen lokalen Isolation würde auch ein Zurück in die Zeit der Weltkriege bedeuten. Natürlich muss Reisen ökologischer werden. Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten an Ökokraftstoffen und alternativer Mobilität.

Sie sehen vieles, von dem gesagt wird, dass es durch die Schuld der Menschen bald verschwunden sein wird. Beeinflusst das Ihre Reise-Lust?
Dieter Nuhr: Wenn man durch die Welt fährt, hat man heute immer dieses „O weh, das geht jetzt alles unter“-Gefühl im Hinterstübchen. So ist der Zeitgeist. Tatsache ist, dass sich der ewige Wandel der Welt beschleunigt und dass das einige mehr als unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringt, ungewohnterweise diesmal nicht nur für andere Erdteile, sondern auch für uns. Es ist vielleicht gerade deshalb wichtig, die Welt zu inspizieren und zu staunen. Erst dann kann man ermessen, was getan werden muss. Realismus hilft auch dabei, die Grenzen der eigenen Möglichkeiten einschätzen zu können. Und die sind begrenzt.

Kennen Sie auch die andere Seite – den All-inclusive-Urlaub?
Dieter Nuhr: Habe ich noch nie gemacht, ich könnte das nicht. Wer das machen möchte, soll es gerne machen, ich bedaure, dass ich das nicht hinkriege. Ich gehe lieber raus und gucke, was hinter der nächsten Ecke zu sehen ist.

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Den Jahresrückblick in der ARD hat Dieter Nuhr auch dieses Mal wieder gemacht.

Hat Corona Reisepläne durchkreuzt?
Dieter Nuhr: Corona hat alles verändert. Wir waren Februar und März noch in Vietnam und Kambodscha, das war großes Glück. Vietnam war noch coronafrei, die Einreise für Chinesen, Japaner, Koreaner und Inder aber bereits nicht mehr erlaubt. Deswegen waren wir in der Tempelanlage von Angkor Wat fast allein – so hat man sie zum letzten Mal vor 100 Jahren erleben können. Dann waren wir noch im Mekongdelta, danach war Feierabend.

Ist Satire für Sie Arbeit und Reisen Ihr Hobby?
Dieter Nuhr: Das ist für mich eins. Bei mir sind Arbeit und Leben nicht getrennt.

Können Sie sich vorstellen, nur eines von beiden zu machen?
Dieter Nuhr: Bis vor kurzem konnte ich das nicht. Ich konnte mir aber auch Einschränkungen, wie sie derzeit normal sind, nicht vorstellen. Es ist ein wesentliches Merkmal guter Lebensführung, dass man aus dem Möglichen das Beste macht. Jetzt remixe ich mein vorhandenes Material, und schreibe meine Texte aus einer inneren Distanz zur merkwürdigen Realität heraus.

Haben Sie den Eindruck, dass in dieser Welt alles den Bach runter geht?
Dieter Nuhr: Nein. Man darf ja nicht vergessen, dass die Welt, in der wir leben, unfassbar viel besser geworden ist als sie mal war. Wir waren innerhalb eines Jahres in der Lage einen Impfstoff zu entwickeln! Wahnsinn! Die medizinische Versorgung ist so viel besser geworden. In den letzten Jahrzehnten ist die weltweite Armut derart zurückgegangen! Keine Generation hat ein Grundrecht darauf, ein ganzes Leben ohne Krisen zu durchleben. Meine Eltern sind im Weltkrieg aufgewachsen. Ich ziehe Corona vor und hoffe, dass die Impfung das Problem beseitigt. Dann werden wir uns in 20 Jahren relativ gelassen an eine schwierige, aber nicht unerträgliche Zeit erinnern – und uns neuen Krisen widmen.

2020 wurden sie als „Deutschlands meistgehasster Kabarettist“ bezeichnet. Was macht das mit ihnen?
Dieter Nuhr: Nicht viel. Ich denke, dass das, was ich mache, in erster Linie erfolgreich ist. Wir haben sehr hohe Einschaltquoten, die Tournee war – so lange sie noch lief – ausverkauft, ich stelle international aus. Natürlich erzeugt Kritik bessere Schlagzeilen als Zustimmung. Das darf man nicht zu ernst nehmen. Kritik ist in erster Linie auch ein Zeichen wachsender Bedeutung. Es wird diskutiert, was ich sage. Ich werde als dem Zeitgeist kritisch gegenüberstehender Mensch natürlich auch völlig hysterisch diffamiert. Aber das erscheint in den Medien wie durch eine Teleskop vergrößert. In der realen Welt erfahre ich große Zustimmung. Nichts wird so sehr überbewertet wie Wutbürgertum von Links- und Rechtsaußen.

Über 30 Jahre auf der Bühne – was hat sich verändert?
Dieter Nuhr: Sie ist in vielerlei Hinsicht unerfreulicher geworden. Als ich im Kabarett anfing, war es noch üblich, auch unter Kollegen andere Meinungen zu respektieren. Das ist vorbei. Die Hysterie, mit der Themen behandelt werden, ist größer geworden. Mit den Sozialen Medien wurde der Pranger wieder eingeführt. Auch sonst erinnert vieles an das Mittelalter, z. B., dass sich Erlösungsglaube wieder ausbreitet. Linke glauben an Erlösung durch Gleichheit, Rechte an das Heil durch ethnische Homogenität. Dass die Welt immer unvollkommen sein wird und zu komplex für alles vereinheitlichende Ideologien ist, ist heute nicht mehr vielen klar. Ich fürchte, die Aufklärung ist auf dem Rückzug. Das ist gruselig.

Dieter Nuhr: Gründungsmitglied der Grünen

  • Dieter Nuhr (geboren am 29. Oktober 1960 in Wesel) wuchs in Düsseldorf auf.
  • Er studierte Geschichte und Bildende Kunst auf Lehramt (Uni Duisburg-Essen, 1988 1. Staatsexamen).
  • 1986 bildete Dieter Nuhr mit Frank Küster das Kabarettduo „V.E.V.–K.Barett“. 1994 folgte sein erstes Soloprogramm „Nuhr am nörgeln!“.
  • Seit 2004 macht Nuhr (mit Unterbrechungen) TV-Jahresrückblicke, erst bei Sat.1, dann beim ZDF, jetzt ARD).
  • Er fotografiert nebenbei, stellt in Foto-Galerien aus.
  • Dieter Nuhr erhielt 2017 den NRW-Verdienstorden.
  • Er war Gründungsmitglied der Grünen
  • Dieter Nuhr spielt seit 2014 Tennis beim TC Bovert
  • Der 60-Jährige lebt mit seiner Frau u.a. im Rheinland. Die beiden haben eine 23-jährige Tochter.

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