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ARD-Experte Fabian Wegmann zur Tour de France 2026„Heute wird selbst der Schweiß analysiert“

Eingespieltes Duo seit Jahren: Tour-Kommentator Florian Naß begrüßt auch 2026 als Experten den ehemaligen Radprofi Fabian Wegmann (links) zur täglichen Berichterstattung vom größten Radrennen der Welt.  (Bild: Florian Naß)

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Eingespieltes Duo seit Jahren: Tour-Kommentator Florian Naß begrüßt auch 2026 als Experten den ehemaligen Radprofi Fabian Wegmann (links) zur täglichen Berichterstattung vom größten Radrennen der Welt. (Bild: Florian Naß)

Ex-Radprofi Fabian Wegmann begleitet die Tour de France zum zehnten Mal als ARD-Experte. Vor dem spektakulären Auftakt in Barcelona ordnet der 46-Jährige Favoriten, Strecke und deutsche Chancen 2026 ein. Was kann Tour-Hoffnung Florian Lipowitz erreichen?

Fabian Wegmann, 46, war einer der vielseitigsten deutschen Radprofis seiner Zeit - mit ausgeprägter Stärke am Berg. Sein größter Coup gelang ihm 2004 beim Giro d'Italia, wo er als erster Deutscher die Bergwertung für sich entschied. Bei der Tour de France durfte er 2005 und 2006 das gepunktete Trikot des besten Kletterers überstreifen. Zweimal siegte er beim Frankfurter Traditionsrennen Eschborn - Frankfurt, dreimal krönte er sich zwischen 2007 und 2012 zum Deutschen Straßenmeister. Vor zehn Jahren wechselte der Münsteraner auf den Experten-Stuhl der ARD. Auch in diesem Jahr begleitet Wegmann das wichtigste Radrennen der Welt an der Seite von ARD-Tourstimme Florian Naß. Was macht die Tour de France 2026 aus? Wer sind die Favoriten? Kann dem deutschen Hoffnungsträger Florian Lipowitz ein großer Coup gelingen?

teleschau: Auf was darf man sich bei der Tour de France 2026 freuen?

Fabian Wegmann: Zuallererst mal auf den Auftakt mit dem Mannschaftszeitfahren in Barcelona. Das ist einfach eine tolle Stadt mit vielen ikonischen Orten, die viele ja noch von den Olympischen Spielen dort kennt. Die Stimmung in Barcelona wird sicher toll sein. Danach geht es schnell in die Pyrenäen. Was bedeutet, dass sich die Favoriten früh zeigen müssen. Ich erwarte eine sommerlich mediterrane Tour, denn Paris ist mit deutlichem Abstand das nördlichste Ziel, das angefahren wird. Hitze könnte zum Faktor werden. Und natürlich bin ich sehr gespannt auf unseren deutschen Mitfavoriten, Florian Lipowitz.

teleschau: Lipowitz war im letzten Jahr sensationeller Dritter. Wie weit nach oben kann es für ihn 2026 gehen?

Wegmann: Ein erneuter dritter Platz wäre ein Riesenerfolg. Ich sehe wie die meisten Tadej Pogačar klar vorne. Er ist in diesem Jahr deutlich weniger Rennen gefahren. Das spricht dafür, dass er bei der Tour topfit sein möchte. Die Rennen, bei denen er gefahren ist - da war er saustark. Er hat ja mal angedeutet, dass er nicht ewig fahren wird. Ich kann das verstehen. Wenn man immer der Beste sein muss, ist das ein Druck, den sich die meisten von uns kaum vorstellen können. Wenn du - wie er - immer gewinnst, wird die Euphorie über Siege auf Dauer kleiner werden. Doch was bleibt dann noch übrig? Nur noch der Druck. Wenn du dann mal verlierst, fühlt sich das wie eine gigantische Niederlage an. Es ist einsam an der Spitze, sagt man - und das fühlt sich nicht wirklich gut an.

„Noch mal Platz drei für Lipowitz wäre gigantisch“

Topfavorit auf den Tour de France-Sieg 2026 ist erneut der Slowene Tadej Pogačar. Nach 2020, 2021, 2024 und 2025 strebt er seinen fünften Titel an. Doch drei bis vier Herausforderer könnten dem Slowenen gefährlich werden. (Bild: Eurosport)

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Topfavorit auf den Tour de France-Sieg 2026 ist erneut der Slowene Tadej Pogačar. Nach 2020, 2021, 2024 und 2025 strebt er seinen fünften Titel an. Doch drei bis vier Herausforderer könnten dem Slowenen gefährlich werden. (Bild: Eurosport)

teleschau: Sehen Sie hinter Pogačar seinen Dauerkonkurrenten Jonas Vingegaard klar auf zwei?

Wegmann: Vingegaard hat 2026 den Giro d'Italia gewonnen und dabei fünf Etappen für sich entschieden. Das sagt ja eigentlich alles. Man wird auch bei der Tour mit ihm rechnen müssen. Dann gibt es neu im Feld das erst 19 Jahre alte französische Wunderkind Paul Seixas. Der hat vor der Tour als Newcomer alles in Grund und Boden gefahren. Man muss mal schauen, wie er mit der Belastung von drei Wochen Rennen klarkommt. Nach seinem Sturz und dem frühzeitigen Aus bei der Tour Auvergne - Rone-Alpes muss man auch noch schauen, wie fit er bei der Tour am Start stehen kann. Dazu gibt es noch Remco Evenepoel, der beim Zeitfahren ziemlich sicher der Beste ist. Zeitfahren spielt auf der diesjährigen Tour allerdings nicht so die große Rolle. Florian Lipowitz ist wie Pogačar ziemlich dosiert gefahren in diesem Frühjahr. Das spricht dafür, dass er noch stärker sein könnte als 2025, als er Dritter wurde. Dennoch sage ich bei dieser Konkurrenz: Noch mal Platz drei für Lipowitz wäre gigantisch.

teleschau: Die dritt- und vorletzte Etappe enden beide im legendären Alpe d'Huez. Danach kommt nur noch die Flachetappe nach Paris. Ist die Tour auf den maximalen Showdown hingebürstet?

Wegmann: Es riecht ein bisschen danach. Wobei man schauen muss, wie entscheidend die beiden Hammer-Etappen am Schluss wirklich sein werden. Am vorletzten Renntag geht es über 5.450 Höhenmeter, das ist schon unglaublich. Ob sich jedoch da die Tour entscheidet oder alles so bleibt, wie es bis dahin war - beides kann passieren. In den letzten Jahren habe ich es oft erlebt, dass nahezu alle Favoriten am Ende immer noch ihre anvisierte Wattzahl treten konnten. Auch deshalb, weil Teams und Fahrer wissen, dass sie gerade auf solchen Etappen nicht schwächeln dürfen. Die Tour 2026 ist extrem bergig. Das könnte Pogačar helfen, Vingegaard ebenfalls - aber auch Lipowitz.

teleschau: Fahren Sie die Strecke vor der Übertragung immer noch selbst ab?

Wegmann: Was wir übertragen, fahre ich immer am Morgen vor der Etappe ab. Erst mal im Auto, da sind wir zu zweit, aber ich bin dann schon in Radklamotten. Wenn ich merke, dass es zeitlich passt, steige ich um aufs Rad, um Strecke und Bedingungen selbst zu erleben: Straßenbelag, Kurven, Ideallinie, Hindernisse, Abfahrten, Wind und so weiter. Auch weil ich selbst viel fahren möchte, hoffe ich auf gutes Wetter (lacht).

„So etwas ist angeboren und nur bedingt trainierbar“

Jonas Vingegaard ist 2026 auch den Giro d'Italia gefahren - und hat das Rennen souverän gewonnen. Kann er als Hauptkonkurrent von Tadej Pogačar dessen fünften Sieg verhindern?  (Bild: 2022 Getty Images/Yong Teck Lim)

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Jonas Vingegaard ist 2026 auch den Giro d'Italia gefahren - und hat das Rennen souverän gewonnen. Kann er als Hauptkonkurrent von Tadej Pogačar dessen fünften Sieg verhindern? (Bild: 2022 Getty Images/Yong Teck Lim)

teleschau: Welches ist das fieseste Wetter?

Wegmann: Für mich auf jeden Fall: Regen. Letztes Jahr hat es ein paarmal geregnet. Ich erinnere mich daran, wie ich mich mal im Wald unter Bäumen am Straßenrand untergestellt habe. Eine ältere Frau hielt mit dem Auto an und gab mir einen Regenschirm. Da waren aber noch andere Radfahrer, die sich untergestellt hatten, und die fragte ich dann, ob sie mit unter den Schirm kommen wollen. Dabei stellte sich heraus, dass es auch Deutsche aus Münster waren. Leute, die daheim gerade mal 500 Meter von mir entfernt wohnen. Für solche tollen Erlebnisse ist fieser Regen dann doch wieder gut (lacht).

teleschau: Hassen alle Fahrer im Feld den Regen?

Wegmann: Da gibt es durchaus Unterschiede. Ich möchte behaupten: Kein Fahrer liebt Regen und Kälte. Trotzdem gibt es welche, denen es kaum etwas ausmacht. Sie fahren kaum weniger gut bei solchen Bedingungen, während andere klar schlechter sind. Oft sind das sehr dünne Fahrer. Das Gleiche gilt übrigens auch für Hitze. Fahrer sind unterschiedlich resistent dagegen. Ich möchte fast sagen: So etwas ist angeboren und nur bedingt trainierbar.

teleschau: Welche neuen Trends gibt es im Radsport?

Über drei Wochen vom 4. Juli bis zum Finale in Paris am Sonntag, 26. Juli, hält die Tour de France 2026 Frankreich und die Welt in Atem. Gefahren wird diesmal vor allem im warmen Süden des Landes: Die finale Etappe nach Paris ist mit deutlichem Breitengrad-Abstand der nördlichste „Austragungsort“ der Tour. (Bild: 2017 Getty Images/Chris Graythen)

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Über drei Wochen vom 4. Juli bis zum Finale in Paris am Sonntag, 26. Juli, hält die Tour de France 2026 Frankreich und die Welt in Atem. Gefahren wird diesmal vor allem im warmen Süden des Landes: Die finale Etappe nach Paris ist mit deutlichem Breitengrad-Abstand der nördlichste „Austragungsort“ der Tour. (Bild: 2017 Getty Images/Chris Graythen)

Wegmann: Die Spezialisten der Teams arbeiten ständig in allen Bereichen. Aerodynamik ist nach wie vor ein großes Thema - und Materialforschung. Man versucht die Räder immer leichter und noch aerodynamischer zu machen. Wobei es allerdings auch Bestimmungen fürs Mindestgewicht eines Rades gibt. Zuletzt erlebte man es ab und zu, dass Räder nicht zugelassen wurden, weil sie ein paar Gramm zu leicht waren. Auch an den Reifen, Radreifen und deren Kombination wird ständig geschraubt. Die Tour de France verläuft in diesem Jahr über 3.333 Kilometer. Da hat man immer andere Beläge. Eine Rad-Reifen-Kombination mag für einen Straßenbelag hervorragend sein, aber für den anderen ungünstig. In diesem Bereich kann man als Team sehr viel Geld ausgeben, wenn man sich auf alle Etappen entsprechend optimal vorbereitet.

„Die Fahrer erreichen tendenziell immer früher ihren Peak“

teleschau: Vingegaard wird in diesem Jahr 30. Tadej Pogačar ist 27, Lipowitz 25 Jahre alt. In welchem Alter ist man als Topfahrer auf seinem Peak angekommen? Und wann darüber hinaus?

Wegmann: Noch vor 15 Jahren hätte man pauschal gesagt, dass Topfahrer zwischen 26 und 28 Jahren auf ihrem Peak sind. Dann haben sie genug Erfahrung gesammelt, um auf dem höchsten Level fahren zu können. Sie sind aber noch jung genug, um körperlich sehr stark zu sein. Mittlerweile würde ich sagen: Man muss es individueller betrachten. Es gibt Fahrer, die erreichen ihren Peak früher, andere hingegen erstaunlich spät in der Karriere. Wenn man sich den Ironman anschaut, also eine andere extreme Ausdauersportart, da gibt es viele Topleute über 30. Andererseits muss man sagen: Die Fahrer erreichen tendenziell immer früher ihren Peak, da sie heutzutage wesentlich besser von Trainern, Ernährungsberatern und Psychologen unterstützt werden - und sie deshalb nicht mehr so viele eigene Erfahrungen sammeln müssen. Früher hat es oft Jahre gebraucht um zu schauen, was für einen funktioniert und was nicht.

teleschau: Man hat das Gefühl, dass auch die Athleten in Sachen Trainingswissenschaft und Ernährung immer professioneller werden.

Wegmann: Ja, das stimmt. Viele Profisportler sind heute selbst halbe Mediziner und Trainingswissenschaftler, das ist auf jeden Fall ein Trend. Viele Athleten beschäftigen sich intensiv mit Daten. Sie wissen alles über Ernährung und sehen dies als Teil ihres Jobs an. Dass heute jemand wegen eines Hungerasts am Berg stehenbleibt, erlebt man fast überhaupt nicht mehr. Früher passierte das öfter. Heute wird selbst der Schweiß analysiert. Jede Sekunde des Rennens wird datenmäßig aufgezeichnet und ausgewertet.

„Wer damit nicht klarkommt, hat schon verloren“

teleschau: Nimmt dies Druck vom Fahrer, nach dem Motto: Eigentlich werde ich hier eingestellt wie eine Maschine, deshalb tragen andere die Verantwortung für meine Leistung? Oder ist es so, dass es den Druck auf den Athleten erhöht, weil er weiß, dass ein großes Expertenteam nur an der Optimierung seiner Leistung arbeitet?

Wegmann: Das ist eine interessante Überlegung. Beides ist denkbar. Ich glaube, es kommt auf das Mindset des Fahrers an. Ob und wann man sich Druck macht. Und wie gut man mit Druck zurechtkommt. Pogačar kommt gut damit zurecht, der ist meistens ziemlich locker. Auch deshalb ist er der Beste. Nehmen wir einen Paul Seixas. Ganz Frankreich wartet darauf, wieder einen nationalen Rad-Helden zu haben, der die Tour gewinnt. Wenn du bereits mit 19 Jahren in so einer Rolle bist, macht das einen unfassbaren Druck. Wer damit nicht klarkommt, hat schon verloren. Ich glaube aber, dass Seixas damit klarkommt. Man braucht neben dem Talent ein Mindset aus Besessenheit und gleichzeitiger Lockerheit, um ein großer Champion zu werden.

teleschau: Schauen wir auf die deutschen Fahrer. Was erwarten Sie 2026 bei der Tour von ihnen?

Wegmann: Lipowitz steht natürlich über allen. Aber wird er eine Etappe gewinnen? Ich glaube, das wird schwierig, denn er muss sich immer an den Besten orientieren, hat also die härteste Konkurrenz, die es gibt, auf jenen Etappen, wo er vorne dabei sein möchte. Bei den Sprintern haben wir Pascal Ackermann dabei. Beim Giro war er zweimal Siebter, damit wird er sicherlich nicht zufrieden sein. Mal sehen, wie er sich zur Tour noch verbessern kann. Ich traue auch Phil Bauhaus etwas zu. Er war schon einige Male nah dran an einem Etappensieg. Wenn alles perfekt für ihn läuft, kann er einen Sieg einfahren. Auch Georg Zimmermann ist für eine Überraschung gut. Er hat in diesem Jahr Eschborn - Frankfurt gewonnen und war früh in seinem Team für die Tour gesetzt. Ich gehe davon aus, dass er eine freie Rolle im Team bekommt, so könnte er um einen Etappensieg mitfahren. Dasselbe gilt auch für Georg Steinhauser, der seine erste Tour de France fahren wird. Schon vor zwei Jahren hat er beim Giro gezeigt, dass er bei einer GrandTour Etappen gewinnen kann! Alle anderen deutschen Fahrer sehe ich in klar definierten Helferrollen. (tsch)

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