Die ARD-Sommerinterviews ziehen nach Störungen im Vorjahr ins Studio um. Weshalb die Spreeterrasse keine Option mehr war, wie herausfordernd die politischen Gespräche mit den Parteichefs in diesen Zeiten sind und welche Relevanz das Format noch hat, erklärt ARD-Hauptstadtstudioleiter Markus Preiß.
Markus Preiß„Die Zeiten für spielerische Sommerinterviews sind viel zu ernst“

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Markus Preiß, der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, emmpfängt zu den Sommerinterviews unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz. Zum Start ist am Sonntag, 5. Juli, 18.00 Uhr, Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zu Gast. (Bild: WDR/ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Ernst)
Einst traf man sich zu den Sommerinterviews im Öffentlich-Rechtlichen vor schöner Landschaft, um über politische Visionen und lockere Alltagsdinge zu plaudern. Heute sind die traditionellen Gespräche mit dem Führungspersonal der Bundestagsparteien längst ernsthafte Angelegenheiten, bei denen die Probleme des Landes und aktuelle Krisen kritisch zur Sprache kommen. Im Ersten geschah das 16 Jahre lang immerhin vor der sommerlichen Berliner Kulisse auf der Terrasse am Spreeufer. Doch auch damit ist nach den Störungen der Interviews mit AfD-Chefin Alice Weidel und CSU-Chef Markus Söder im vergangenen Jahr Schluss: Die ARD-Sommerinterviews finden in der Zeit von 5. Juli bis 30. August ausschließlich im Studio statt. Wie es dazu kam und welche gesellschaftliche Bedeutung hinter der Entscheidung steht, erklärt Hauptstadtstudioleiter Markus Preiß, der in diesem Jahr Kanzler Friedrich Merz sowie AfD-Chef Tino Chrupalla interviewt. Zudem berichtet der 48-jährige Journalist, welche Relevanz das Format heute noch besitzt und wie man sich in krisenhaften Zeiten - zumal vor wichtigen Landtagswahlen - auf die herausfordernden Gespräche vorbereitet.
teleschau: Herr Preiß, werden Sie die Spreeterrasse vermissen - oder nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr eher nicht?
Markus Preiß: Es war auf jeden Fall eine super Location mitten im Zentrum von Berlin. Aber wir haben vor allem Interesse daran, ein gutes Interview zu führen. Allerdings, muss man sagen, ist das dort so nicht mehr zu gewährleisten. Es gab auch ein paar andere Herausforderungen, zum Beispiel, dass es zunehmend wärmer wird. Der ein oder andere Interviewgast hat die heißen Temperaturen schon zu spüren bekommen. Es war also Zeit für eine Veränderung.
teleschau: Vermittelt man mit dem Umzug nicht auch die Botschaft, dass ein demokratischer Diskurs in der Öffentlichkeit kaum mehr möglich ist?
Preiß: Unsere Botschaft ist: Wir wollen uns auf den Inhalt konzentrieren und so zum demokratischen Diskurs beitragen. Dass die Sommerinterviews nicht mehr öffentlich stattfinden können, zeigt: Es verändert sich etwas in unserem Land.
teleschau: Befürchten Sie, dass der sommerliche Charakter des Sommerinterviews durch die Studioumgebung verloren gehen könnte?

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„Meine Perspektive ist immer: Ein Politiker muss sich an seinen eigenen Maßstäben messen lassen“, beschreibt Markus Preiß seine Herangehensweise an die Sommerinterviews mit den Parteichefinnen und -chefs. (Bild: ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Kierok)
Preiß: Nein, darin sehe ich überhaupt kein Problem. Der Sommer ist nur der Zeitpunkt des Interviews, ansonsten ist das für uns ein konzentriertes, politisches Gespräch. Das hat weniger mit der Jahreszeit zu tun. Zumal es auch in der Vergangenheit immer wieder Sommerinterviews drinnen im Studio gegeben hat. Früher war das Sommerliche vielleicht einmal Teil des Charakters, heute geht es eher darum, ein gutes Interview zu führen. Eines, das sich aber natürlich vom „Bericht aus Berlin“ auch dadurch unterscheidet, dass es deutlich länger ist. Man kann sich einer Person und einer Partei ausführlicher und mit anderem Blickwinkel widmen.
„Heute braucht es Sommerinterviews mehr denn je“
teleschau: In früheren Jahren ging es beim Sommerinterview angesichts der parlamentarischen Sommerpause auch um die Visionen eines Politikers oder einer Politikerin, um den Blick aufs große Ganze abseits der Tagesaktualität. Kann diese Besonderheit angesichts der dauerhaften Krisen eigentlich heute noch bestehen?
Preiß: Da gibt es in der Tat Veränderungen: Die Zeiten, in denen im Sommerloch nichts los war, man aber trotzdem senden wollte und deswegen an den Wolfgangsee gefahren ist, um über Salzburger Nockerln zu reden, sind schon länger vorbei. Damals existierte vielleicht auch ein anderes Verhältnis von Politik und Journalismus. Es gab oft spielerische Elemente mit unterhaltendem Charakter. Doch die Zeiten für spielerische Sommerinterviews sind viel zu ernst, seit mindestens zwei, drei Jahren. Aktualitätsgetriebener und politischer ist es schon länger, das hat sich dann aber in der letzten Zeit noch mal verschärft. Man sieht schon, dass sich die Sommerinterviews redaktionell verändert haben.
teleschau: Können Sie sagen, wie sich die Interviewreihe heute dennoch unterscheiden kann von Gesprächen im restlichen Jahr?
Preiß: Oft hören wir die Frage, ob Sommerinterviews eigentlich noch nötig sind. Wir finden: Ja, heute braucht es Sommerinterviews mehr denn je. Im Sommer steht die Welt nicht still, auch wenn in Berlin alle eine Sommerpause machen wollen. Wir sehen ja auch, wie diese Gespräche publizistisch im Fokus stehen, wie sie zitiert und besprochen werden - und wie hoch bei uns die Abrufzahlen in den sozialen Medien sind. Das Sommerinterview ist oft die Gelegenheit, noch einmal politische Antworten zu bekommen - in einer Zeit, in der es sonst wenige offizielle Termine gibt. Der Kanzler macht, so wie Angela Merkel und Olaf Scholz, noch eine letzte große Pressekonferenz, und dann ist erst einmal Pause bis in den Herbst hinein. Im Sommerinterview kann man noch einmal auf aktuelle Dinge eingehen, etwa wie im letzten Jahr bei Friedrich Merz zur Personalie Frauke Brosius-Gersdorf. Trotzdem versuchen wir, auch grundsätzlicheren Fragen Raum zu geben, die wir im „Bericht aus Berlin“ so nicht stellen würden.
teleschau: Stichwort mediale Aufmerksamkeit für die Sommerinterviews: Heute werden kleine Ausschnitte in kürzester Zeit auf Social Media verwendet, auch von den Parteien selbst und mitunter aus dem Kontext gerissen. Verändert dies das Bewusstsein dafür, wie man ein Interview angeht?

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Nach den Störungen im letzten Sommer zieht Markus Preiß Bilanz: „Dass die Sommerinterviews nicht mehr öffentlich stattfinden können, zeigt: Es verändert sich etwas in unserem Land.“ (Bild: ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Kierok)
Preiß: Wir freuen uns generell über Aufmerksamkeit und Rezeption dessen, was wir machen. Wir bedauern nicht, wenn wir auf vielen Wegen viele Leute erreichen. Vielleicht verwendet der ein oder andere die Aussagen so, dass es dem Interview manchmal nicht ganz gerecht wird oder politisch genutzt werden kann. Aber das ist einfach die Medienwelt, in der wir leben.
„Die AfD polarisiert auch unsere Zuschauerschaft sehr“
teleschau: Angesichts der Tatsache, dass medial oft genauer hingeschaut und auf kritische Nachfragen vermehrt geachtet wird: Bereiten Sie sich auf ein Sommerinterview eigentlich anders vor, beziehungsweise motiviert das Besondere daran noch einmal zusätzlich?
Preiß: Definitiv ja. Es ist natürlich journalistisches Handwerk, so ein Interview zu machen. Man überlegt sich: Wo möchte ich eigentlich hin, was ist die Chance dieses längeren Interviews? Was wäre unser Thema, was wären mögliche Antworten, worauf muss ich mich vorbereiten, wie würde ich auf welche Situation reagieren? Das gehe ich im Kopf viel stärker durch, im Vergleich zu einem kürzeren Interview im „Bericht aus Berlin“. Das Sommerinterview ist viel umfassender, oft wird ein Thema über mehrere Fragen aufgebaut. Das wiederum kann schwierig sein, wenn Frage und Antwort später dann zum Beispiel in den sozialen Medien aus dem Kontext gerissen werden. Also: Unabhängig davon, wie viele Interviews man mit der Person geführt hat, ist es in jedem Jahr eine Besonderheit. Man zerbricht sich den Kopf darüber, aber freut sich auch sehr drauf.
teleschau: Wenn man nun ein Interview mit einem zuletzt hart kritisierten Politiker wie Friedrich Merz führt: Nutzt man die Kritik und Stimmung im Land, um das Gespräch zu steuern?
Preiß: Meine Perspektive ist immer: Ein Politiker muss sich an seinen eigenen Maßstäben messen lassen. Wie hat er die Latte gelegt - und ist er drüber oder drunter gesprungen? Ich will die Latte gar nicht irgendwo hinlegen. Ein Sommerinterview hat immer auch etwas Bilanzierendes, gerade mit Vertretern der Regierung, mit der Opposition ist es noch einmal eine andere Form des Gesprächs.
teleschau: Mit Friedrich Merz und Tino Chrupalla übernehmen Sie die letzten beiden Interviews in diesem Sommer. Haben Sie die als wohl wichtigste Gespräche zur Chefsache erklärt - oder gibt es Diskussionen, wer wann wen interviewt?

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Nach den Störungen im vergangenen Jahr finden die Sommerinterviews diesmal nicht auf der Terrasse an der Spree, sondern im Studio statt. (Bild: WDR/ARD-Hauptstadtstudio/Thomas Ernst)
Preiß: Für uns sind alle Interviews wichtig. Als Chefredakteur hat man natürlich die gute Möglichkeit zu überlegen, welche Interviews man übernehmen möchte. Und es ist etwa so, wie Sie sagen: Diese beiden Interviews sind von besonderer Bedeutung, der Regierungschef und der Chef der größten Oppositionspartei, zumal wir uns terminlich kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt befinden.
teleschau: Muss man in diesen Zeiten ein Interview mit AfD-Vertretern besonders gründlich vorbereiten?
Preiß: Jedes Interview ist in einer gewissen Weise besonders. Aber klar, die Konstellation mit der AfD und CDU ist besonders interessant, wenn sie auf Platz 1 und 2 in den Umfragen stehen. Da schaut man schon genau hin. Die AfD polarisiert auch unsere Zuschauerschaft sehr. Die verschiedenen Zuschauer blicken auf das AfD-Interview sehr unterschiedlich. Das haben wir bei anderen Parteien in dem Ausmaß nicht, und damit muss man sich auseinandersetzen.
„Dem Publikum traue ich viel zu“
teleschau: Nun gibt es ja verschiedene Strategien von Politikern und Politikerinnen, kritischen Fragen auszuweichen. Wie geht man damit um, wenn ein Gesprächspartner herumlaviert, sei es charmant oder ruppig?
Preiß: Dem Publikum traue ich viel zu. Die Zuschauer sehen, wenn ein Politiker nicht antwortet. Wenn er oder sie auf jedes Thema die gleiche Antwort hat. Und durch unsere Art zu fragen, versuchen wir, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, sich ein Bild von der Person zu machen. Die Leute nehmen das genau wahr - und ziehen dann daraus selbst ihre Schlüsse.
teleschau: Glauben Sie, es gibt nach den Störaktionen im letzten Jahr noch Situationen bei einem Interview, die Sie überraschen können?
Preiß: Auf das, was letztes Jahr passiert ist, kann man sich nicht vorbereiten. Was das konkrete Gespräch angeht, versuche ich mit maximaler Ruhe, meine Fragen zu stellen, bei meinem Konzept zu bleiben und mir die Antworten mit einer Offenheit anzuhören. Dabei aber nicht jede Abbiegung mitzugehen, die vielleicht mit einem provokanten Satz angeboten wird. Wenn einem das gelingt, können die Zuschauer und damit die Wählerinnen und Wähler selbst entscheiden, ob die Antworten überzeugen.
teleschau: Was sind aus Ihrer Sicht die drei großen Themen, die in diesem Jahr die Sommerinterviews dominieren könnten?
Preiß: Stand jetzt wären das: Wie wird der Wirtschaftsstandort Deutschland gerettet? Was bringen die Landtagswahlen im Herbst? Und die Frage nach Krieg und Frieden um uns herum.
Die Sendetermine
05.07.: Lars Klingbeil (SPD) - Mod. Matthias Deiß 12.07.: Ines Schwerdtner (Die Linke) - Mod. Matthias Deiß 19.07.: Franziska Brantner (Bündnis 90/Die Grünen) - Mod. Anna Engelke 02.08.: Markus Söder (CSU) - Mod. Anna Engelke 23.08.: Tino Chrupalla (AfD) - Mod. Markus Preiß 30.08.: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) - Mod. Markus Preiß (tsch)
