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„Aktenzeichen XY... Ungelöst“So entsteht die ZDF-Sendung

Seit 2002 moderiert Rudi Cerne „Aktenzeichen XY... Ungelöst“. Am 4. Januar gewähren er und sein Team  einen Blick hinter die Kulissen. (Bild: ZDF)

Seit 2002 moderiert Rudi Cerne „Aktenzeichen XY... Ungelöst“. Am 4. Januar gewähren er und sein Team einen Blick hinter die Kulissen. (Bild: ZDF)

Aktualisiert

Seit 1967 geht die ZDF-Sendung ungelösten Verbrechen nach. Wie die nachgestellten Szenen des erfolgreichen Formats produziert werden, davon handelt „Backstage: Aktenzeichen XY... Ungelöst - Spurensuche hinter den Kulissen“. Die Dokumentation wird am 4. Januar ausgestrahlt.

Eine gewisse Nervosität spürt Rudi Cerne immer noch, wenn der Countdown zu „Aktenzeichen XY... Ungelöst“ läuft. „Ich mache das seit vielen, vielen Jahren, aber ein bisschen Aufregung gehört noch dazu“, gesteht der Moderator. Schließlich ist es ja auch eine Live-Sendung. Da darf man auch nach mehr als 250 Einsätzen noch feuchte Hände bekommen.

Das True-Crime-Format hat sich seit der ersten Folge am 20. Oktober 1967 zu einem echten Dauerbrenner im ZDF entwickelt. „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen. Das, meine Damen und Herren, ist der Sinn unserer neuen Sendereihe“, lautete damals die Anmoderation von Eduard Zimmermann, Moderator und Erfinder des Formats in Personalunion. „Ihr Anruf kann dazu führen, dass noch heute Nacht ein lange gesuchter Verbrecher festgenommen wird“, schob er sogleich die Einladung zum Mitwirken hinterher.

Der Journalist und Verbrechensexperte starb 2009, seine Schöpfung lebt indes weiter. 621 Folgen wurden mittlerweile ausgestrahlt, ein Ende ist nicht in Sicht. Warum auch? Die Aufklärungsquote der vorgestellten ungelösten Kriminalfälle beträgt fast 40 Prozent. Grund genug für das ZDF, einen Blick auf die Produktion des Erfolgsformats zu werden: in der 30-minütigen Dokumentation „Backstage: Aktenzeichen XY... Ungelöst - Spurensuche hinter den Kulissen“ (Sonntag, 4. Januar, 19.10 Uhr).

„Wenn es die Sendung nicht gäbe, müsste man sie erfinden“

Rudi Cerne zögerte zunächst, als ihm 2001 die Moderation von „Aktenzeichen“ angeboten wurde. Vor allem zweifelte der Sportmoderator an der Ernsthaftigkeit der Anfrage. „Ich dachte, das ist jetzt ein Joke“, erinnert sich der ehemalige Eiskunstläufer in der Doku an den Anruf von ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke. Das Format habe damals zudem „unter Beobachtung“ gestanden, die Quoten waren rückläufig. „Und wenn die Sendung zugemacht wird und ich bin der Moderator, der sie an die Wand gefahren hat, dann ist das nicht toll.“ Deshalb habe er lange gezögert, das Angebot anzunehmen. Doch schließlich, am 18. Januar 2002, stand er doch am Moderatorenpult.

Heute ist Cerne voll und ganz überzeugt von dem Format. „'Aktenzeichen' ist die Mutter aller True-Crime-Sendungen. Wenn es die Sendung nicht gäbe, müsste man sie erfinden.“ Den Erfolg erklärt er sich damit, „dass die Sendung absolut authentisch ist“. Wichtig für die Strahlkraft sei auch: „Es ist alles echt. Dieses Verbrechen hat's wirklich gegeben.“

Fixpunkt von „Aktenzeichen XY... Ungelöst“ sind die nachgestellten Verbrechen

Und dieses Verbrechen versucht das Produktionsteam von „Aktenzeichen“ so realitätsnah wie möglich darzustellen. Damit die ungeklärten Fälle doch noch gelöst werden können, gehe es darum, „Menschen zu erreichen. Und das schaffen wir nur durch diese Filme, die auch emotional sein müssen. Dass einer sagt: 'Ich hab diesen Mann gesehen, und ich kann Ihnen was dazu sagen.'“

Jedes Detail muss passen: „Backstage - Aktenzeichen XY... Ungelöst“ war bei den Dreharbeiten der Einspielfilme dabei. (Bild: ZDF/Daniel Ritter)

Jedes Detail muss passen: „Backstage - Aktenzeichen XY... Ungelöst“ war bei den Dreharbeiten der Einspielfilme dabei. (Bild: ZDF/Daniel Ritter)

Entsprechend akribisch geht es hinter den Kulissen zu. Etwa sieben Monate vor der Ausstrahlung beginnt die Arbeit. Zuständig für die ersten Kontakte zur Polizei ist die „Deutsche Kriminal-Fachredaktion“ (DKF). Deren stellvertretende Redaktionsleiterin Angela Nachtigall erklärt: „Wir 'XY'-Redakteure setzen uns hin, schreiben Drehbücher, sprechen das alles mit der Polizei ab.“ Es kämen generell viele Anfragen von Polizeidienststellen, „die uns ungeklärte Fälle anbieten und sagen: 'XY' ist der letzte Strohhalm'.“

Für die optimale Umsetzung der Drehbücher zeichnet die „Securitel Film- und Fernsehproduktion“ verantwortlich. Die dortige Produktionsleiterin Jacqueline Wenisch muss alles im Blick haben: das Budget, die Besetzung der Protagonist:innen - und nicht zuletzt auch die Kleidung. Schließlich müssen auch „Cold Cases“, die mehr als 30 Jahre zurückliegen, authentisch dargestellt werden - für Kostümbildnerin Nicole Dannecker teilweise eine große Herausforderung. Auch Einzelheiten wie etwa die Haarlänge des darzustellenden Opfers sind wichtig - der jeweilige Schauspieler darf gegebenenfalls bis zum Dreh nicht mehr zum Friseur. Als Beispiel wird in „Backstage“ der ungelöste Fall des 1990 in Ulm ermordeten Rafael Blumenstock gezeigt, der zur Tatzeit lange Haare trug.

Verbrechen nachstellen: ein Spagat zwischen Realitätsnähe und Empathie

Die eigentlichen Dreharbeiten steigen etwa vier Monate vor dem Sendetermin. Dort kommen zu der erforderlichen Detailtreue noch weitere Aspekte. Schließlich berichtet „Aktenzeichen“ nur von Fällen mit hoher Priorität. Dazu gehören Mord, Sexualdelikte, Raub oder schwerer Betrug. Die Regisseurin Felicitas Darschin erklärt in der Doku: „Detailgetreu zu arbeiten, ist immer ein wichtiger Punkt.“ Zugleich gebe es aber das heikle Thema, dass psychische und physische Gewalt im Spiel sei. Da müssten alle Beteiligten „auch im Bereich der Intimität behutsam miteinander umgehen“, so Darschin.

Für die besonders herausfordernden Szenen ist stets ein Experte für Stuntszenen vor Ort. Dass hinter dem Dreh wahre Verbrechen stecken, lässt den erfahrenen Stunt-Koordinator Mac Steinmeier derweil nicht kalt: Er gesteht, dass ihm die Drehbücher „schon sehr nahe gehen“. Die Fälle seien „teilweise grauenhaft“. Die nachgestellte Brutalität mache einem schon zu schaffen, räumt auch Regisseurin Felicitas Darschin ein. Auch deshalb, „weil zum Teil die Angehörigen noch leben“. Die Täter werden im Übrigen immer nur ansatzweise, etwa von der Seite oder im Schatten, gezeigt. Schließlich seien sie ja unbekannt, so Darschin. Zudem soll so verhindert werden, dass einer der Schauspieler fälschlicherweise unter Tatverdacht gerät.

Auch vor und während der Live-Sendung ist Feingefühl angesagt

Moderator Rudi Cerne gilt mittlerweile als „absoluter Glücksfall für die Sendung“, meint Ina-Maria Reize-Wildemann. Die Redaktionsleiterin bei der DKF lobt seine „Professionalität, Akribie und Empathie“. Die Sendung funktioniere mit Rudi Cerne besser denn je. Die ermittelnden Beamt:innen seien ja ungeübt mit TV-Kameras, von betroffenen Verwandten oder Bekannten der Opfer ganz zu schweigen. Rudi Cerne hat das stets im Blick: „Die wissen ja auch: Da gucken Millionen Menschen zu.“ Die jeweilige Dienststelle mache an diesem Abend wahrscheinlich „Public Viewing“.

Hinzu kommt, dass der ehemalige Leistungssportler weiß, wie es ist, in einem ausgeleuchteten Fernsehstudio Rede und Antwort zu stehen. Bei seinem ersten TV-Interview im „Aktuellen Sportstudio“ sei er vor Aufregung „halb besinnungslos“ gewesen, erklärt er in „Backstage“. Deshalb verstehe er die Aufregung seiner Gäste.

Dass sich einer dieser Gäste vor 13 Jahren als kaltblütiger Mörder entpuppte, lässt den Moderator heute noch erschaudern, wie er in der Doku gesteht. Es ging um den Fall einer vermissten jungen Frau. Zum Zeitpunkt der Sendung war diese längst getötet worden - „und zwar von dem Mann, der bei uns im Studio war“. Es war ihr Verlobter, der sich in der Sendung noch völlig verzweifelt gab. Auch für Redaktionsleiterin Ina-Maria Reize-Wildemann, die den Mann nie und nimmer verdächtigt hätte, ein Schock fürs Leben: „Man sieht es den Menschen nicht an.“ (tsch)