2015 flüchtete er aus Syrien, seit knapp drei Jahren ist Bürgermeister im schwäbischen Ostelsheim. Ryyan Alshebl (32) hat viel zu erzählen – und viel zu sagen!
„Deutschland muss sich mehr trauen“Aus dem Flüchtlingsheim ins Rathaus

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Acht Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland wurde Ryyan Alshebl 2023 zum Bürgermeister der Gemeinde Ostelsheim in Baden-Württemberg gewählt.
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Als Ryyan Alshebl 2015 Syrien verlässt, weiß er ziemlich genau, wohin er will. Nach Deutschland, zu seinem Bruder nach Karlsruhe. Weg aus dem Bürgerkrieg, weg von politischer Verfolgung, weg von einem Land, das für ihn keine Zukunft mehr bereithält. Dass er acht Jahre später Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ostelsheim (2500 Einwohner) in der Nähe von Stuttgart sein wird, war so nicht geplant. Aber er ist jetzt schon seit zwei Jahren im Amt – seine Sicht auf die Dinge in Verwaltung & Co. ist anders – und er traut sich, Missstände auch anzusprechen.
„Irgendwann habe ich gemerkt: Ich will hierbleiben“, sagt uns Ryyan Alshebl. „Und ab diesem Moment war für mich klar: Ich will nicht einfach nur bleiben. Ich möchte etwas verändern und bewegen.“ Geboren wird er 1994 in Suwaida im Süden Syriens. Alshebl wächst in einem Land auf, in dem politische Mitsprache kaum existiert und Krieg das tägliche Leben prägt. 2015 flieht er über das Mittelmeer nach Europa – im Schlauchboot. Die Überfahrt beschreibt er in seinem gerade erschienenen Buch „Flucht nach vorn“ (Droemer, 23 Euro). „Wenn man so etwas erlebt hat, wirken viele Probleme im Alltag plötzlich kleiner.“
Ausbildung als einer der besten Baden-Württembergs bestanden
Die Flucht habe ihm etwas gegeben, das ihn bis heute präge: das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. „Man lernt, dass man mehr schaffen kann, als man selbst denkt“, sagt er. Sein Ankommen in der kleinen Gemeinde im Schwäbischen beginnt nicht direkt im Rathaus, sondern dort, wo in vielen Dörfern Integration tatsächlich stattfindet: klassisch im Sportverein. Alshebl tritt dem örtlichen Tischtennisverein bei – und lernt dadurch Menschen und die deutsche Sprache besser kennen. Bis heute spielt er regelmäßig Tischtennis, zwar nicht als Spitzenspieler, aber um den Austausch zu pflegen. „Es macht mir Spaß, ich treffe immer wieder neue Menschen und bleibe verbunden“, sagt er uns im Interview.
Während Alshebl damals auf den Bescheid des Asylantrags wartet, macht er ein sechswöchiges Praktikum im Bereich Kfz-Mechatronik. Hier wird ihm schnell klar, dass er zwei linke Hände hat – und er sich lieber in einem anderen Bereich ausprobieren möchte. Sein eigenes politisches Interesse hilft ihm weiter. Er möchte eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten machen. Damals lebt er noch in der Nachbargemeinde Althengstett, der dortige damalige Bürgermeister Clemens Götz ermöglichte Ryyan diesen Traum. „Die Berufsschule wollte mich zuerst nicht aufnehmen, weil mein Deutsch noch nicht gut genug war. Herr Götz fuhr den Verantwortlichen in die Parade – und öffnete mir so die erste wichtige Tür auf meinem Weg“, erinnert sich Alshebl.
Durch die Chance, seine Ausbildung im Rathaus zu machen, lernt er das System schon Jahre vor dem eigenen Amtsantritt in der Nachbargemeinde von innen kennen: Abläufe, Regeln, Spielräume und Grenzen. „Ich habe das System studiert und verstanden, wie man Dinge bewegen kann.“ Er bestand seine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten – als einer der Besten in Baden-Württemberg. Acht Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland tritt Alshebl 2023 zur Bürgermeisterwahl in Ostelsheim an. Am 23. Juni 2023 übernimmt er das Amt – als einer der erster Bürgermeister mit syrischem Migrationshintergrund in Deutschland. „Als ich gewählt wurde, habe ich erst realisiert: Jetzt bin ich wirklich verantwortlich. Das ist ein unglaubliches Gefühl.“
Doch trotzdem bleibt seine Bindung zu Syrien stark. „Meine Familie lebt noch dort, meine Gedanken sind oft bei ihnen“, erzählt er. Besonders der vergangene Sommer, als die politische Lage in Syrien eskalierte, brachte ihn an seine Grenzen. „Ich war mit dem Kopf bei meiner Gemeinde und gleichzeitig mit den Gedanken in Syrien.“ Trotz allem ist ein Neuanfang in Syrien für ihn heutzutage undenkbar, auch wenn der Krieg vorbei ist. Deutschland sei sein Lebensmittelpunkt, aber die emotionale Verbindung in seine Heimat bleibe.
Alshebl positioniert sich klar in der Migrationsdebatte. Das Wort „Integration“ mag er nicht. „Es ist zu groß und zu ungenau. Mir geht es um Teilhabe. Menschen sollen Verantwortung übernehmen und die Chance haben, etwas zu erreichen.“ Migration dürfe nicht gestoppt werden, müsse aber organisiert sein durch legale Wege, klare Regeln und Chancen. Gleichzeitig betont er: „Integration ist keine Einbahnstraße. Menschen sollen Fuß fassen – und zugleich spüren, dass sie Teil der Gesellschaft sind.“

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Mit diesem Plakat stellte sich Ryyan Alshebl 2023 zur Wahl als Bürgermeister von Ostelsheim.
Was rät er Geflüchteten, die heute nach Deutschland kommen? „Sich einzulassen, die Sprache zu lernen, die Regeln zu akzeptieren, dankbar zu sein für die Chance und den eigenen Weg aktiv zu gestalten.“ Bürokratie: Eine Schwäche für die Zukunft In seinem neuen Buch kritisiert Alshebl die deutsche Bürokratie scharf. „Die Bürokratie bringt Deutschland nicht voran“, schreibt er. Viele Behörden konzentrierten sich zu sehr auf Rechtssicherheit und die Angst vor Fehlern. „Die Menschen trauen sich nichts. Und genau das blockiert Fortschritt.“
Ein Beispiel sei für ihn die Hermann-Hesse-Bahn in Ostelsheim. Das Jahrhundertprojekt verbindet den Nordschwarzwald mit den Metropolregionen Stuttgart und Böblingen. Nach mehreren Jahren voller Planung und unzähligen Hürden, wie beispielsweise finanziellen und technischen Hindernissen, gab es auch ein großes Hindernis durch den Artenschutz. Das Problem waren die Fledermauspopulationen in dem Tunnel der ehemaligen Schwarzwaldbahn, die als landesweite Population betrachtet wurden. Nach vielem Hin und Her einigte man sich mit dem NABU auf ein „Tunnel-im-Tunnel“-System, welches sowohl die Fledermäuse schützt als auch die Instandnahme der Bahn ermöglichte.
Die Bahn fährt mittlerweile, doch Alshebl ist überzeugt davon, dass „eine Mondlandung mit weniger Papierkram verbunden wäre“. Er betont ebenfalls, dass er für den Artenschutz sei, aber dass eine lösbare Aufgabe durch die Bürokratie in ein unendliches Verfahren verwandelt werde. „Wenn etwas trotz aller Hindernisse gelingt, ist das aber ein unglaublich befriedigendes Gefühl“, sagt Alshebl. Doch er ergänzt: „So darf es im Allgemeinen mit der Bürokratie nicht weitergehen. Die Leute müssen und sollen sich etwas trauen dürfen.“
Neben der Kommunalpolitik engagiert sich Alshebl auch stark für seine Dorfgemeinschaft. Das ehrenamtliche Projekt „Dorfcafé“ begann als Idee für eine Begegnungsstätte für Senioren, da besonders ältere Menschen oft unter Einsamkeit leiden. Diese Idee hat sich jedoch schnell weiterentwickelt – in Richtung einer Begegnungsstätte für alle, und hat mittlerweile über 100 ehrenamtliche Helfer. „Die Menschen kommen zusammen, reden, helfen einander. Das ist für mich gelungene Gemeinschaft“, sagt Alshebl. Begegnungen sind ihm wichtig, auch wenn sie vielleicht zunächst Reibereien verursachen, wenn sehr unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen.
Er hat ein einfaches Beispiel, nennt es in seinem Buch die „Cola-Spezi-Diskussion“. Sie illustriert Integration im Kleinen. Ryyans Gedanke: Wenn es in einem Vereinsheim früher nur Cola gab und plötzlich neue Mitglieder Spezi anbieten wollen, gäbe es zwei Arten von Menschen. Die einen, die sagen „Aber es gab doch schon immer nur Cola!“ und die anderen die sich für etwas Neues einsetzen. „Am Ende muss man ausprobieren, ob es den Leuten gefällt oder nicht“, sagt Alshelb. Es sei ein Sinnbild dafür, wie Integration funktionieren kann. „Es geht nicht um Zwang, sondern darum, etwas Neues auszuprobieren und sich einzulassen.“ In seinem Fall hat es geklappt.
Besonders wichtig ist dem Bürgermeister auch eine neutrale und respektvolle Debatte über die generelle Zukunft aller Flüchtlinge. „Es kann nicht sein, dass Millionen von Menschen vorverurteilt werden, nur weil ein kleiner Prozentteil Straftaten begeht.“ Er betont außerdem, dass die große Mehrheit komme, um zu arbeiten und um sich ein neues Leben aufzubauen. Deutschland sollte seiner Meinung nach keine Anreize für Leute schaffen, die hierher kommen, um nichts zu tun. Sondern das Land sollte die Menschen noch viel mehr dabei unterstützen, Arbeit zu finden und in der Gesellschaft anzukommen. Deutschland ist Ryyan Alshebls neue Heimat. Die Vergangenheit hat ihn geprägt, die Gegenwart fordert ihn, die Zukunft will er gestalten – für sich und die Bewohner in Ostelsheim. „Es geht nicht darum, dass ich eine Symbolfigur bin“, sagt der Bürgermeister. „Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen und Möglichkeiten zu schaffen. Das kann jeder tun, der bereit ist, sich einzubringen.“ Egal, was seine Geschichte ist.


