Russische Journalistin mit übler Putin-Prophezeiung„Es gibt nicht einmal minimale Anzeichen dafür“

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen am 21. September in Welikij Nowgorod.

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen am 21. September in Welikij Nowgorod.

Der Fall Anna Politkowskaja zeigt, was mit Menschen passiert, die Putin und seine Herrschaft kritisieren: Anna Politkowskaja wurde 2006 ermordet. Nun spricht ihre Tochter, die kurz nach dem Angriffskrieg in der Ukraine ihre Heimat Russland verlassen musste. Sie macht eine ernüchternde Prophezeiung.

von Martin Gätke (mg)

Der Fall Anna Politkowskaja erschüttert bis heute: Während Wladimir Putins erster Präsidentschaft galt sie als eine seiner schärfsten Kritikerinnen, sie hat sich vor allem mit ihrer Berichterstattung über den zweiten Tschetschenienkrieg Feinde gemacht. Sie berichtete über Menschenrechtsverletzungen und Korruption, legte sich auch mit Ramsan Kadyrow an, dem Machthaber von Tschetschenien.

2006 wurde Anna Politkowskaja ermordet, wurde vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Nun bringt ihre Tochter Vera ein Buch heraus („Meine Mutter hätte es Krieg genannt“, Tropen-Verlag, 154 S., 22 Euro), in dem sie Einblicke in das Privatleben ihrer Mutter gibt. Kurz, nachdem Putin die Ukraine überfallen hat, flüchtete sie. In einem Interview gibt sie nun ihre Einschätzung zum brutalen Putin-Regime. 

Russland: Journalistin sieht Putin und Nawalny kritisch

Gegenüber „Welt“ erklärt Vera Politkowskaja, warum es so weit kommen konnte, warum die Regierung noch brutaler, noch korrupter wurde, bis hin zu Putins entfesselten Krieg. „Eine wichtige Rolle spielt meines Erachtens die Gesellschaft, die damals nicht reagiert hat und auch heute nicht wie eine gesunde Gesellschaft reagiert. Auf die Ermordung von Oppositionellen etwa, heute auch ihre massenweise Verhaftung“, erklärt Politkowskaja.

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Das aber sei nur ein Teil des Problems, denn die Gesellschaft reagiere auch deshalb nicht, weil es andere Probleme gebe. „Es gibt große Armut in Russland. Wenn der Horizont des Menschen ausschließlich darauf beschränkt ist, wie er seine Familie ernähren, seine Wohnung bezahlen soll, dann schaut man eben nicht über seine kleine Welt hinaus.“

Vera Politkowskaja sieht nicht nur Putins Herrschaft kritisch, sondern auch seinen wohl bekanntesten Kritiker Alexej Nawalny, der bereits im Straflager sitzt.

Immer wieder wird auch diskutiert, ob er als alternativer Präsident taugen würde. Politkowskaja erklärt, sie sehe ihn nicht als russisches Oberhaupt. „Aber wir reden in einer Situation, da seine Kandidatur für die bevorstehenden Präsidentenwahlen unmöglich ist.“

In der aktuellen Situation, in der das politische System auf Putin zugeschnitten sei und er auch die Wahlen 2024 mit Sicherheit gewinnen werde, „muss es schon global zu solchen Veränderungen und Erschütterungen in Russland kommen, in der Gesellschaft und der politischen Vertikale, damit Oppositionelle wie Nawalny überhaupt erst einmal kandidieren können“, so Politkowskaja weiter. 

Russland: „Putins Tod wird die Situation nicht verbessern“

In Russland sei durch Propaganda und einer „krankhaften Einstellung zum Zweiten Weltkrieg“ ein wahrer Kult entstanden, sagt sie, der „barbarisch und bizarr“ wirke. Politkowskajas ernüchternde Einschätzung: „Es gibt heute nicht die geringsten, nicht einmal minimale Anzeichen dafür, dass sich die Situation in Russland ändern könnte. Realistisch gesehen, wird das in der nächsten Zeit nicht geschehen.“

Viele hätten am Anfang des Krieges noch die Hoffnung gehegt, es würde alles wieder in alte Bahnen zurückkehren, wenn alles vorbei ist. „Von wegen“, findet Politkowskaja. „Heute sieht man, dass nichts sich verändert. Manche sagen, wenn Putin weg ist, wird alles gut. Nein. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Ende des Krieges, wie immer er ausgeht, die Situation nicht bessern wird. Putins Tod, wie immer er zustande kommt, wird die Situation nicht verbessern. Uns stehen lange, lange Jahre bevor, nach der Lösung der Situation mit der Ukraine. Niemand weiß, in welche Richtung es sich dann entwickelt.“