Mehr als 335.000 Menschen in Sachsen-Anhalt haben Briefwahl beantragt – ein Rekord. Gleichzeitig sät die AfD Zweifel an dem Verfahren. Sie bereitet sich seit Wochen auf die große Lüge vor.
Vor Landtagswahl in Sachsen-AnhaltDie AfD bereitet sich auf die große Lüge vor

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AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf einem Bürgerdialog zur Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt.
Hunderttausende Menschen haben in Sachsen-Anhalt bereits ihre Stimme abgegeben, bevor am Wahlsonntag (6. September) das erste Wahllokal öffnet. Mehr als 335.000 Bürgerinnen und Bürger haben Briefwahlunterlagen beantragt, deutlich mehr als bei der vergangenen Wahl. Und während die Umschläge in die Rathäuser zurückwandern, läuft parallel eine massive Kampagne gegen dieses Verfahren.
Die AfD macht seit Wochen massiv Stimmung gegen die Briefwahl. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund behauptete vor einigen Tagen auf der Plattform X, in Altenheimen „führe“ das Personal den Stift. Eine Lüge. Ähnlich äußerte sich AfD-Chef Tino Chrupalla im ARD-Sommerinterview. Überprüfbare Belege für ihre Behauptungen nannten beide Politiker nicht.
Verbände wehren sich – die Lüge bleibt
Pflegeverbände haben dem Vorwurf entschieden widersprochen. Auch die Landeswahlleiterin von Sachsen-Anhalt, Christa Dieckmann, legte öffentlich dar, wie sicher das Briefwahlverfahren ist. Gerade weil das System fortlaufend überprüft werde. Wahlvorstände seien mit bis zu neun Mitgliedern besetzt, die sich gegenseitig kontrollierten. Zudem sei die Auszählung der Briefwahlstimmen öffentlich – könne also von jedem beobachtet werden.
Genutzt haben ihre Darlegungen wenig: In sozialen Netzwerken wird weiter behauptet, die Briefwahl sei anfällig für Manipulation – in Postings, in Videos, in Wortmeldungen. Im Netz kursierte sogar ein gefälschtes Video über angeblich geschredderte AfD-Stimmen.
Auch wenn es immer wieder zu einzelnen Pannen in Kommunen kommt: Belege für einen Wahlbetrug gibt es nicht. Auf Bundes- oder Landesebene sind keine Fälle von Fälschungen bei Briefwahlen bekannt. Aber darum geht es der AfD offenbar auch nicht.
Politologe sieht das Muster aus Amerika
Hinter der Verbreitung dieser Lüge steckt eine klare Strategie, vermutet der Politologe Prof. Thomas Kliche. Im Gespräch mit dem ARD-Magazin „Kontraste“ zieht er eine Parallele zu US-Präsident Donald Trump, der ebenfalls gegen die Briefwahl in seinem Land hetzte und behauptete, Opfer eines massenhaften Wahlbetrugs geworden zu sein – ebenfalls ohne konkrete Belege zu nennen.
„Das Entscheidende an politischen Unterstellungen und Verdächtigungen ist nicht, ob man Tatsachen dafür anführen kann. Sondern die Richtung und die Geschichte, die immer wieder wiederholt und vertieft wird. Wir wissen, dass selbst falsche Nachrichten in Erinnerung bleiben, wenn sie nur oft genug wiederholt werden“, erklärt Kliche.
Warum die AfD ein Interesse an der Lüge hat
Die Briefwahl wird in Deutschland immer beliebter – und davon haben zuletzt vor allem andere Parteien profitiert. Bei der Bundestagswahl 2025 zum Beispiel haben nur 24 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler ihre Stimme per Brief abgegeben. Bei der CDU waren es knapp 40 Prozent, bei der SPD über 39 Prozent, bei den Grünen über 44 Prozent.
Wer also das Vertrauen in die Briefwahl beschädigt, schwächt tendenziell die Konkurrenz – und schafft sich gleichzeitig eine Erzählung für den Fall einer Niederlage.
So bereitet sich die AfD auf den Tag nach der Wahl vor: Fällt das Ergebnis schlechter aus als erhofft, liegt die vermeintliche „Begründung“ schon bereit – die Briefwahl sei schuld. Der Zweifel ist gesät, lange bevor die Stimmen ausgezählt sind.
Am Wahlsonntag entscheidet sich, wie weit die AfD-Erzählung getragen hat. Die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei erhält nach der aktuellsten Umfrage des ZDF-Politbarometers (28. August) 40 Prozent – und liegt mit großem Abstand vor der CDU von Ministerpräsident Sven Schulze (23 Prozent).
Eine absolute Mehrheit für die AfD wäre damit laut aktueller Prognose eher unwahrscheinlich. Wenn es um die Frage geht, wen die Menschen im Land lieber als Ministerpräsidenten hätten, liegt Amtsinhaber Schulze im direkten Vergleich deutlich vor Herausforderer Siegmund. (mg)

