Epidemiologe zieht über Lauterbach her „Wäre besser, wenn er seine Zunge im Griff hätte“

German Health Minister Karl Lauterbach attends a session of the Bundestag (lower house of parliament) on July 8, 2022 in Berlin. (Photo by Tobias SCHWARZ / AFP)

Karl Lauterbach (hier am 8. Juli im Bundestag) sorgt mit seiner Corona-Kommunikation für Unmut bei einem Stiko-Mitglied. Das machte seinem Ärger nun Luft.

Gesundheitsminister Lauterbach übt Druck auf die Ständige Impfkommission (Stiko) aus, fordert eine klare Ansage an alle Altersgruppen, ob sie sich jetzt boostern lassen sollten oder nicht. Alle sollten wissen, was sie machen sollen. Nun äußert sich ein Stiko-Epidemiologe über diese Forderung – und spricht Klartext.

Karl Lauterbach (SPD) fordert eine klare Ansage: Bislang wird Corona-Impfung Nummer vier nur Menschen ab 70 Jahren sowie den Risikogruppen empfohlen – nun will der Gesundheitsminister, dass auch der Rest der Bevölkerung erklärt bekommt, ob sie einen Booster bekommen sollten oder nicht.

Lauterbach hatte sich für die Empfehlung für Menschen unter 70 Jahren ausgesprochen, ob sie eine vierte Impfung bekommen sollten oder nicht. „Natürlich wollen auch die Jüngeren wissen, was sie denn nun machen sollen. Wir brauchen jetzt klare Empfehlungen für alle Altersgruppen“, sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Karl Lauterbach: Stiko-Mitglied übt scharfe Kritik am Minister

Man brauche für jedes Alter eine Botschaft. Spätestens, wenn die neuen an die Omikron-Variante angepassten Impfstoffe da seien, „sollte es klare Ansagen auch für die unter 60-Jährigen geben“.

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Prof. Dr. Rüdiger von Kries, Epidemiologe der Stiko, nimmt nun gegenüber dem Nachrichtensender „Welt“ Stellung zu dem Druck, den Karl Lauterbach da aufbaut. Der sei „letztendlich nicht nachvollziehbar“, so Rüdiger von Kries. „Es gibt keine Notwendigkeit, blitzschnell zu handeln. Es gibt keinen Grund, warum sich Herr Lauterbach zu impfrelevanten Fragen äußert, bevor sich die Stiko mit diesen befasst hat.“

Auf die Frage, ob es vonseiten der Stiko den Versuch gibt, auf den Gesundheitsminister einzuwirken, erklärte der Epidemiologe: Die Stiko sei eine Kommission, die sich zu Impfungen äußert, nicht zu den Gesetzgebungen des Ministers, erwidert Rüdiger von Kries. „Das ist nicht unser Auftrag“.

Es habe die Anstrengung gegeben, eine Arbeitsgruppe in der Stiko zu etablieren, die sich mit der Impf-Frage beschäftigen soll. Die aber habe noch nicht getagt. „Mir ist nicht klar, warum Herr Lauterbach, nachdem er dieses Ding angeregt hat, schon wieder Alleingänge unternimmt. Das ist nicht nachvollziehbar“, sagt der Epidemiologe. 

Kritik an Lauterbach: „Wäre besser, wenn er seine Zunge im Griff hätte“

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es immer wieder Unstimmigkeiten zwischen der Stiko und dem Gesundheitsministerium, das war auch schon bei Lauterbachs Vorgänger Jens Spahn (CDU) so. Verlieren die Bürgerinnen und Bürger da nicht das Vertrauen in die Corona-Politik?

Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries hat da eine klare Antwort: Eigentlich stünde es ihm nicht zu, das Handeln der Regierung zu kommentieren. Aber das sei ein „wichtiges Thema“. Er ergänzt: „Es wäre besser, wenn Lauterbach seine Zunge etwas besser im Griff hätte“. 

Die Stiko empfiehlt bislang nur Menschen ab 70 sowie Risikogruppen die vierte Impfung, auch führende EU-Behörden hatten sich für einen zweiten Booster für alle über 60 ausgesprochen. Lauterbach wiederum hatte für eine Viertimpfung auf breiter Front geworben – nach Rücksprache mit dem Arzt. 

Im Juli war nach zahlreicher Kritik das Ziel ausgegeben worden, die Kommunikation zu Impfungen besser abzustimmen. Lauterbach und Stiko-Chef Thomas Mertens hatten dazu die Einrichtung einer Arbeitsgruppe vereinbart. Sie soll bereits in der Diskussions-Phase zu Beratungen zusammenkommen. 

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