Eine russische Drohne nahm Oleksandr Pylypets das Augenlicht und beide Hände. Sein Gesicht wurde zertrümmert. Anderthalb Monate lag der Ukrainer im Koma. Heute kämpft er sich an der Seite seiner Frau zurück ins Leben.
Brutales SchicksalSascha, der Mann ohne Gesicht – Kampf zurück ins Leben

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Oleksandr Pylypets verlor nach einem russischen Drohnenangriff seine Arme und sein Augenlicht, sein Gesicht wurde zerstört. Doch er lernt wieder zu leben.
Der Anruf kommt am Morgen, von einer unbekannten Nummer. Am Telefon ist ein Mann: „Ich bin der Kommandeur… Sascha ist schwer verwundet. Aber er lebt. Er ist schon in Charkiw. Sie sollten so schnell wie möglich zu ihm fahren.“
Iryna Pylypets hat die ganze Nacht nicht geschlafen und auf eine Antwort gewartet. Am Vortag hatte sie ihrem Mann noch geschrieben, über den Haushalt und über die Söhne. Die Konditorin aus Tschernihiw hatte Bestelltorten gebacken. Sie wollte später noch mit ihrem Mann telefonieren. Doch ihre Nachrichten blieben irgendwann unbeantwortet. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte Sacha, wie er von allen genannt wird, um sein Leben.
Über den Angriff sagt Oleksandr: „Er ist mein zweiter Geburtstag“
Am 17. Oktober 2025 fuhr Oleksandr Pylypets, so heißt er bürgerlich, mit einem Wagen in der Nähe des Dorfes Dobropillja im Gebiet Donezk. Dort traf ihn eine russische Kamikaze-Drohne, die ein Pilot über ein Live-Kamerabild steuerte. Sie schlug genau auf der Fahrerseite in die Windschutzscheibe ein. Sein Kamerad erlitt eine Prellung. Oleksandr selbst hätte der Einschlag fast getötet. Über sein Schicksal berichtet der Nachrichtensender „Radio Swoboda“.
Heute ist der 55-Jährige blind und hat keine Hände mehr. Auch sein Gesicht war zertrümmert. Ärzte haben es in vielen Operationen Stück für Stück neu aufgebaut. Über den Tag des Angriffs sagt er heute: „Er ist mein zweiter Geburtstag.“
Oleksandr und Iryna Pylypets sind seit 31 Jahren ein Paar, haben zwei Söhne. Vor dem russischen Angriffskrieg hatte Oleksandr in Tschernihiw eine eigene kleine Autowerkstatt. Im Juni 2023 meldete er sich freiwillig zur Armee, kämpfte als Pionier in der 4. Brigade der Nationalgarde „Rubisch“ in Donezk und Charkiw. Dort baute er Sprengladungen, die Drohnen über den feindlichen Stellungen abwerfen. Bis zu dem Tag, der sein Leben veränderte.
Nach dem Anruf des Kommandeurs musste seine Frau den Söhnen erklären, was passiert war. „Papa wird nie wieder sehen können“, erklärte sie ihnen laut „Radio Swoboda“. Dann kam ein Anruf aus dem Krankenhaus in Charkiw. Eine Frau zählte die unzähligen Verletzungen auf, eine nach der anderen. Mit jedem Satz wuchs in Iryna die Angst, zu spät zu kommen.
Was sie dann im Krankenhaus sah, beschreibt sie so: „Mich erschreckten weder die blutigen Verbände noch die Schläuche, die buchstäblich aus dem ganzen Körper ragten. Nicht das Fehlen der Hände… Erschreckt hat mich die Erkenntnis: Das ist er.“
Vier Mal wurde Oleksandr da bereits operiert. Am dritten Tag holten die Ärzte einen Splitter aus seiner Brust, direkt neben dem Herzen. Die linke Hand war nicht mehr da. An der rechten Hand waren ihm drei Finger geblieben, die er aber nicht mehr bewegen kann: die Sehnen sind zerstört, die Knochen zertrümmert. Iryna durfte jeden Tag drei Minuten zu ihm. Den Rest des Tages saß sie bis zum Abend im Flur.
Oleksandr Pylypets lag anderthalb Monate im Koma
Zehn Tage später wurde er auf eine Intensivstation nach Kiew gebracht. Er wurde beatmet und lag im künstlichen Koma. Dort schwebte Oleksandr wochenlang zwischen Leben und Tod. Lange hatte er über 40 Grad Fieber. Aus seinen Ohren lief Eiter, am ganzen Körper hatte er Druckgeschwüre. Auf der Station war er der Patient mit dem schlimmsten Zustand. Mehrmals pro Woche musste er in den OP.
Seine beiden Unterarmknochen wurden mit einer speziellen Methode voneinander getrennt. Der Stumpf funktioniert danach wie eine Zange, mit der man kleine Dinge greifen und halten kann. Die nicht mehr funktionsfähige rechte Hand nutzten die Ärzte für sein völlig zertrümmertes Gesicht: Dort befestigten sie es drei Wochen lang mit einem Metallgestell. So konnte ihr Gewebe mit eigener Blutversorgung anwachsen und die zerstörten Stellen schließen. Danach trennten sie die Hand wieder ab. Später formten sie seine Mundwinkel und Nasenlöcher neu.
Anderthalb Monate dauerte das künstliche Koma. Dann wachte Oleksandr wieder auf, aber nicht so wie im Film. Mehr als eine Woche wusste die Familie nicht, ob er überhaupt hören kann. Iryna bat ihn, den Kopf zu drehen, die Zunge zu zeigen oder zu nicken. An manchen Tagen reagierte er, an anderen gar nicht. Weil er zuerst kaum sprechen konnte, erfand seine Schwester Aljona ein System: Sie sagte das Alphabet auf, und er nickte beim richtigen Buchstaben. So setzten die beiden ganze Wörter zusammen.
„Ich dachte, es ist dunkel im Krankenzimmer“
„Das erste, was mir nach dem Aufwachen auffiel, war: Ringsum ist es dunkel. Ich dachte, es ist dunkel im Krankenzimmer“, erinnert sich Oleksandr. Mit der Zeit habe er gemerkt, dass etwas mit seinen Augen nicht stimmte. „Aber ich hatte Angst, zu fragen, ob ich mein Augenlicht wirklich vollständig verloren habe.“ Etwa zwei Monate lebte er mit dieser Ungewissheit.
Es ist ein Schicksal, das man sich kaum vorstellen kann. Doch Oleksandr kämpft sich an der Seite seiner Familie zurück ins Leben. Ein halbes Jahr später konnte er bereits wieder ohne Hilfe gehen – wenn auch schlecht, weil sein Gleichgewichtssinn gestört ist. Er braucht noch eine Armprothese und auch Augenprothesen fehlen. Für November ist ein plastischer Chirurg aus der Türkei angekündigt, der sein Gesicht weiter wiederherstellen soll. (mg)
