„Unser Volk stirbt“ Corona: Ureinwohner in Brasilien sind verzweifelt

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Die indigenen Völker Brasiliens leben oftmals sehr abgeschieden, was die medizinische Versorgung in der Corona-Krise erheblich erschwert. Das Foto entstand am 8. Juli in der Gemeinde Nova Siao.

Manaus – Vilmar Silva Matos, ein Anführer vom indigenen Volk der Yanomami, hat Angst. Er fürchtet, dass das Coronavirus immer näher kommt und die Alten krank werden.

Sie sind es, die bei den Yanomami das Wissen um die Kultur und Tradition der Indigenen durch mündliche Überlieferung und Praxis weitergeben.

„Wir haben Angst, unsere Alten zu verlieren, die wie unsere Enzyklopädien sind, unsere Geschichtenerzähler»“, sagt Vilmar zwischen Hängematten im Halbdunkel des Auffangzentrums von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt São Gabriel da Cachoeira, tief im brasilianischen Amazonas-Gebiet.

Corona-Virus in Brasilien: „Wenn wir von Völkermord sprechen, übertreiben wir nicht“

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Der indigene Dachverband APIB bestätigte zuletzt insgesamt 22 656 Infizierte, 639 Todesfälle und 148 betroffene Völker. „Wenn wir von Völkermord sprechen, übertreiben wir nicht“, sagt APIB-Koordinatorin Sônia Guajajara. „Unser Volk stirbt, und der brasilianische Staat gibt immer noch vor, etwas dagegen zu tun“.

Insgesamt haben sich mehr als 2,8 Millionen Menschen in Brasilien mit dem Coronavirus infiziert, zum Welttag der Indigenen an diesem Sonntag könnte das Land die Marke von 100 000 Toten im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19 durchbrochen haben.

Indigene Gemeinde in Brasilien extrem vom Corona-Virus betroffen

São Gabriel da Cachoeira ist eine der indigensten Gemeinden Brasiliens, vielleicht der Welt. Mindestens 75 Prozent der rund 45 000 Bewohner sind Indigene. Der Ort ist Eingangstor zu einer Region, in der auf einer Fläche der Größe Englands mehr als 20 indigene Völker in 700 Dörfern leben.

Aber São Gabriel gehört - in Abwesenheit des Staates - auch zu den im Verhältnis am meisten von Corona heimgesuchten Gemeinden Brasiliens.

Fehlende Massentests lassen genaue Infiziertenzahl bei indigenen Völkern nicht beziffern

In São Gabriel da Cachoeira, jenseits der Bundesstraße „Transamazônica“, die die Atlantik- und Pazifikküste Südamerikas verbinden sollte, hoch im Nordwesten, wurden Corona-Tests zunächst nur im Stadtgebiet durchgeführt.

Für die Indigenen in den Dörfern ist ein Spezialsekretariat zuständig, das zum Gesundheitsministerium gehört. „Es fehlten Massentests, um zu wissen, wie viele Indigene sich wirklich infiziert haben“, sagt Marivelton Barroso, Präsident der Indigenen-Organisationen des Rio Negro (Foirn).

Weiße Arbeiter bringen die Krankheit mit zu den Indigenen

Die Foirn hat selbst Daten gesammelt und ein Krisenkomitee mit Ärzten, NGO und Aktivisten gegründet. São Gabriel da Cachoeira schottete sich ab, Nicht-Indigenen wurde der Zugang zu den Dörfern untersagt.

Viele indigene Völker machten in der Vergangenheit traurige Erfahrungen mit Krankheiten der Weißen, wie Masern, Grippe oder Schnupfen. Heute sind es nicht mehr Kautschuk-Arbeiter, sondern illegale Holzfäller oder Goldsucher, die dem Regenwald seine Baum-Schätze nehmen und den Indigenen Krankheiten bringen.

Auch der Amazonas ist für die indigenen Völker Brasiliens eine Quelle des Virus 

Auch über den Amazonas - Transportweg und Lebensader - verbreitete sich das Coronavirus unter der indigen Bevölkerung. Und Indigene selbst haben es aus den Städten mit in die Dörfer gebracht.

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Das indigene Volk der Yanomamis besitzt lediglich einen Wassertank. Der Corona-Pandemie sind sie aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung gänzlich schutzlos ausgeliefert. Das Foto wurde am 15. Juli aufgenommen.

Einmal bei den Indigenen angekommen, macht es auch aufgrund der gemeinschaftlichen Lebensweise, in deren Rahmen etwa mehrere Familienverbände zusammenwohnen, schnell die Runde. „Es gibt Dörfer, die verschwinden werden, wenn das Virus reinkommt“, sagt Sônia Guajajara.

Zwar reisen Teams mit Personal des Spezialsekretariats zur medizinischen Versorgung in die Dörfer. Aber nicht immer ist ein Arzt dabei, und bisweilen geraten die Indigenen dadurch erst in Kontakt mit dem Virus. Das einzige Krankenhaus in São Gabriel da Cachoeira war wegen des Anstiegs der Corona-Fälle schnell überfüllt.

Ärtze ohne Grenzen bauen Auffangzentrum für Indigene mit Symptomen

Als die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen das Problem erkannte, baute sie in São Gabriel da Cachoeira ein Auffangzentrum für Patienten mit leichten und mittleren Symptomen.

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Ein Team von „Ärzte ohne Grenzen“ verlässt das Gebiet eines indigenen Volkes. Das Foto entstand am 8. Juli.

Caritas international stattet, unterstützt mit einer Million Euro vom Auswärtigen Amt, staatliche Gesundheitszentren mit Schutzausrüstung, medizinischem Gerät und Medikamenten sowie Corona-Tests aus.

Die Ureinwohner Brasiliens setzen bei der Behandlung auf ihre Traditionen

Die kulturellen Unterschiede werden dabei berücksichtigt. So wurden in São Gabriel da Cachoeira etwa Hängematten angebracht und eine Begleitperson zugelassen, ohne die Indigene nicht bleiben würden. Medizinmänner dürfen zusätzlich zur klassischen Medizin der Weißen mit der traditionellen Medizin der Indigenen behandeln.

Die Ureinwohner haben sich in der Corona-Krise auf ihre Tradition mit Pflanzen, Tees und Segnungen von Schamanen besonnen. Die Anführerin Milena Kokama, die wegen Covid-19 selbst ein Dutzend Familienangehörige verloren hat, sagt: „Wir haben keine Krankenhäuser in den Dörfern. Wir haben keine Atemgeräte, nicht mal Schnelltests. Wir haben keine Medikamente. Unser Medikament ist unsere Medizin.“ (dpa)

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