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Virologe äußert erstmals Zweifel Haben Restaurants und Friseure umsonst dicht gemacht?

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Findet, dass wir schnell über eine Exit-Strategie nachdenken müssen: Hendrik Streeck, Direktor am Institut für Virologie im Universitätsklinikum Bonn

Bonn/Hamburg – Die Corona-Krise schlägt mit großer Gewalt auf die weltweite Wirtschaft ein: Auch in Deutschland müssen Restaurants und Unternehmen wochenlang pausieren, der Tourismus steht still, im öffentlichen Leben geht nichts mehr.

Die Zahl der Anzeigen für Kurzarbeit ist auf ein nie da gewesenen Niveau emporgeschnellt, auch die Zahl der Arbeitslosen steigt in die Höhe: Die Bundesagentur für Arbeit geht von einem Plus von bis zu 200.000 Arbeitslosen im April aus.

Und trotz der Hilfsmaßnahmen der Regierung steht fest: Die deutsche Wirtschaft wird auf absehbare Zeit nicht dieselbe sein, wenn die Krise vorbei ist. Die Existenz vieler Bürger ist bedroht.

Kaum einer hatte diese harten Maßnahmen der Regierung angezweifelt, geht es doch darum, Menschenleben zu retten. Doch am Dienstagabend meldete ein bekannter Virologe bei „Markus Lanz“ (ZDF) erstmals offen Zweifel an der Notwendigkeit des „Shutdowns“ an. Haben unsere Unternehmer unnötig dicht machen müssen?

Corona-Krise: Uni Bonn führt Untersuchung in Heinsberg durch

Der Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn führt derzeit eine einzigartige Untersuchung im Kreis Heinsberg durch – dem Epizentrum des Coronavirus. Dort erhebt der Experte in einer repräsentativen Stichprobe sowohl die Zahl der Infizierten als auch die Infektionswege. Die Untersuchung soll etwa Antworten auf die Fragen liefern, wo die größten Gefahrenherde sind. Wie das Virus genau übertragen wird. Wie hoch die Dunkelziffer der Infizierten ist. Erste Ergebnisse will die Untersuchungsgruppe um Streeck schon nächste Woche veröffentlichen.

Hier lesen Sie mehr: Die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Krise, mit Statistiken zu Infektionen und Todesfällen

Den Virologen sei es in ersten Tests nach Abstrichen von verschiedenen Gegenständen in Wohnungen von hochinfektiösen Bewohnern, von Waschbecken, Türklinken, aber auch Haustieren wie Katzen, nicht gelungen, Sars-Cov-2 zu züchten. „Für mich sieht es nach ersten Ergebnissen danach aus, dass eine Türklinke nur infektiös sein kann, wenn vorher jemand in die Hand gehustet hat und dann unmittelbar auf die Klinke fasst.“ Das lege nahe, dass keine Schmierinfektion vorliege. Abstand halten und Händewaschen sei demnach ein sehr wirksames Mittel.

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Virologe Streeck meldet bei Markus Lanz Zweifel an den harten Maßnahmen gegen Corona an.

Dafür sei die Gefahr, jemanden anderen beim Einkaufen zu infizieren, als gering einzuschätzen. „Wir sehen, wie die Infektionen stattgefunden haben. Das war nicht im Supermarkt oder im Restaurant oder beim Fleischer. Das war auf den Partys beim Aprés Ski in Ischgl, im Berliner Club ,Trompete‘, beim Karneval in Gangelt und bei den ausgelassenen Fußballspielen in Bergamo.“ Eine Hauptursache für die Infektionen sei ein enges Beieinandersein über einen längeren Zeitraum.

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Stephan Pusch (r, CDU), Landrat des Kreis Heinsberg, im Hintergrund Virologe Hendrik Streeck.

Gerade in der aktuellen Diskussion um den „Shutdown“ und die „Exit“-Strategien, die wieder aus dem Stillstand hinausführen, seien solche belastbare Fakten wichtig. Damit das öffentliche Leben nicht allzu lange still steht.

Virologe Streeck über Corona-Maßnahmen: Kam der „Shutdown” zu schnell?

„Wir reden sehr viel über Spekulationen und Modellrechnungen. Bei diesen muss aber nur ein Faktor falsch sein und das Ganze fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus.“ Deshalb seien Fakten so wichtig, um effektive Entscheidungen zu treffen. Dass das Robert Koch-Institut als oberste Bundesbehörde für Infektionskrankheiten eine solche Untersuchung nicht schon früher durchgeführt hat, habe ihn daher gewundert. Er sieht derlei Tests als Pflicht für Virologen, „um Antworten für die Bürger zu finden.“

Kam der „Shutdown“ also zu schnell?

Streeck blickt zurück auf die unterschiedlichen Maßnahmen der Bundesregierung, die das Leben nach und nach mehr eingeschränkt haben: Größere Veranstaltungen wurden abgesagt, Schulen geschlossen bis hin zur Ausgangsbeschränkung. „Doch ich hatte schon im Vorfeld gesagt: Wir wollen abwarten und schauen, was passiert. Das Virus gehorcht keinem Politiker.“

Maßnahmen, die jetzt beschlossen werden, würden ohnehin erst in frühestens zwei Wochen in den Statistiken sichtbar werden. „Man muss diesem Virus Zeit lassen, sodass wir die Ergebnisse der Maßnahmen langfristig sehen und einordnen können.“

Virologe: „Wir wissen nicht, dass Infektionen in Friseursalons stattfinden”

Er habe nie von Infektionen in Friseursalons gehört, so Streeck. Jetzt aber sind sie geschlossen. Ebenso verhält es sich mit Supermärkten oder ähnlichem. „Wir wissen einfach nicht, dass dort Infektionen stattgefunden haben. Ich finde es wichtig, dass wir uns darauf besinnen, was wir wirklich wissen – und was nicht.“ Man müsse nun die Nuancen dafür finden, wann genau eine Infektion stattfindet. Und dies müsse dann auch die Richtschnur dafür sein, bestimmte Maßnahmen wieder zurückzufahren.

Ein sehr guter Weg, um das Virus effektiv einzudämmen: sehr viele Tests durchführen, wie es Südkorea getan hatte. „Wenn sie Menschen positiv getestet und einen Cluster gefunden haben, dann haben sie dort den Bereich eingedämmt“, so Streeck. Eine landesweite Ausgangssperre sei dort gar nicht notwendig gewesen. „In meinen Augen ist das eine sehr gute Strategie und auch eine Strategie, die in Deutschland machbar ist. Weil wir die Möglichkeiten haben.“

„An Entwicklung von Ideen müssen viele Experten beteiligt sein – nicht nur wenige”

Richtig gefährlich sei das Virus für die Risikogruppen, also „wenn es ins Krankenhaus, ins Pflegeheim und ins Altenheim kommt“, sagte der Mediziner. Es sei daher auch sehr wichtig, die besonders vulnerablen Menschen effektiv zu schützen, mit wöchentlichen Corona-Tests für medizinisches und Pflegepersonal zum Beispiel. Derlei Pool-Verfahren würden schon in der Transfusionsmedizin angewendet, um Blut zu testen. Sie seien also nicht neu.

„Es ist deshalb wichtig, genau solche Ideen zu entwickeln. An dieser Entwicklung sind aber viele Experten beteiligt und nicht nur einzelne.“ Es sei schade, dass die Regierung „eher monothematisch“ an die Lösung der Krise herangegangen sei. Es gebe leider keinen runden Tisch mit einer Vielzahl von Virologen, bei dem etwa auch China beteiligt ist.

Streeck bemängelt fehlende Zielsetzung im Kampf gegen Corona

„Ich sehe, was so eine Ausgangssperre mit den Menschen macht“, erklärt der Virologe. Er selbst habe Freunde, die sich fragen, ob sie nach der Krise noch einen Job haben. „Im Verhältnis zu anderen Epidemien und Viren finde ich diese Einschränkungen schon sehr drastisch.“ Streeck hätte sich vor dem Ergreifen solcher Maßnahmen gewünscht, sich genau zu überlegen: „Wo wollen wir eigentlich hin?“ Die genaue Festlegung der Zielsetzung würde ihm fehlen.

„Unsere Grenze ist ja die Kapazität der Krankenhäuser. Nicht die Anzahl der Infizierten. Wir haben aber nie gehört, wo unsere Richtschnur liegt. Was ist unser Ziel? Sind 1000 Infektionen pro Tag zu viel? Oder 100? Wir müssen auf die Intensivmediziner hören, die uns sagen, wo ihre Grenze liegt.“ Die könnten am besten einschätzen, welche Maßnahmen die richtigen sind.

Marcel Fratzscher: „Gutes Gesundheitssystem braucht funktionierende Wirtschaft”

Streeck befürwortet deshalb die schnellstmögliche Diskussion um eine Exit-Strategie. Wie groß die Gefahr für die Wirtschaft ist, erklärt auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, bei „Lanz“. Er spricht von einer „Katastrophe“ mit einem „Rattenschwanz an Problemen“. Kleine Betriebe und Selbstständige könnten trotz staatlicher Hilfe nur wenige Wochen durchhalten.

Wer in Kurzarbeit ein Gehalt von 60 oder 70 Prozent erhält, könne sich damit kaum langfristig über Wasser halten. Zugleich fühle sich der Ökonom aber unwohl, Menschenleben gegen den finanziellen Schaden abzuwägen – so wie es viele in der Diskussion um eine Exit-Strategie tun. „Denn ein gutes Gesundheitssystem braucht auch eine funktionierende Wirtschaft.“

Geld oder Leben? „Nicht beide Seiten gegeneinander ausspielen”

Man dürfe nicht beide Seiten gegeneinander ausspielen, sondern solle besser eine Lösung finden, die für alle vertretbar ist. Nach sechs bis acht Wochen würden die Einbußen durch den Shutdown systemkritisch werden. Und das müsse vermieden werden.