Am Freitag hat sich der wohl größte Brand in der NRW-Geschichte ausgebreitet. Die Betroffenen können den Flammen nur zusehen.
„Absolut skurril“So erleben Anwohner die Waldbrand-Katastrophe
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Ein Brand, der als das größte in der Geschichte von NRW eingehen könnte, wütet in Hürtgenwald bei Düren. Die Menschen vor Ort sind machtlos und müssen mitansehen, wie die Flammen näherkommen.
An einer Straßenecke im Dürener Ortsteil Straß beobachtet am Freitagmittag eine Gruppe Männer, wie das Feuer sich ihren verlassenen Häusern nähert. Circa neun Stunden harren sie dort schon aus. Jeder ein Bier in der Hand, den Blick auf den Hang gegenüber geheftet.
Feuerwehr klingelt Anwohner aus dem Schlaf
Am Waldrand des Hangs schießen Flammen hoch. Verfangen sich in den Ästen, klettern höher. „Guckt euch das an. Scheiße, ey“, murmelt Florian Maul. Zehn Gehminuten von den Flammen entfernt, im evakuierten Hürtgenwalder Ortsteil Gey im Kreis Düren, liegt sein Zuhause. „Ich bin 58 Jahre alt. Seit 58 Jahren lebe ich in Gey. Das ist einfach...“ Er sucht nach Worten, schüttelt den Kopf. Ein Löschhubschrauber schüttet Wasser über die Flammen, für ein paar Sekunden scheinen sie erloschen. Dann lodern sie wieder hoch.
Es war halb vier Uhr morgens, als die Feuerwehr die Gruppe aus dem Schlaf riss. Einsatzkräfte fuhren mit Sirenen und Lautsprechern durch die Straßen von Gey und forderten alle Bewohner auf, ihre Häuser zu verlassen. Ging in einem Haus kein Licht an, klingelten sie an den Türen. „Ich glaube, die sagten, wir sollten in 10 bis 15 Minuten raus sein“, sagt Maul. Er brauchte 20 Minuten. Musste erstmal klar im Kopf werden, sagte er.
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In seiner Müdigkeit überlegte er sogar kurz, ob er noch unter die Dusche springt. Dann blickte er aus seinem Fenster in den nächtlichen Hürtgenwald und sah nur rot. „Absolut skurril“, sagt er.
In Gey sind 1800 Menschen gemeldet, zudem gibt es dort eine Flüchtlingsunterkunft. Ein Feuerwehrsprecher sprach am Morgen von 2300 evakuierten Menschen.

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Links Volker Hansen, rechts Florian Maul.
Um vier gingen die Lichter in der Grundschule des Nachbardorfs Straß an, dem ersten Evakuierungsort. „Dann ging die Völkerwanderung los“, sagt Klaus Thater. Thater, langer grauer Bart, breiter rheinischer Dialekt, sitzt auf seinem roten Moped an der Straßenecke. Er wohnt in Straß, musste sein Haus nicht verlassen und steht trotzdem seit der Nacht mit den Bewohnern von Gey auf der Straßenecke und blickt in den Rauch. Knallrot habe der Hang in der Dunkelheit geleuchtet. „Hat ein paar Mal ordentlich jerummst. Mit Funken und allem“, sagt Thater.
Im Hürtgenwald liegt noch immer Munition aus dem Zweiten Weltkrieg vergraben, die die Löscharbeiten erschwert. Der Hürtgenwald war 1944 und 1945 Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen. Auf den Gesteinsblöcken der Bunker wachsen heute Farne und Bäume, aber unter der Erde liegen Granaten und Munition.
Noch in der Nacht zu Freitag brachten Krankentransporte der Johanniter Senioren und Kranke in die Grundschule, einige Stunden später verlegte man die Evakuierungsstelle erneut in einen Nachbarort: Der Wind hatte gedreht, über Straß ging ein leichter Ascheregen herunter. Florian Maul und ein paar seiner Freunde blieben trotzdem. Seit zehn Stunden sei er nun wach, tigere durch den Ort und gucke auf das Feuer, sagt er. „Hinsetzen kann ich mich nicht. Und weggucken auch nicht.“
Bereits am Donnerstag brach im Hürtgenwald im Kreis Düren ein Feuer aus. Zunächst schien es nur einer von vielen Waldbränden der Trockenperiode zu sein, doch stark wechselnde Winde ließen das Feuer in der Nordeifel über Nacht wachsen. Als die Flammen nur noch etwa 250 Meter vom Ortsteil Gey entfernt lodern, entschied die Einsatzleitung zu evakuieren.
„Es ist der schlimmste Waldbrand mindestens des letzten Jahrzehnts“
„Es ist der schlimmste Waldbrand mindestens des letzten Jahrzehnts“, sagte NRW-Forstministerin Silke Gorißen am Freitagnachmittag bei einem Pressestatement am Lagezentrum in Großhau. Das Feuer habe ein Ausmaß angenommen, das sie noch nicht erlebt habe. Die Landesregierung gehe davon aus, dass es der größte Waldbrand in der Geschichte von NRW sei. „Wir wüssten zumindest nicht, dass es einen Waldbrand gab, der daran herangereicht hat“, sagte Gorißen. „Es könnte gut sein, dass es tatsächlich der größte ist seit Bestehen unseres Bundeslandes, und dann sieht man mal, womit wir hier gerade zu tun haben.“ Mindestens 200 Hektar Land seien betroffen, möglicherweise kratze man an den 300 Hektar.
Gorißen appelliert an alle Bürger in Nordrhein-Westfalen, keine Wälder zu betreten. Das gelte nicht nur für den Hürtgenwald, sondern für alle Wälder im Land. „Fast alle Waldbrände sind menschengemacht“, betonte Gorißen. Angesichts der Trockenperiode sei das Risiko von weiteren Bränden durch Waldbesuche zu hoch.
Die Polizei Köln ermittelt zur Ursache des Großbrandes und hat ein Hinweisportal für Zeugen eingerichtet. Von besonderem Interesse seien Fotos und Videos aus dem Zeitraum der Brandentstehung, teilte die Behörde mit.
Im NRW-Landwirtschaftsministerium lief am Vormittag eine Krisensitzung mit Fachleuten. Aufgrund der akuten Trockenheit kommt es derzeit an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen zu Waldbränden.
NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) äußerte sich bestürzt über das Ausmaß des Waldbrandes. „Ich komme ja aus der Region hier, bin hier aufgewachsen und kenne diesen Wald. Und das ist schon bitter, wenn man das hier sieht, was der Brand alles weggefressen hat in einer Dimension, wie ich das nie mir hätte vorstellen können“, sagte Krischer. Die Wetterextreme würden immer extremer. „Das zeigt eben, die Folgen des Klimawandels treffen uns hier mit voller Wucht.“
Die Einsatzkräfte haben auf einem Feld in Großhau ein Lagezentrum mit Pavillons und Essensausgabe errichtet. Dutzende Fahrzeuge parken dort, von Bevölkerungsschutz, Johannitern, Technischem Hilfswerk, Bundeswehr, Polizei und Feuerwehr.

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Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen mit dem Dürener Landrat Ralf Nolten (l.) und Hürtgenwalds Bürgermeister Stephan Cranen vor der Einsatzzentrale.
Am Rande des Felds bauten sie zwei Plastikbecken mit Wasser auf. Im Minutentakt nähern sich Hubschrauber und übertönen dröhnend jedes Gespräch. Löschkübel versinken im Plastikbecken, der Pilot zieht hoch und fliegt zurück in Richtung Rauch. Mit jedem einzelnen Flug können 2000 Liter Löschwasser abgelassen werden. Vom Boden aus bekämpfen Wasserwerfer der Polizei den Brand. Auch das neue Spezialfahrzeug „Fire Fighter“ des Landesbetriebs Wald und Holz kann sich mit 10.000 Litern Löschwasser den Weg durch schwieriges Gelände bahnen.
Am Freitag bekämpften 400 Einsatzkräfte den Brand. „Je nachdem wie sich die Wetterlage und der Wind entwickeln, werden wir an den unterschiedlichen Fronten das Feuer angreifen“, sagt der Dürener Landrat Ralf Nolten (CDU) bei einem Pressestatement im Hürtgenwalder Rathaus. „Wir mussten uns streckenweise zurückziehen, damit einzelne Einheiten nicht eingekesselt wurden“, berichtet er. „Gey ist im Augenblick aus unserer Sicht sicher, solange kein Windwechsel oder starker Wind aufkommt.“ Aus Sicherheitsgründen können die Bewohner trotzdem nicht über Nacht in ihre Häuser zurückkehren. „Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass wir bei der Räumung bleiben“, so Nolten. In der Nacht können zudem keine Löschhubschrauber fliegen. Bei der Brandbekämpfung nutzen die Einsatzkräfte auch sogenannte Gegenfeuer: Dazu werden Feuer an geeigneten Stellen entzündet, um dem größeren Brand Nahrung zu entziehen.
Von der Straßenecke in Straß aus können Florian Maul, Klaus Thater und ihre Freunde eine gelbe Maschine beobachten, die wenige Meter vom Feuer entfernt Schneisen in das Feld zieht. Sie sollen verhindern, dass sich der Brand weiter ausweitet. Sie gehört dem Gartenbauunternehmen Weindorf, das die Löscharbeiten unterstützt. Ein Polizeiwagen bremst neben den Männern. „Alle in die Häuser“, sagt ein Polizist. „Fenster und Türen geschlossen halten. Sofort. Sagen Sie es bitte weiter.“ Die Gruppe verteilt sich. „Kannst heute Abend zu mir kommen“, sagt Klaus Thater noch zu Florian Maul, bevor er mit seinem roten Roller weiterfährt. Er habe noch ein freies Gästezimmer. Und kaltes Bier.



