In einem Wald bei Köln fand das Leben eines berüchtigten Dreifachmörders sein Ende. Die düstere Geschichte von Ronald Chesney, dem „Pirat“, der sich in Köln vor Scotland Yard versteckte.
Der tote „Pirat“Dreifach-Mörder lag im Kölner Wald – sein Gesicht war weg

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Der pensionierte Postbeamte Georg Binder (65) zeigt im Februar 1954 Journalisten in einem Wald am Stadtrand von Köln, wo er die Leiche von Ronald Chesney gefunden hatte, nachdem dieser sich das Leben genommen hatte.

Zusammen mit einigen Journalisten stapfte der pensionierte Postbeamte Georg Binder (65) vorsichtig durch den Wald am Stadtrand von Köln. Er zeigte auf eine bestimmte Stelle am Boden. Hier, abseits der Wege, ist es passiert, zwischen den kahlen Bäumen. Es war noch Frühjahr im Rheinland, kalt. Binder hatte eine Hand in der Tasche seines Mantels vergraben, mit der anderen zeigte er auf das feuchte Laub. Hier hatte er die Leiche gefunden.
Der Mann, der hier im Februar 1954 lag – oder besser, das, was von ihm übrig war – sorgte international für Schlagzeilen. Er hatte sich selbst eine Kugel in den Kopf geschossen. Neben ihm lag eine .45 Colt. Sein Gesicht war praktisch „weggeblasen“, als er gefunden wurde. So beschrieben es die Zeitungen martialisch.
Ronald John Chesney: Einer der gefährlichsten Verbrecher
Der Brite Ronald John Chesney war für Scotland Yard einer der bis dato gefährlichsten Verbrecher Europas. Ein berüchtigter Schmuggler, Fälscher und – wie sich später herausstellen sollte – Dreifachmörder.
Als er sich in dem Wald bei Köln die Pistole an den Kopf hielt, wurde er gesucht wegen des Doppelmordes an seiner Ehefrau und ihrer Mutter in einem Londoner Altenheim. Er hatte beschlossen, dem Galgen zu entkommen – und sich selbst das Leben zu nehmen.
In seinen Taschen fanden die Beamten einen Brief an seine Geliebte, die 28-jährige Sonia Winnickes aus Düren. Sie wohnte etwa 30 Kilometer von Köln entfernt, wo Chesney seit längerer Zeit lebte.
„Nach all dem, was hinter mir liegt, habe ich keine Chance. Wenn du diesen Brief erhältst, bin ich nicht mehr am Leben. Ich bin unschuldig“, heißt es in dem Schreiben. Unschuldig? Die britische Polizei sah das ganz anders.

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Der Tod von Ronald John Chesney sorgte international für Schlagzeilen. So berichtete der „Sydney Morning Herald“ über die Leiche im Wald. Überschrift: „Tod eines Abenteurers – bizarrer Zusammenhang mit einem Doppelmord“.
Die Ealing-Morde schockten ganz Großbritannien noch immer: Am 11. Februar, nur eine Woche vor Chesneys Tod, waren in Ealing, einem Stadtteil im Westen Londons, zwei Frauen ermordet worden. Chesneys Ehefrau Vera und ihre Mutter Mary Menzies wurden in Sunset House, einem Altenheim, das Mary leitete, getötet. Die Polizei verdächtigte Chesney sofort – doch da war er bereits weg.
Er war noch am selben Tag über Holland nach Westdeutschland geflüchtet. Die Detektive von Scotland Yard vermuteten, dass er seine Frau und Schwiegermutter getötet hatte, um 10.000 Pfund Sterling zu erhalten – die waren laut einer Ehevereinbarung im Todesfall für den jeweils anderen Ehepartner vorgesehen. Chesney suchte Zuflucht bei seiner Geliebten Sonia Winnickes in Düren. Dort betrieb er ein kleines Import-Export-Geschäft, das hauptsächlich mit Armee-Ausrüstung handelte. Doch hinter dem Schaufenster fanden ganz andere Dinge statt: internationaler Waffenschmuggel, Fälschung, Schwarzmarkthandel.
Er traf sich heimlich in einem Kölner Café mit seiner Geliebten
Nach Angaben vom „Daily Mirror“ trafen sich der international gesuchte Chesney und Winnickes zusammen heimlich in einem Kölner Café, nachdem er von den Morden gelesen hatte. Er soll auch Zeitungsausschnitte dabeigehabt haben. Sie drängte ihn, nach England zurückzukehren, sich zu stellen. Doch Chesney fuhr stattdessen in den Wald vor den Toren Kölns.

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Ronald Chesney und seine deutsche Geliebte Sonia Winnikes, die in Düren wohnte.
Das Leben, das er dort beendete, war ein Leben voller Kriminalität und Gewalt. Einen „modernen Piraten“, so nannte ihn Scotland Yard. Einen „Abenteurer“ nannten ihn australische Medien. Im Zweiten Weltkrieg war er Korvettenkapitän in der Royal Navy und schon damals berüchtigt.
Er war ein großer Mann, fast 140 Kilogramm schwer, mit mächtigem schwarzem Bart und einem goldenen Ohrring. „Ein Mann der Tat, der das Leben in vollen Zügen genoss“, so beschrieb ihn ein ehemaliger Seemann, der unter ihm diente, später. „Er setzte sich zum Essen hin, nahm ein Dutzend rohe Eier und schluckte sie hinunter. Dann folgte der ‚Hauptgang': rohes, gehacktes Fleisch mit roher Zwiebel. Gekochtes Fleisch aß er nie. Eine ganze Flasche Whisky in einer Stunde, danach ging er auf eine Party.“ Oder er habe Poker gespielt – mit gezinkten Karten.
Ronald John Chesney: Der „Pirat“, der sich in Köln versteckte
Nach dem Krieg war Chesney in Buxtehude stationiert und es zeigte sich, dass er ein Händchen dafür hatte, kistenweise Champagner und Benzin zu beschaffen. Für Geld machte er alles. Schon während des Krieges verdiente der „Pirat“ wundersam ein Vermögen – mit einem Schnellboot. Chesney schmuggelte bald alles, was Geld einbrachte: Waffen, Kaffee, Zigaretten, Zucker, Öl, Süßigkeiten, Whisky, Gin. Er hatte gute Kontakte zu den Schwarzhändlern vom Montmartre in Paris, und brachte alles über Belgien bis zum Rheinland, eingepackt in einen britischen alten Armee-Krankenwagen.

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Ronald Chesney (hier im Februar 1954) wurde auch „der Pirat“ genannt. Er war ein berüchtigter Schmuggler und Fälscher.
Er wusste, die Irrungen und Wirrungen im Nachkriegs-Europa auszunutzen, und gehörte Ende der 40er zu den meistgesuchten Schwarzhändlern. Chesney wurde der Kopf einer kriminellen Vereinigung. In Frankreich saß er mehrfach ein, Belgien wies ihn 1949 aus, Großbritannien verurteilte ihn 1951 zu einem Jahr Haft. Da hatte er versucht, ein Auto voller Ein-Pfund-Noten und Kaffeebohnen außer Landes zu bringen.
Er soll auch seine Mutter erschossen haben
Und dann, drei Jahre später, die Ealing-Morde. Die beiden Frauen waren – da war sich die Polizei sicher – nicht die einzigen, die Chesney tötete. Er war Jahre zuvor auch angeklagt worden, seine Mutter erschossen zu haben – auch hier ging es ihm wohl nur um Geld. Da war er gerade mal 19 Jahre alt. 1926 saß seine Mutter beim Frühstück, als ein Schuss knallte. Die Frau lag am Boden, blutend. Sie starb zwei Wochen später im Krankenhaus. Dem Dienstmädchen erklärte Chesney damals: „Meine Mutter hat sich selbst erschossen.“ Ein Gericht konnte dem 19-Jährigen damals die Schuld nicht nachweisen.

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Frederick Chadburn von Scotland Yard untersucht am Kölner Flughafen ein Paket, das einen blutbefleckten Schlafanzug und ein blutbeflecktes Handtuch enthält. Diese gehörten dem Engländer Ronald Chesney, der tot in einem Wald in der Nähe von Köln aufgefunden wurde.
Mit 45 Jahren war er übergewichtig und ein Frauenheld, aber völlig mittellos, als er in Köln lebte. Seine Ehefrau Vera hatte sich von ihm getrennt. Sie hatte gemerkt, dass er ihr untreu war. Doch geschieden waren sie noch nicht – dafür sorgte Chesney. Er hatte die 10.000 Pfund im Blick. Mit gefälschtem Pass reiste er nach England, besuchte Vera in Sunset House, dem Altenheim in Ealing. Chesney brachte zwei Flaschen zollfreien Gin mit.
Er hatte seine Ehefrau ertränkt und seine Schwiegermutter erdrosselt
Die Polizei rekonstruierte die Morde so: Vera war schnell bewusstlos vom Gin. Chesney trug sie ins Badezimmer und tauchte ihren Kopf unter Wasser, bis sie ertrank. Als er die Treppe hinunterging, sah ihn die 73-jährige Mutter. Er sperrte sie in ihr Zimmer, erdrosselte sie und schlug ihren Kopf mit einem Zinnbecher ein. Dann floh er zurück nach Köln. Scotland Yard fahndete europaweit nach ihm. In dem Wald bei Köln beendete Chesney seine mörderische Karriere. Ein Mann, der glaubte, die Gesetze gälten für ihn nicht.
Scotland Yard forderte anschließend den Leichnam zurück. Unter den Fingernägeln von Lady Menzies, der ermordeten Schwiegermutter, wurde menschliches Fleisch gefunden. Sie hatte sich gewehrt. Noch Jahre später, im berüchtigten Black Museum von Scotland Yard in London, lagen diese Beweise in einem formaldehydgefüllten Behälter: die abgetrennten Unterarme von Ronald Chesney. Die tiefen Kratzer waren deutlich sichtbar.
