Sie nannten ihn „De Buur“ Kölner Fußball-Urgestein Otters im Alter von 73 Jahren verstorben

Sechs Monate danach In Köln vergewaltigt – Sandra spricht über den Silvester-Horror

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Sandra (20) wurde Opfer einer Vergewaltigung. Sie war mit ihren Freundinnen auf dem Weg zu einer Party im Wartesaal am Hauptbahnhof.

Köln – „Im Dunkeln ist es besonders schlimm“, sagt Sandra. Wenn das Licht aus ist, sie das Mikrofon mit dem Sprachprozessor aus dem Ohr genommen hat und gar nichts mehr hört, wirken die Bilder besonders stark.

Diese Albträume, die ständigen Gedanken. An die Gesichter, die Stimmen, das fiese Grinsen, die Hände, am Körper. Überall Hände.

Einen Menschen einfach in den Arm zu nehmen, daran war für Sandra bis vor kurzem nicht zu denken. „Einen Zug besteige ich seit Silvester auch nicht mehr. Das Warten, das Umsteigen an einem Bahnhof, das halte ich nicht mehr aus.“

Sechs Monate ist es her, dass Sandra, heute 20, und ihren Freundinnen Milena, Julia und Elena (alle 19) passierte, was sie niemals für möglich gehalten hätten, als sie sich am Silvestertag 2015 von Gießen, wo Milena wohnt, auf den Weg nach Köln machten, um nichts anderes zu tun als zu feiern.

Was sie noch weniger ahnen konnten, dass das, wie Behörden nachher mit ihnen umgingen und aus ihrem Fall machen wollten, heute eine ganze Landesregierung in Erklärungsnöte bringt.

Dies ist die Geschichte einer Vergewaltigung, die keine sein sollte. Es ist eine Geschichte, bei deren Aufschreiben man Namen verändern und manche Angaben unklar halten muss, damit die Betroffenen nicht noch mal Opfer werden. Zum zweiten, nein, dritten Mal. Es ist die Geschichte hinter Fallakte Nr. 1 aus der Kölner Silvesternacht.

Eine mittelgroße Stadt im Süden Deutschlands, Juni 2016. Hier ist Sandra mit ihren drei Brüdern bei Mutter Gisela und Vater Klaus aufgewachsen.

Nach der Silvesternacht ist Sandra wieder bei ihren Eltern eingezogen.

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Sie müssen das Trauma der Silvesternacht gemeinsam bewältigen. Die Opfer des Sex-Mobs  halten die Hände zusammen.

Eine wirklich gute Kindheit, wie man ahnen kann, wenn man der Familie so zuhört. Trotz der Probleme. Sandra kommt 1996 zur Welt, taub. Es dauert drei Jahre bis das überhaupt klar ist und sich für Sandra eine Chance auftut.

In der nächstgelegenen Uni-Klinik wird ihr zunächst ein Cochlea-Implantat in das eine Ohr eingesetzt, zehn Jahre später wird das zweite folgen. Das ermöglicht ihr, ihr akustisches Umfeld wahrzunehmen und Sprechen zu lernen.

Nach der Silvesternacht ist Sandra wieder bei ihren Eltern eingezogen. Ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin hat sie abbrechen müssen, weil sie zu lange fehlte und im Lernstoff nicht mehr nachkam.

Zu schlimm waren die Gedanken und Albträume, die Momente, in denen sie ihre Mutter anrufen musste, nur wenn sie in der Stadt jemanden sah, der Ähnlichkeit mit den Tätern vom Hauptbahnhof hatte. Dunkle Haare, dunkle Augen, das reichte für sofortige Angst. Im Herbst will Sandra die Lehre in der 350 Kilometer entfernten Stadt wieder von vorn beginnen. Ein Versuch des Neuanfangs.

Köln, Wartesaal, 31. Dezember, 23.30 Uhr.

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Sie kamen nach Köln, um zu Feiern.  Die massiven Übergriffe auf diese jungen Frauen wurden in der „Fallakte 1“ dokumentiert.

Das 100 Jahre alte Gebäude mit den 4,80 Meter hohen Stuck verzierten Decken an der Nordseite des Doms, direkt neben dem Bahnhof, ist von außen in gelb-rotes Licht getaucht, herausgeputzt für eine der bekanntesten Party-Reihen Kölns, die auch schon von Schauspielern, Models oder Fußballstars wie Bastian Schweinsteiger besucht wurde.

Vor der Tür stehen junge Männer im Smoking, die Frauen in kurzen Kleidern. Auch Sandra, Milena, Julia und Elena haben sich auf den „schicken Dresscode“ eingestellt, den die Einladung verlangt, „um Missverständnisse und Enttäuschungen“ an der Tür zu vermeiden.

Die begehrten Tickets für je 35 Euro haben sie schon vorher per Post zugeschickt bekommen.

Nachdem sie vom Rheinufer in der Altstadt aus das Silvesterfeuerwerk angeschaut haben, gehen die Freundinnen noch einmal in ihr Apartment-Hotel, ihre Winterjacken ablegen, um sich das lästige Warten an der Garderobe zu sparen.

Der Weg zum Dom ist nicht weit und wird doch zum Horror-Trip, den die vier ein Leben lang nicht vergessen werden…

Duisburg, 1. Januar 2016, 14.36 Uhr

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Feuerwerkskörper werden gezielt in die Menschenmenge am Dom geschossen. Die Polizei hat die Lage nicht im Griff.

Die ersten Tage des Jahres verbringt Ralf Jäger (55, SPD) zu Hause.

Auf dem Blackberry des nordrhein-westfälischen Innenministers ploppt eine Nachricht mit drei Ausrufezeichen neben der Betreffzeile „Vergewaltigung, Beleidigung auf sexueller Basis, Diebstahlsdelikte, Raubdelikte begangen durch größere ausländische Personengruppe“ auf.

Der Dienstgruppenleiter seines Lagezentrums, Marko L. (47) hatte entschieden, dass der Minister über den Fall von Sandra, Vanessa, Milena und Julia informiert werden müsse, weil er eine „erhöhte politische Bedeutung“ sah, einen „Sachverhalt, den wir so noch nicht hatten“.

„WE-Meldung“ nennt sich das. „Wichtiges Ereignis“, eingestuft als „Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch“.

Ralf Jäger liest:

Erstmals wird damit in Deutschland der politischen Führung bekannt, dass riesige Männergruppen massiv gegenüber Frauen sexuell übergriffig wurden.

Der Polizeipräsident von Köln, Wolfgang Albers (60), erfährt davon zu Hause. Er wird später zu Protokoll geben, dass ihm schnell klar gewesen sei, dass durch Veröffentlichung dieser Schilderungen die gesamte Flüchtlings- und Integrationspolitik in Frage gestellt würde.

Ralf Jäger, der sich bis heute rechtfertigen muss, warum er und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (55, SPD) tagelang zu den Ereignissen schwiegen, wird allerdings über die Meldung sagen:

Allerdings, so sagte Jäger schon im Januar:

Als Jäger vier Monate später im Untersuchungsausschuss zur Silvesternacht erneut seine Familie ins Feld führt, veröffentlicht die „Süddeutsche Zeitung“ einen Kommentar:

Ein Telefonat vor wenigen Tagen:

Sandras Vater muss sich hörbar zusammen reißen, wenn der Name fällt.

Der besonnene Mann fühlt sich getäuscht, gerade vom Innenminister. Er denkt schon länger über eine Klage gegen die Landesregierung nach.

Der Vorwurf: Die Behörden hätten im Vorfeld ganz anders warnen müssen über die wahre Gefahrenlage in Köln, die schon lange bekannt sei.

In der Tat ist die Gegend um den Hauptbahnhof zu einem Kriminalitätsbrennpunkt in Deutschland geworden, was nicht zuletzt an jungen Männern aus Algerien, Marokko und Tunesien liegt, die immer öfter, immer brutaler etwa als „Antänzer“ Diebstahls- und Raubdelikte begehen.

Als im Januar 2016 im Innenausschuss des Landtages zur Sprache kommt, dass in einem Kölner Analyseprojekt zur „Nafri“-Szene allein seit 2013 21.000 Daten zu Straftaten und zu 17.000 Personen nordafrikanischer Herkunft gespeichert seien, sind die Abgeordneten fassungslos. Auch sie fühlen sich hinters Licht geführt.

Sandras Vater sagt:

Köln, 1. Januar 0.50 Uhr

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Männergruppen belauern die Partygäste  vor dem Wartesaal am Dom.

Sandra packt ihr iPhone 6, ihr Parfüm, die EC-Karte, ein wenig Bargeld, ihren Personal- und ihren Behindertenausweis in die schwarze Umhängetasche von H&M.

Vom Hotel aus geht sie mit Milena, Julia und Elena über die Domplatte Richtung Wartesaal. In Höhe des Fotogeschäfts oberhalb der Treppe zum Bahnhofsvorplatz versuchen sie durch eine dicht gedrängte Menge von 100, vielleicht 200 Männern zu kommen.

Genau diesen Bereich oberhalb der Domtreppe bezeichnen die Zivilbeamten der Bereitschaftspolizei für die Zeit nach Mitternacht als „rechtsfreien Raum“, als sie ihren „Erfahrungsbericht“ verfassen.

Sie selbst werden mit Flaschen und Böllern beworfen.

Polizeikommissarin Stefanie S. (25) erleidet dabei ein Hämatom am rechten Oberschenkel. „Die Personen grölten in arabischer Sprache und schienen sich über den ,Treffer’ zu freuen“, schreiben die Zivilbeamten.

Und um 0.30 Uhr wird die junge Beamtin selbst begrapscht, „mehrfach sexuell genötigt“, wie es heißt. Ihre geraubte Handtasche kann sie dem Täter wieder entreißen.

Die Gruppe um Sandra wird geschubst, getrennt. Sandra nimmt über das Hörgerät das Johlen und Feixen inmitten der Silvesterböller war.

Die Mädchen werden am ganzen Körper befummelt, ihre Strumpfhosen zerrissen. Sie schreien, flehen um Hilfe.

An Sandras H&M-Tasche, die sie auf der rechten Schulter trägt und die Tage später - entleert um Smartphone und das Geld - ein Obdachloser in einer Mülltonne unweit des Doms finden wird, wird mit Gewalt gezerrt. Die Träger reißen.

Das Polizeiprotokoll der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ vermerkt:

Sandra kann sich losreißen, sucht nach ihren Freundinnen, rennt zum nächsten Polizeifahrzeug.

„Die haben geweint, die waren aufgelöst“, erinnert sich Oliver P. (46), Führer des zweiten Einsatzzuges, vor dem Untersuchungsausschuss an diesen Moment.

Plötzlich entdeckt sie Elena, aber Julia und Milena sind noch in den Fängen des Mobs. Erst ein Polizist kann ein Mädchen rausziehen, das andere befreit ein zupackender Passant.

„Es war ein Ausländer, der half“, sagt Sandra.

Nach schier endlos wirkenden Minuten sind die Mädchen wieder zusammen und am Boden zerstört. Zugführer P. wartet bei den Frauen, bis zwei junge Kollegen da sind, um die Vier zur Bundespolizei zu begleiten.

Die Dienststelle der Polizeiinspektion 1 in der Stolkgasse ist da schon völlig überlastet, mindestens 20 Opfer warten im Vorraum.

Aber auch auf der Bahnhofswache, so erinnert sich Sandra, seien „überall weinende Mädchen und Frauen“ gewesen.

Ein Polizist habe ihr dort gesagt „Gegen solche Taten kann man nichts machen. Das passiert hier in Köln ständig.“

Sandra:

Erst der Chef habe nach einer Diskussion sein Okay zum Geleitschutz gegeben.

Um 2.26 Uhr unterzeichnet Polizeikommissarin E. die Strafanzeige und informiert die Kriminalwache.

Doch erst am anderen Morgen, als sich Julias Mutter gegen kurz vor zehn bei der Polizei meldet und berichtet, was sie gerade am Telefon von ihrer Tochter erfahren hat, fahren Beamte in das Hotel der Mädchen, um die Kleidung zu sichern wegen möglicher DNA-Spuren der Täter.

Ein Mädchen wird gynäkologisch untersucht. „Fallakte Nr 1“ wird angelegt.

Köln, Ende Juni 2016

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Sandra (20) wurde Opfer einer Vergewaltigung. Sie war mit ihren Freundinnen auf dem Weg zu einer Party im Wartesaal am Hauptbahnhof.

Die Staatsanwaltschaft teilt mit, dass in 21 Fällen wegen Vergewaltigung ermittelt werde, davon fünfmal wegen vollendeter Delikte. In keinem dieser Fälle gibt es bisher einen Tatverdächtigen.

In 100 Fällen seien DNA-Proben genommen worden, Treffer gebe es aber keine – was auch daran liegen dürfte, dass der Großteil der Täter noch nicht lange in Deutschland ist.

Immerhin: 204 Beschuldigte zu den 1190 Strafanzeigen, davon 500 wegen Sexualdelikten, wurden bisher ermittelt, 20 angeklagt, 13 verurteilt, 9 davon rechtskräftig. Acht Tatverdächtige sitzen in U-Haft. Jeder vierte Tatverdächtige ist jünger als 21 Jahre.

1. Januar gegen 13.30 Uhr in Köln-Kalk: Im KK 62, der Kriminal-Wache im Polizeipräsidium, klingelt kurz vor dem Schichtwechsel das Telefon von Dienstgruppenleiter Jürgen H. (52). Es meldet sich, so erinnert sich der erfahrene Beamte, ein Mitarbeiter der Landesleitstelle in einem „sehr schroffen, in seinem sehr barschen Ton“.

„Das sind doch keine Vergewaltigungen. Diesen Begriff streicht ihr. Ihr storniert die WE-Meldung und schreibt die am besten ganz neu“, sagt der Anrufer laut H. Dies sei ein „Wunsch aus dem Ministerium“.

Kriminalhauptkommissar H. weigert sich, bleibt dabei, dass es Vergewaltigungen sind. Das Telefonat endet, die Meldung wird nicht verändert.

7. April, Düsseldorf, Landtag

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Sie kamen nach Köln, um zu Feiern.  Die massiven Übergriffe auf diese jungen Frauen wurden in der „Fallakte 1“ dokumentiert.

Am Tag zuvor hat der EXPRESS über den brisanten Anruf bei der Polizei berichtet, Innenminister Jäger steht erneut unter Druck, muss vor den Abgeordneten des Innenausschusses Rechenschaft ablegen.

Gab es gar eine Anweisung zur Vertuschung von ganz oben?

Schon seit drei Monaten war in seinem direkten Umfeld der Einmischungsversuch bekannt, doch nachgegangen ist ihm offenbar niemand. Inzwischen sind wichtige Nachweise über Telefonverbindungen gelöscht, E-Mails komischerweise nicht mehr auffindbar.

Die Frage, die sich nicht nur die Opposition stellt: Soll sogar der Vertuschungsversuch noch vertuscht werden?

Als der Artikel erscheint, beeilt sich Jäger sofort, alles zurückzuweisen. Einen solchen Anruf habe es überhaupt nie gegeben, das habe sogar die Kölner Polizei so berichtet.

Eine merkwürdige Aussage, die er später unter Wahrheitspflicht wiederholt. Kam nicht erst der Bericht über das Telefonat überhaupt von der Polizei?

Hat Jäger die Unwahrheit gesagt, wird er kaum zu halten sein.
Noch bevor der Minister das Landtagsgebäude verlässt, relativiert er seine Aussage bereits wieder.

Einem Kamerateam des WDR bestätigt er nun zumindest ein konkretes Telefonat und behauptet, es sei darum gegangen, die Vergewaltigung deliktisch einzuordnen.

„Das ist nicht so klar im Strafgesetzbuch geregelt, sondern es gibt Nuancen, und dann geht es natürlich darum, das möglichst präzise in einer solchen Meldung zu formulieren, welcher Straftatbestand vermutlich zutrifft, und das ist offensichtlich erörtert worden“, behauptet Jäger.

Es sind Sätze, die nicht nur von Kennern des Sexualstrafrechts als blanker Unsinn zurückgewiesen werden, weil das Eindringen in den Körper völlig unstreitig eine Vergewaltigung darstellt, sondern bei Betroffenen Unverständnis und Wut auslösen. Sandras Vater nennt sie schlicht „einen Skandal“. Und schiebt gleich hinterher: „Ich war immer ein politisch interessierter Mensch. Das Vertrauen in die Politik habe ich nach der Silvesternacht verloren.“

Wochen später legt sich nun Jäger wieder ganz anders fest: „Bei dem Sachverhalt, der da geschildert wurde, handelt es sich ohne jeden Zweifel um eine Vergewaltigung.“

Ein Blick in das angeblich unklare Strafgesetzbuch hätte dem Minister bereits vorher geholfen. Dort steht:

Es liest sich, als wäre der Paragraf 177 für die Silvesternacht geschrieben worden.

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