Ein Café spaltet ein ganzes Kölner Veedel. Anwohnende sind wegen Lärm, Müll und Posern am Ende. Der Streit eskaliert.
Matcha-Zoff in EhrenfeldAnwohner am Ende – Trend-Getränk spaltet Veedel

Copyright: Trzeciak
Erst der Hype, dann der Hass: Seit Monaten schwelt ein Nachbarschaftsstreit in Ehrenfeld rund um das Café Impi. Dort strömen Influencer, junge Menschen und Autoposer hin.
Matcha-Mania – das grüne Trend-Getränk sorgt für rote Köpfe in Ehrenfeld. Anwohner und Anwohnerinnen sind verzweifelt, junge Leute pilgern ins Veedel. Jetzt droht der Streit ums Café Impi komplett zu eskalieren.
Für die einen schmeckt es nach zarten Blüten und frischem Gras, für die anderen einfach nur wie flüssiges Heu. Matcha, das japanische Grüntee-Pulver, das als Iced Matcha Latte seit Jahren einen Hype erlebt. In Köln-Ehrenfeld ist dieser Trend seit über einem Jahr der Auslöser für einen Zoff im Veedel, der immer heftiger wird.
Café Impi als neue Partnerbörse?
Im Zentrum des Streits steht das Café Impi an der Ecke Barthelstraße/Piusstraße. Einst ein verschlafener Imbiss, ist es zum Hotspot geworden, seit die Betreiber Saskia Groß und Robin Bohn eine junge Klientel anziehen.
Die Folgen: Lange Schlangen, Müllberge und der geballte Zorn der Anwohner. Nach einer Stink-Attacke und einer eingeschlagenen Scheibe könnte der Konflikt bald vor Gericht landen.
Mehr News für dich
„Keine Ahnung...“
Kult bei Nachtschwärmern – Kölner Pferd ist weg
Ein typischer Sommerabend in der Piusstraße: Vor dem kleinen Eck-Café drängt sich eine Menschentraube. Die Kreuzung ist vollgeparkt mit PS-starken Autos, viele davon aus Wuppertal, Bergheim oder dem Ruhrpott. Aus einem Mercedes wummern die Bässe. Auf einer Mauer gegenüber schlürfen junge Leute Iced Matcha Latte aus Plastikdosen mit Impi-Logo.
Auch Musa und Julia, beide 18, sind extra aus dem Kölner Umland gekommen. Musa erklärt den Hype so: „Am Anfang waren es ein paar Influencer mit großer Reichweite, die das probiert und lecker gefunden haben. Die haben es gepostet, und dann ging es los.“ Für Julia hat sich der weite Weg gelohnt: „Hier schmeckt der Matcha einfach am besten.“

Copyright: Florian Holler
Musa und Julia sind regelmäßige Gäste des Café Impi.
Doch es geht nicht nur um das Getränk. Selenia und ihre Freundin Alania genießen einen Erdbeer-Matcha und eine Açaí-Bowl. Sie wohnen um die Ecke und wundern sich, dass Leute sogar aus Gelsenkirchen anreisen. Auf TikTok mache man schon Witze, dass das Impi ein Treffpunkt zum Kennenlernen sei. Kundin Berfin bringt es lachend auf den Punkt: „Die Männer kommen hierhin, um Frauen kennenzulernen, die Frauen kommen hierhin, um Matcha zu trinken.“
Den Anwohnern ist allerdings gar nicht zum Lachen zumute. Sie berichten von einem zermürbenden Alltag mit Autoposern, die mit aufheulenden Motoren durchs Viertel rasen, Müll und respektlosen Gästen. „Mittlerweile bin ich mit den Nerven komplett am Ende“, sagt eine Frau, die aus Angst vor Anfeindungen anonym bleiben will.
Ehrenfelder Nachbarn empfinden Lage als zermürbend
Während des Gesprächs heult der Motor eines BMW-SUVs auf, der Beifahrer grinst und winkt ihr provokant zu. „Sehen Sie?“, sagt sie. „So etwas meine ich.“ Seit dem Frühjahr habe sich die Lage zugespitzt. Zugeparkte Feuerwehrzufahrten, riskante Fahrmanöver und persönliche Beleidigungen seien an der Tagesordnung.

Copyright: ksta
Seit Monaten schwelt ein Nachbarschaftstreit in Ehrenfeld rund um das Hype-Cafe Impi. Dort stömen Influencer, junge Menschen und Autoposer hin. Nachbarn beschweren sich über Lärm, Müll und Respektlosigkeiten
Eine Online-Petition fordert seit März mehr „Ruhe, Sicherheit und Sauberkeit“ und hat bereits 1200 Unterschriften gesammelt. Polizei und Ordnungsamt sind zwar regelmäßig vor Ort. Die Polizei bestätigt vermehrte Beschwerden wegen Ruhestörung, Müll und Verkehrsdelikten seit August 2025. Eine fest etablierte Szene existiere laut den Beamten aber nicht. Die Stadt betont, der Zulauf müsse für die Nachbarschaft ein erträgliches Maß behalten.
Die Anwohner erleben diese Präsenz dennoch zwiespältig. „Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt etwa Anwohner Till Schwermer. „Fährt die Polizei nach einer Kontrolle wieder weg, stehen wenig später wieder alle an derselben Stelle.“ Sein Fazit: „So ein Café passt einfach nicht in unser Viertel.“
Droht der Streit vor Gericht zu landen?
Trotz aller Maßnahmen scheint die Lage weiter zu eskalieren. In der Nacht zum 4. Juli verteilten Unbekannte eine übel riechende Flüssigkeit vor dem Café, ein Fall für Feuerwehr und Polizei. Im selben Monat wurde bei einem direkten Nachbarn eine Fensterscheibe eingeschlagen, die Polizei bestätigt eine Anzeige wegen Sachbeschädigung.
Aus der Nachbarschaft heißt es nun, man prüfe inzwischen auch rechtliche Schritte gegen die Stadt; dazu soll ein Anwalt angefragt worden sein, der bereits Anwohner am Brüsseler Platz im jahrelangen Rechtsstreit um Lärm und Nachtleben vertreten hat. Offiziell bestätigen will das aus der kleinen Anwohner-Initiative bislang niemand – offenbar will man sich alle Optionen offen halten.

Copyright: Florian Holler
Das Mäuerchen in der Nähe des Cafes ist regelmäßig mit den Plastikdosen des Cafes übersät.
Die Fronten jedenfalls sind längst verhärtet. Die Betreiber des Cafés, Saskia Groß und Robin Bohn fühlen sich von ihren Nachbarn regelrecht gemobbt: Ihr Personal werde beschimpft, vor dem Laden abgeladener Müll gehöre inzwischen zum Alltag. „Uns werden gegenüber Behörden teilweise Vorwürfe zugeschrieben, die aus unserer Sicht nachweislich nicht zutreffen“, sagt Bohn. Mit dem Ordnungsamt bestehe zwar Austausch, doch mit den eigentlichen Entscheidern sei es „trotz mehrfacher Telefonate bisher nicht gelungen, an einen Tisch zu kommen“. Jeden Abend sammle man selbst Müll in der Umgebung ein, die Schlange werde bereits um 21.30 Uhr geschlossen – obwohl bis Mitternacht geöffnet sein dürfte. Saskia Groß, die im Viertel großgeworden ist, leidet nach eigenen Worten besonders unter den feindseligen Reaktionen von Nachbarn, die sie teils seit Kindesbeinen kennt. Beide wünschen sich einen echten Dialog – mit der Nachbarschaft ebenso wie mit Stadtvertretern.
Um den Standort in Ehrenfeld zu entlasten, planen Groß und Bohn inzwischen einen zweiten Standort. Das Impi in Ehrenfeld soll aber bleiben: „Und jeder Gast ist hier auch weiterhin herzlich willkommen.“

Copyright: Lioba Lepping
Saskia Groß übernahm das Impi vor sechs Jahren von ihrem Großvater. Mit Robin Bohn betreibt sie den ehemaligen verschlafenen Imbiss inzwischen sehr erfolgreich.
Fragt man die Gäste des Impi nach dem Unmut der Nachbarn, stößt man durchaus auf Verständnis. „Der Müll vor den Haustüren geht gar nicht“, sagt Selenia. Berfin findet: „Es gibt auch einfach viel zu wenig Mülltonnen hier.“ Allerdings schiebt sie hinterher: „Köln ist eben auch eine Großstadt.“ Wer es ruhig möge, könne ja aufs Dorf ziehen.
In einem Punkt sind sich Gäste und Anwohner immerhin einig: Ein Hype kann so schnell verschwinden, wie er aufgetaucht ist. „In einem Jahr erscheint vielleicht wieder ein neues Produkt, und der nächste Hype geht los“, glaubt Selenia. Viele der Anwohner, mit denen diese Redaktion gesprochen hat, hoffen genau darauf. Bis es so weit ist, bleibt die Piusstraße ein weiteres Beispiel für einen verzwickten Nutzungskonflikt in der Großstadt – zwischen jungen Menschen, lärmgeplagten Nachbarn und durchsichtigen Plastikdosen. (red)


