„Milieu-Ehre? Von wegen“ Kölner Zeitzeuge Roger über Essers Häns und die Ming-Vase

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Kölsche Szene-Größe: Wirt Roger Witters aus dem Friesenviertel kannte und kennt sie alle.

Köln – TV-Dokumentationen, Bücher wie „Wenn es Nacht wird in Köln“: Das berüchtigte Kölner Milieu der 70er und 80er Jahre.

Die einen halten die Protagonisten von einst wie Schäfers Nas für Haudegen mit Ganovenehre, viele empören sich dagegen, wenn die heute noch lebenden Gestalten wie „Pille Rolf“ auf der Straße jubelnd erkannt werden und sogar Autogramme geben.

Köln: Wirt schildert seine Milieu-Erfahrungen

Auf EXPRESS.de erinnern wir zum Jahresende mit Episoden an die wilde und oft kriminelle Vergangenheit, die als Chicago am Rhein zu Köln gehörte, aber nicht verklärt werden darf.

Heute veröffentlichen wir Anekdoten von Szene-Gastronom Roger Witters (53) aus dem oben erwähnten Buch von Roland Bebak. Das Interview mit „Rotsch“, wie Witters auch genannt wird. 

Roger, Sie sind die spätere Generation, 1967 geboren, wie denken Sie heute darüber, wenn Leute vom „Chicago am Rhein“ erzählen?

Rotsch: Es wurde Chicago am Rhein genannt, aber so viel Tote hat es auch nicht gegeben. Klar hatte Köln deutschlandweit seinen Ruf. Im Milieu bin ich aufgewachsen, als kleiner Junge, Mitte der 70er. Mein Vater war ein Arbeiter, der an den Wochenenden immer in die Kneipen ging. Er hat mich in den Drachenburgkeller mitgenommen, da bin ich als Fünfjähriger auch den Figuren wie Schäfers Nas oder Dummse Tünn begegnet.

Heute ist es ein nostalgischer Blickwinkel, aus dem ich die Zeiten damals betrachte. Heute spricht man nur von den schönen Zeiten. Aber die Ratten und Betrüger hat es immer schon gegeben.

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Freunde: Roger Witters und Schmidte Udo erlebten und prägten das frühere Milieu mit.

Wann ist das „alte Milieu“ gestorben?

Rotsch: Anfang der 90er ist der Ausländeranteil stark gewachsen, die haben das Gewerbe an sich gerissen. Die kölschen Originale haben sich nicht zurück-gezogen, ihnen wurde die Macht abgenommen. Die Schwachen wollten sich mit einem starken Ausländer brüsten, die haben dann ihre Cousins mitgebracht und die Deutschen rausgedrängt.

Heute gibt es keine deutschen Zuhälter mehr. Man redet heute von der sogenannten Milieu-Ehre, aber die hat es damals schon nicht gegeben.

Haben Sie auch den Beckers Dieter (✝46) mal erlebt?

Rotsch: Er war ein Perfektionist, ich habe niemals einen besseren Organisator erlebt, der war deutschlandweit vernetzt. Ohne Handy. Zum Schluss, Anfang der 90er, habe ich auch beim FC Johnny mitgespielt. Das Gesellige war schon lustig.

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Illustre Gesellschaft in den Miljö-Zeiten der 80er: Dieter Becker (r.) mit dem legendärem Indianer Akki (l.) aus Frankfurt und Szenegröße namens Bambel.

Aber ich muss auch sagen: Mich hat das Milieu damals eigentlich abgestoßen. Abgesehen von Schäfers Nas, der war mit seinen 140 Kilos schon imposant, waren und werden viele Figuren von damals überbewertet. Ich habe viel mit dem Kuhlse Rudi abgehangen, der war beim Boxen auch mein Sponsor, und Essers Häns war auch ein guter Kumpel. Mit dem war ich auch zusammen im Urlaub.

Was ist Ihre Lieblingsanekdote?

Rotsch: Eine vom Häns. Ende der 80er stand ich im Spitz, und Häns hatte endlich die Taxi-Prüfung geschafft. zweimal vorher war er durchgefallen.

Das haben wir dementsprechend gefeiert. „Ich han dä Sching“, jubelte er und schaute auf die andere Seite vom Tresen. Da saß einer total besoffen und fragte: „Du fährst Taxi? Komm, ich bin Dein erster Fahrgast.“

Er hat sich also den besoffenen Typen geschnappt, der ist im Taxi schon eingeschlafen. Dreimal fuhr er um den Block und winkte uns immer lachend zu. Schon bei seiner ersten Fahrt hat er die Krumme gemacht.

Legendär auch, wie er ein älteres Pärchen aus der Philharmonie nach Marienburg brachte.

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Unvergessen: Der früh verstorbene Indianer Essers Häns.

Was passierte?

Rotsch: Das Pärchen lud ihn in die Villa ein, auf einen Kaffee. Häns dachte: Vielleicht kann ich mir die als Stammkunden schnappen. Die ältere Dame ging ins Schlafzimmer, der Herr schlief kurz danach während des Plauschs im Wohnzimmer ein. Da saß der Häns nachts in der Villa, eine Milieu-Größe. Er hat sich eine Ming-Vase geschnappt und ist raus.

Doch im Taxi bekam er Gewissensbisse. Er fuhr wieder zurück und klingelte, mit der Vase in der Hand. Der Alte machte auf, Häns drückte ihm die Vase in die Hand: „Hier, haste im Taxi liegenlassen.“

Kannten Sie auch den Langen Tünn?

Rotsch: Klar, der hat mich mal mit ins Spielkasino nach Falkenburg mitgenommen. Da ging er immer zocken. Und er wollte mir das zeigen. Okay, sagte ich, ich bin dabei. Als wir reinkamen, hat Tünn erstmal das ganze Personal beleidigt. Ich dachte: Wie können die den reinlassen?

Aber die haben den poussiert. Wir hatten freien Eintritt. Der Saalchef und der Casinochef von ganz Holland standen da im Anzug, total seriös. Tünn kam von hinten, griff ihnen in die Eier, dass die fast gejault haben, und sagte dem Saalchef: „So, du machst meinem Freund jetzt erst mal einen Tisch im Restaurant klar. Lauf los.“

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Schnappschuss aus den wilden Milieu-Zeiten: Mittendrin der junge Essers Häns.

Das ganze Restaurant war besetzt. Der Saalchef ist zum besten Tisch hin, hat die Leute rausgeschmissen, die mussten aufstehen - kein Witz - und ich konnte umsonst dann essen. Dann sagte Tünn: „Mein Freund hat noch kein Geschenk.“

Der Chef hatte es kaum gehört, da kam er mit einer Golduhr vom Casino wieder. Ich sagte zu Tünn: „Wieviel hast du hier verloren?“ Er sagte: „Millionen.“ Da wusste ich, dass das stimmen muss. Und am Spieltisch beleidigte er die Leute einfach weiter, aufs Allerübelste.

Da bekam es einer mit und wollte auf den Zug aufspringen, der hat dann angefangen mit zu beleidigen. Und der wurde direkt rausgeschmissen.

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