Desaster in EhrenfeldKölner Vorzeige-Schule wird zur Pannen-Baustelle

Die Heliosschule in Ehrenfeld ist Baustelle.

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Das Projekt des Neubaus der Heliosschule wurde im Februar erneut zurückgeworfen: Die Stadt Köln hatte den Vertrag mit dem Architekturbüro aufgelöst.

Wieder schlechte Nachrichten für hunderte Kölner Familien. Die Heliosschule, einst ein Leuchtturmprojekt, wird zur Dauerbaustelle. Der Einzug? Wieder um Jahre verschoben.

Es ist eine Hiobsbotschaft, die viele Kölner Familien trifft. Erst zum Schuljahr 2029/2030 wird die Heliosschule komplett in ihr neues Domizil in Ehrenfeld umziehen können. Das bedeutet drei weitere Jahre des Ausharrens. Für die Kinder heißt das: weiterhin Unterricht an drei verschiedenen Orten, die weit voneinander entfernt sind. Jennifer Haack, eine betroffene Mutter, fasst die Belastung zusammen: „Die Eltern mit Kindern in verschiedenen Stufen verbiegen sich.“

Diese erneute Verschiebung schürt massive Unsicherheit. Viertklässler der Grundschule wissen nicht, ob sie in die fünfte Klasse der Gesamtschule wechseln können. Der Sohn von Frau Haack muss nun „bangen“. Das Ganze steht im krassen Gegensatz zum gefeierten pädagogischen Konzept, das ein Lernen über Jahrgänge hinweg vorsieht. Die Mutter äußert ihr Unverständnis: „Das Konzept der Schule ist zukunftsweisend“, sie könne nicht nachvollziehen, wieso man dem Vorhaben „Steine in den Weg legt“.

Ein Jahrzehnt Bauzeit für eine Schule

Seit dem ersten Spatenstich im Mai 2019 werden bis zum nun anvisierten Einzug ganze zehn Jahre vergangen sein. Ursprünglich, bei der Gründung 2015, war der Umzug für 2022 anvisiert. Stattdessen lernen die Kinder und Jugendlichen seitdem in verschiedenen provisorischen Unterkünften. Ein besonders bitteres Detail: Der Gründungsjahrgang legt dieses Jahr sein Abitur ab, ohne jemals das fertige Schulhaus von innen gesehen zu haben.

Schulleiter Andreas Niessen kommentiert die Lage mit Galgenhumor: „Ich hatte gehofft, dass wir noch vor der Oper fertig werden.“ Ein treffender Vergleich: Die Kölner Oper wurde nach vierzehn Jahren Umbau gerade erst wiedereröffnet. Die Heliosschule reiht sich nahtlos in die Liste der Pannen-Projekte der Stadt ein. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Aufschübe und Kostensteigerungen.

Die letzte offizielle Zahl für die Baukosten belief sich im März 2025 auf 156,5 Millionen Euro. Es ist so gut wie sicher, dass diese Summe durch die weitere Verzögerung bis 2029 nochmals anwachsen wird. Eigentlich wollte die Stadtverwaltung im dritten Quartal 2026 einen neuen Zeit- und Finanzplan präsentieren. Doch bis heute gibt es keine neuen Informationen.

Die jüngste Katastrophe für das Bauvorhaben ereignete sich im Februar dieses Jahres, als die Stadt die Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Schilling aufkündigte. Dessen Entwurf hatte 2015 den Wettbewerb gewonnen und den Bau seither begleitet. Seitdem war nicht nur die Kostenfrage wieder völlig offen, sondern auch der Einzugstermin. Der bis zu diesem Zeitpunkt kommunizierte Termin – erstes Quartal 2027 – war damit hinfällig, ganze zweieinhalb Jahre vor dem jetzt genannten Datum.

An einem langgestreckten Gebäude steht ein Baugerüst.

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Das neue Gebäude der Heliosschule in Ehrenfeld: Der Bau ist noch nicht fertig, aber schon musste die Fassade saniert werden.

Auf einer Sitzung des Schulausschusses in der vergangenen Woche gab es dann endlich neue Informationen. Eine Mitarbeiterin der Verwaltung erklärte auf Nachfrage von Politikern, dass der Einzug schrittweise ab Ende 2028 beginnen könnte. Der vollständige Umzug in das neue Gebäude ist laut aktuellem Stand für das Schuljahr 2029/2030 vorgesehen.

Laut Stadtverwaltung wird das Projekt nach dem Rauswurf des Architekten immer noch „neu strukturiert“. Das beauftragte Nachfolgebüro hat bereits diverse Planungsmängel aufgedeckt. Beispielsweise seien im Bereich der Barrierefreiheit „umfangreiche Korrekturen“ notwendig. Währenddessen seien die Arbeiten auf der Baustelle weitergelaufen. Bereits im Oktober 2025 musste die Stadt einräumen, dass Arbeiten an der Fassade „mangelhaft umgesetzt“ wurden. Nun heißt es dazu: „Aktuell fokussieren sich die Fassadenarbeiten auf die Sanierung im Bereich der Dachterrassen.“

Wut und Verzweiflung: Schulgemeinschaft leidet unter Provisorium

Schulleiter Niessen macht sich bereits Gedanken, wie der Umzug möglichst reibungslos ablaufen kann. Er brachte einen gestaffelten Einzug ins Spiel: „Da wir ja von drei Standorten in ein Gebäude ziehen, könnte man durchaus darüber nachdenken, dass es einen gestaffelten Einzug gibt.“ Klar ist für ihn aber: Die Oberstufe soll nicht mitten in der Abiturvorbereitung umziehen müssen. Ein Umzug einzelner Jahrgänge in den Weihnachts- oder Osterferien sei jedoch eine Option.

Eltern, Schüler und Lehrer der Heliosschule demonstrierten im November 2025 vor dem Rathaus: „Wir leisten seit Jahren Unmögliches – mit Herz, Engagement und Mut. Aber jetzt ist Schluss mit Provisorien!“

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Eltern, Schüler und Lehrer der Heliosschule demonstrierten im November 2025 vor dem Rathaus: „Wir leisten seit Jahren Unmögliches – mit Herz, Engagement und Mut. Aber jetzt ist Schluss mit Provisorien!“

Der Frust der Schulgemeinschaft hatte sich bereits im November des Vorjahres bei einem Protest vor dem Rathaus entladen. Die Initiative „Heliosschule jetzt“, gegründet von Schülern, Lehrkräften und Eltern, kritisierte die Informationspolitik der Stadt. Man erwarte „endlich Verlässlichkeit, Transparenz und gesunde Lernräume“. Tjark Sauer, einer der Sprecher der Initiative, brachte die Misere auf den Punkt: „Die Schülerinnen und Lehrer leiden darunter, wenn man Unterricht in angemieteten Räumen oder Containern machen muss, die nicht dafür geeignet sind.“ Auch Schulleiter Niessen und Grundschulleiterin Marion Hensel forderten in einer gemeinsamen Erklärung, es dürfe zu „keiner weiteren Verzögerung“ und „keinerlei Qualitätsverlust“ kommen.

Auf einer Stadtkarte werden drei Standorte angezeigt.

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Hier befinden sich die drei Interimstandorte der Heliosschule in Köln.

Immerhin scheint die Kritik gefruchtet zu haben. Nach der jüngsten Sitzung des Schulausschusses berichtete Andreas Niessen von einem verbesserten Austausch mit der Stadt und sprach von „mehr Transparenz und besseren Kommunikationsstrukturen“. An den provisorischen Standorten arrangiert man sich. In der Overbeckstraße, wo die fünften und sechsten Klassen unterrichtet werden, kommt die Schule derzeit „gut klar“.

Vier zusätzliche Räume sollen ab Herbst die Lage entspannen. Auch in Vogelsang (Jahrgänge sieben bis zwölf) hat sich die Platzsituation verbessert, da die ebenfalls dort untergebrachte Gesamtschule Ossendorf in ihren Neubau umziehen konnte. Ein bitterer Beigeschmack: Dieses Gebäude wurde in nur zweieinhalb Jahren fertiggestellt und ist der Beweis, dass Schulbau in Köln auch zügig funktionieren kann.

Doch die nächste Herausforderung steht schon bevor. Niessen prognostiziert, dass es im Schuljahr 2028/29, also unmittelbar vor dem geplanten Umzug, in Vogelsang wieder eng wird. Der Grund: Die dort ebenfalls beheimatete Gesamtschule Wassermann wächst stetig. Der Schulleiter warnt: „Zu Beginn des Jahres werden wir ein Platzproblem kriegen.“ Eine Lösung für dieses absehbare Problem ist noch nicht in Sicht.

Das Paradox: Bau-Desaster trifft auf Vorzeige-Pädagogik

Das Konzept der Heliosschule sieht vor, Schülerinnen und Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur ganzheitlich zu betreuen. Offiziell setzt sie sich aus einer städtischen Grund- und einer Gesamtschule zusammen. Der erste Jahrgang, der 2015 eingeschult wurde, steht nun kurz vor dem Abitur – und hat die komplette Schulzeit in provisorischen Räumen verbracht.

Dabei ist gerade das neue Gebäude mit seinen geplanten Lernlandschaften anstelle von traditionellen Klassenzimmern von zentraler Bedeutung für die Umsetzung des pädagogischen Konzepts. Bisher können nur einige Oberstufenkurse in den neuen Räumen Am Wassermann solche modernen Lernbereiche nutzen.

Das ist das große Paradox der Heliosschule: Während der Bau ein Fiasko ist, wird die inhaltliche Entwicklung als bundesweites Vorzeigeprojekt gefeiert. Sie ist die zweite Universitätsschule in Deutschland und die einzige mit einem Fokus auf die Lehrerausbildung. Laut Niessen kommen fast wöchentlich Delegationen von anderen Hochschulen aus dem deutschsprachigen Raum, um sich die innovative Arbeit vor Ort anzusehen. (red)