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Jahrhundert-PosseDas ist Kölns verrückteste Tür

Porträt des Kölners Bruno Vosen an historischer Tür Schwalbengasse 2A.

Der Kölner Bruno Vosen zeugt auf die historische Tür des Hauses Schwalbengasse 2A. 

Ist Köln witzig? Doch, Köln ist witzig. Warum? Tatsächlich gibt es einen Witz aus dem Jahr 1959, mitten in der Stadt. Und der ist echt gut. Aus unserer Reihe über Besonderheiten aus der Stadt, die „Kölner Geheimnisse“.

Der ehemalige Kölner Banker Bruno Vosen hat den Witz gefunden, oder besser – wiederentdeckt. Es ist auch kein Witz im engeren Sinn, es handelt sich eher um eine skurrile Bildergeschichte, der ein durchaus ernster Vorgang zugrunde lag. Deshalb fanden den Witz auch nicht alle witzig, manche waren sogar echt sauer. Aber auf so eine Idee musste man erstmal kommen! Den „Zirkus Langgasse“!

Womit wir am Ort des Geschehens sind, am Haus Langgasse – heute Neven-DuMont-Straße)/Ecke Schwalbengasse. Als Bruno Vosen nach langer Zeit wieder einmal in diese Gegend kam, traf ihn der Witz an der Haustür wie eine Wucht: „Die Erinnerung war wieder da: Als ich ein Kind war, besuchte mein Vater mit mir die Kirche der Schwarzen Mutter Gottes in der Kupfergasse. Hinterher gingen wir zu dem Wohnhaus, das genau gegenüberliegt und mein Vater erklärte mir, was die Darstellungen und genannten Personen auf der Tür zu bedeuten hatten. Er fand das sehr amüsant.“

Die mit Symbolen, Reliefs, Begriffen und Namen kunstvoll gestaltete bronzene Eingangstür war eine Botschaft nach außen. Der Bauherr des Hauses namens Erich Lappe hatte Ende der 1950er-Jahre mit dieser originellen Idee die Stadtverwaltung angeprangert, die ihm, wie er meinte, mit ihrer Bürokratie das Leben schwer machte.

Die zum Teil namhaften Protagonisten sind alle nicht mehr unter uns, aber Lappe hat sich und ihnen ein einmaliges Denkmal gesetzt. Bis heute sind sie auf einer an der Tür angebrachten Bronzetafel verewigt. Auf der ist zu lesen: Zirkus Langgasse. Erich Lappe – Dompteur; Hans Schilling – Trapez, arbeitet ohne Netz; Frl. Dr. Hanna Adenauer – Kraftakt, die stärkste Frau der Welt; Eduard Pecks – Balanceakt, nur mit Netz; Kluge – Bodenakrobat, Radschläger; Firmenich – Steilwand, fährt sicher; Max Adenauer – Hohe Schule des sich Verleugnens.

23.10.2025 köln. Die verrückte Geschichte des Wohnhauses in der Schwalbengasse 2a. Foto: Alexander Schwaiger

Das „Ensemble“ des „Zirkus Langgasse“

Dass der Name Adenauer gleich zweimal auf der Platte Platz findet, kann – ein reiner Nebenaspekt - als Zeichen des Einflusses der Familie in der Stadt gelten. Hanna Adenauer, Kölner Stadtkonservatorin zwischen 1948 und 1969, war eine Nichte des ersten Bundeskanzlers, Stadtdirektor Max Adenauer war der erstgeborene Sohn von Konrad Adenauer. Der Groll des Bauherrn Lappe – bei allem Zirkus nicht in Verbindung zu bringen mit der Figur des Kölner Lappenclowns – galt beiden.

Und es ging noch weiter: Mit dem Türknauf setzte Lappe zusätzlich ein Ausrufezeichen, denn der hat die Gestalt einer Teufelsfratze, auf dem Kinn hängt das Wort „Bauverhinderungsamt“. Und dann sehen wir auch, was das Amt aus ihm, Lappe, gemacht hat: Ein rot leuchtendes Emailleschild auf der Tür zeigt einen blutwunden Stier, der etwas auf die Hörner nimmt – die Leute aus dem Amt, müsste man meinen.

Aus der von Bildhauer Egino Weinert (1920-2012) gestalteten Tür spricht noch mehr: Auf einer in Bodenhöhe angebrachten Stoßplatte sind acht Bauleute munter bei der Arbeit zu sehen, ihnen gegenüber steht eine kleine Gruppe, die mit den Fingern zeigt und tituliert ist als „Die Meckerer“, jene also, die Lappe offenkundig derart auf den Geist gegangen sein müssen, so dass sie jetzt die Quittung bekamen: „Hausverbot für Hanna, Eduard, Max und Kluge“ steht da. Sogar die ZEIT aus Hamburg berichtete damals über das Kölner Tür-Fanal und dass die Passanten belustigt davon seien.

Das Wohnhaus in der Schwalbengasse 2a in Köln

Das Haus Schwalbengasse 2a befindet sich gegenüber der Kirche St. Maria in der Kupfergasse.

So erfuhr ganz Deutschland von den Menschen in der Manege, von Hans Schilling (Lappes Architekt) über Eduard Pecks, den Leiter des Kölner Stadtbauamtes, den Baubeamten Kluge bis zum Oberbaurat Firmenich aus der Bezirksregierung. Und dass die Behörden Lappes Baustelle fünfmal stillgelegt und zweimal versiegelt hatten. Die Behörden und der Bauherr konnten sich über die Gestaltung des obersten Geschosses nicht einigen. Lappe plante eine um zweieinhalb Meter zurückgesetzte Staffelgeschosswohnung, durch deren Giebel aber sah Dr. Hanna Adenauer die Wirkung der gegenüberliegenden Kirche und damit das Stadtbild beeinträchtigt. Am Ende einigte man sich zwar, aber Lappe meinte, das habe zu viel Aufwand und Nerven gekostet.

Die Teufelstür, die Egino Weinert mit nur einer Hand gestaltet hatte – er verlor seine rechte Hand 1945 durch eine Sprengfalle – war dann Lappes formidable Abrechnung. Wegen der „Verächtlichmachung“ der Stadt flatterte ihm eine Klage ins Haus. Die Verteidigung argumentierte, es handele sich vom Recht abgedeckten „freundlichen Spott“. Das fand auch der Richter, der eine zulässige Satire erkannte. Allerdings musste der Name des Klägers, Stadtbauingenieur Kluge, unkenntlich gemacht werden. Das machte Lappe, in dem er auf den Abschnitt ein schmales Bronzeplättchen montierte. Und das machte er mit Bravour: „NUMMER KLUGE RWEISE GESTRICHEN“.

Interessant an der Sache ist außerdem, dass Lappe, der „Dompteur“, im Jahr 1981 noch einen draufsetzte – mit dem Bau eines wahrlich klotzigen Dachkonstrukts, das die Terrasse vor Regen schützen sollte. Eine Wetterfahne mit seinen Initialen erscheint als der Gipfel des Ganzen. Überzeugen Sie sich selbst. Der Eintritt in den „Zirkus Langgasse“ ist frei.

„Kölner Geheimnisse“ Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

„Kölner Geheimnisse“ Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Diese Geschichte stammt aus dem neuen Köln-Buch „Kölner Geheimnisse Band 2/ 50 neue spannende Geschichten aus der Dom-Metropole“, die im Bast-Verlag erschienen ist (192 Seiten, 24 Euro). Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sind es diesmal die Autoren Ayhan Demirci und Maira Schröer, die sich auf die Spuren Kölner Geschichte begeben haben und ausgehend von Objekten und Relikten in der Stadt von außergewöhnlichen Begebenheiten erzählen.