Der Kölner Reggae-Künstler Gentleman meldet sich mit einem neuen Album zurück. Im Interview verrät er, warum er zuletzt eine Pause eingelegt hat und wieso er inzwischen nicht mehr in Köln lebt.
Comeback nach SchaffenspauseKölns Reggae-Star Gentleman: „Mich bekommt man aus Köln nicht weg“

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Sänger Gentleman in seiner Heimatstadt. Vor dem Kölner Dom startete einst seine Liebe zur Reggae-Musik.

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Er ist der Garant für besten Reggae vom Rhein. Tilmann Otto, allen bekannt als Gentleman, pendelt seit Jahren zwischen Köln und Kingston, der Hauptstadt von Jamaika. Der 52-Jährige hat sich mit seinen Songs wie „Dem Gone“, „Superior“, „Intoxication“ oder „To the Top“ seinen Status als Ausnahmekünstler erarbeitet.
Hinter ihm liegen 30 Jahre Karriere mit neun Studioalben, zahlreichen Gold- und Platin-Auszeichnungen und über 20 Singles, die es in die deutschen Top 100 geschafft haben.
Gentleman: Neues Album „Gratitude“ nach vierjähriger Schaffenspause
Nach vierjähriger Schaffenspause ist jetzt sein neuntes Studioalbum „Gratitude“ erschienen. Entstanden sind die 17 neuen Songs auf Mallorca, Jamaika und in Miami. Im Herbst geht Gentleman auf Tour. Am 12. November 2026 steht das „Heimspiel“ im Palladium an.
Der Pfarrerssohn zog mit seiner Familie nach Köln, als er ein Jahr alt war. EXPRESS.de traf den Reggae-Star im Schatten des Kölner Doms, denn hier fing gewissermaßen alles an.
Warum ist diese Gegend so wichtig für Sie?
Gentleman: Anfangs habe ich mit meinen Freunden in der Schildergasse und der Hohe Straße Breakdance gemacht. Auf der Domplatte habe ich viel Zeit als Skater verbracht und habe dort die ersten Musikstücke aus Jamaika gehört. Das prägte meinen Musikgeschmack und hat mich neugierig gemacht.
Sie waren ein echter Wandervogel in Köln.
Gentleman: Das kann man so sagen. Aufgewachsen bin ich in der Südstadt. Meine erste Wohnung war in Neumarkt-Nähe. Ich habe für die Arbeiterwohlfahrt in Nippes gearbeitet. Im Petit Prince am Hohenzollernring habe ich erst Aschenbecher eingesammelt, später war ich Barkeeper und eines Tages einer der DJs, die dann mit angeheizt haben am Mikrofon. Ich bin mehrmals mit meiner Palme unter dem Arm umgezogen. Mülheim, Belgisches Viertel, Kwartier Latäng – ich bin wirklich viel herumgekommen in Köln.
Und warum haben Sie der Stadt den Rücken gekehrt?
Gentleman: Zuletzt hatte ich mit meiner Familie im Hahnwald gewohnt. Die Flutkatastrophe im Juli 2021 hat jedoch unser Haus zerstört. Jetzt leben wir seit fünf Jahren auf Mallorca. Ich habe aber noch ein Häuschen in Erftstadt‑Erp. Ich tingele so hin und her. Meine Eltern sind noch hier, mein Bruder betreibt das Restaurant Wicleff in Ehrenfeld. Mich bekommt man aus Köln nicht weg.

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Tilmann Otto alias Gentleman lebt inzwischen auf Mallorca. Zum Interview kam er jedoch wieder nach Köln.
Sie sagen, dass Sie ihr neues Album ohne Plan und ohne Druck angegangen sind. Was heißt das?
Gentleman: Natürlich kommt eines Tages nach 30 Jahren die Frage auf, ob man sich nicht wiederholt und es sich „ausgegentlemant“ hat. Ich habe mich leer gefühlt. Mehr oder weniger hatte ich jede Melodie schon einmal gehört und jede Textzeile bereits ähnlich formuliert. Wenn man keine Inspiration hat, dann macht es auch keinen Sinn, etwas aufzunehmen. Und die Phase gab es immer wieder mal. Das ist aber auch normal. Zweifel sind auch wichtig, in der richtigen Dosierung. Wenn sie aber zu groß werden, dann lähmt es. Ich wollte einfach nicht mehr alle zwei Jahre ein neues Album heraushauen. Wir geben international noch immer viele Konzerte und das macht mir großen Spaß. Dort wollen die Leute natürlich hauptsächlich die alten Songs hören. Die Stones bringen auch nicht zu jeder Tour ein neues Album heraus.
Nach Charterfolgen, Awards, Auftritten in TV-Shows und einer Tour nach der anderen haben Sie also ans Aufhören gedacht?
Gentleman: Es lief nicht mehr so rund und ich bekam eine unerwartete Atempause. Da kamen mir die Gedanken, vielleicht ein kleines Label zu gründen, um andere Künstler zu pushen. Auch über eine Musikbar habe ich nachgedacht. Das hat sich relativ gut angefühlt, mal einfach was anderes zu machen, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Heute würde ich es als „Gesundschrumpfen“ bezeichnen, aber damals war das natürlich erst mal ungewohnt.
Und wieso ist jetzt doch wieder ein Album entstanden?
Gentleman: Ich habe ein wunderschönes Studio auf Mallorca. Clayton Hamilton, ein Kumpel und Produzent von mir, hat mich besucht und meinte: „Lass uns mal ins Studio gehen.“ Ich war eigentlich nicht so in der Stimmung. Dann haben wir ein paar Bierchen getrunken und haben uns gesagt: „Let’s have some fun.“ Dann haben wir ohne Druck angefangen. Plötzlich sind richtig gute Dinger entstanden.

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Gentleman hat für sein neues Album auch einen Song mit Michael Patrick Kelly (r.) aufgenommen.
Hatten Sie eine Schreibblockade?
Gentleman: Nein, so will ich das nicht nennen. Es war okay für mich, den Tag damit zu verbringen, meinen Gemüsegarten zu pflegen, mit meinem Hund spazieren zu gehen und in aller Ruhe zu kochen, ein Buch zu lesen und abends die Pflanzen zu gießen. Das war der Punkt, an dem ich dachte: Ich muss das ja nicht machen.
Unter den neuen Titeln sind viele Kollaborationen mit Musikern wie Queen Omega, Collie Buddz, Nico Santos und Michael Patrick Kelly. Wie kam’s dazu?
Gentleman: Ich habe mittlerweile eine relativ gute Liste in meinem Telefonbuch. Die meisten Songs, die waren mehr oder weniger fertig, aber wir haben dann oft gedacht, dass ihnen noch etwas fehlt. Bei einem Titel dachte ich beispielsweise, der wäre was für Nico Santos. Dann habe ich ihn angerufen, ihm das Ding geschickt und er war Feuer und Flamme. Das ist ganz natürlich entstanden. Die Zusammenarbeit war nicht aus marktstrategischen Gründen oder als Auftragsarbeit.

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Sänger Gentleman hatte beim Interview-Termin zum Comeback-Album einiges zu erzählen.
Was ist der rote Faden von „Gratitude“?
Gentleman: Musik kann Leute zusammenbringen. Das vergisst man manchmal. Auf Konzerten ist es möglich, in dieser Zeit der Spaltung Leute zu vereinen. Die Musik ist nach wie vor extrem wichtig, um Kraft zu geben. Ich glaube, die Leute merken schon, ob du was ehrlich meinst oder nicht. Ich habe auf jeden Fall zu jedem Song eine tiefe Verbindung. Das ist auch wichtig, wenn man die Lieder auch noch lange präsentieren will. Ich möchte Musik machen, weil es Spaß macht, und nicht, um Verträge oder Erwartungen zu erfüllen. Meine Plattenfirma hat mir sofort alle Freiheiten gelassen. Ob die Songs jetzt in eine Streaming-Playlist passen oder nicht, war erst mal sekundär.
Wie fühlt sich das im Moment an?
Gentleman: Ich war einfach sehr dankbar, dass diese Inspiration wieder da war. Genauso war ich auch ultra-dankbar dafür, dass ich seit Jahren endlich mal schmerzfrei bin. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall, der weit fortgeschritten war. Ich habe eine Südamerika-Tour abgesagt und mich für eine OP entschieden. Als ich danach aufgewacht bin, waren auf einmal die Schmerzen weg. Vorher war ich auf der Bühne extrem eingeschränkt und musste bei jeder Bewegung daran denken. Jetzt fühle ich mich wie 25.
Sie gehen auch auf Tour. Viele Kollegen haben Probleme, die Konzerte zu füllen. Wie ist es bei Ihnen?
Gentleman: Ich komme noch aus der goldenen Zeit und das letzte, was ich mache, ist, mich zu beschweren. Ich finde es eher sehr schade für Newcomer. Früher gab es pro Woche 20 Neuerscheinungen. Die liefen im Radio, im Musikfernsehen. Wenn das Lied in die Rotation kam, dann lief das. Heute gibt es diese Flut an Formaten, man benötigt Social Media für Aufmerksamkeit. Es sind so eine Masse an Veranstaltungen und Veröffentlichungen. Das ist die größte Herausforderung.

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Auf der Bühne und vor Publikum fühlt sich Gentleman besonders wohl.
Was können die Fans im Palladium erwarten?
Gentleman: Wir waren jetzt eine Woche im Proberaum und haben uns für die Tour vorbereitet. Dort spielen wir zehn Songs vom neuen Album und alte Klassiker. Es gibt auch ein paar Gäste. Das Heimspiel ist natürlich etwas Besonderes. Im Palladium waren alle Konzerte Bombe.
Ihr Konzert ist einen Tag nach der Sessionseröffnung. Sind Sie jeck?
Gentleman: Ich bin mal im Rosenmontagszug mitgefahren und durfte bei der Proklamation des Kölner Dreigestirns singen. Mit Ex-Prinz Holger Kirsch habe ich früher auf der Domplatte geskatet. Der hat mich ein paar Jahre später ein wenig an den Karneval herangeführt. Als Kind habe ich das natürlich geliebt. Aber später war mir das zu wild am Zug.
Und wie sehen Sie als FC-Mitglied und glühender Fan die neue Saison?
Gentleman: Sagen wir mal so: Ich bin noch nicht überzeugt vom Trainer. Ich bin, was den Kader angeht, positiv überrascht. Dass Said El Mala geblieben ist, ist schon mal gut. Wenn wir jetzt dieses Jahr drinbleiben sollten, dann geht es nach oben. Weil ich glaube, dass man zwei Jahre benötigt, um ein bisschen Ruhe hereinzubekommen. Hauptsache, wir sind nicht mehr diese Fahrstuhlmannschaft, die zu schlecht für die erste und zu gut für die zweite Liga ist. Ich war zuletzt wieder öfter in der Südkurve, wo ich jahrzehntelang nicht stand.
