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Kein Handy, kein Arzt?Die Digital-Falle schnappt zu – Millionen bleiben auf der Strecke

Ältere Frau tippt auf Smartphone am Tisch

Copyright: IMAGO / Bihlmayerfotografie

Ältere Frau tippt auf Smartphone am Tisch

Wer zum Doktor will, schaut oft in die Röhre. Am Hörer ist niemand, alles läuft nur noch per App. Für viele wird das zur unüberwindbaren Mauer.

Wenn man krank ist, braucht man schnell einen Termin. Doch der Weg in die Praxis wird immer mehr zum digitalen Hürdenlauf. Bei vielen Ärzten ist telefonisch niemand mehr zu erreichen; stattdessen gibt es nur noch den Verweis auf Online-Portale oder spezielle Apps. Das stellt nicht nur Senioren vor ein gewaltiges Problem, auch jüngere Leute vermissen häufig den direkten Kontakt für eine unkomplizierte Nachfrage.

Diese Entwicklung ist besorgniserregend. „Terminvereinbarungen, die nicht über Apps oder Internetangebote funktionieren, nehmen ab“, sagt Philipp Wendt von der Verbraucherzentrale Hessen. Seine Warnung ist deutlich: „Es gibt Praxen, die gar nicht mehr telefonisch direkt erreichbar sind. Das ist vor allem für ältere Menschen ein Problem.“ Die Konsumentenschützer fordern daher klar und deutlich, dass eine analoge Möglichkeit bestehen bleiben muss, da ansonsten gerade die schutzbedürftigsten Personen abgehängt werden.

Zwei-Klassen-Medizin? Wer zahlt, ist schneller dran

Besonders heikel wird die Situation, wenn in den Termin-Apps plötzlich sogenannte „Selbstzahlertermine“ angeboten werden. Das Prinzip dahinter ist ebenso simpel wie dreist: Für gesetzlich versicherte Patienten sind angeblich keine Termine frei. Wer jedoch bereit ist, privat zu zahlen, erhält auf einmal doch die Möglichkeit zu einem Arztgespräch.

In Nordrhein-Westfalen zog die Verbraucherzentrale aus diesem Grund schon 2024 gegen einen Augenarzt vor Gericht. Ein Kassenpatient hätte 150 Euro bezahlen sollen, um eine Wartezeit von mehreren Monaten zu umgehen. Das Landgericht erklärte dieses Vorgehen für unrechtmäßig. Die entscheidende Begründung des Urteils: Der Termin wurde innerhalb der normalen Sprechzeiten angeboten, die für Kassenpatienten vorgesehen sein müssen. Mediziner mit Kassenzulassung haben die Pflicht, mindestens 25 Stunden pro Woche für diese Patientengruppe zur Verfügung zu stehen.

Personalnot trifft auf große Datenschutz-Bedenken

Die Landesärztekammer Hessen begründet den digitalen Trend hauptsächlich mit dem gravierenden Mangel an Fachkräften. Es werde zunehmend schwieriger, qualifizierte medizinische Fachangestellte zu gewinnen, äußerte eine Sprecherin. Sie gestand jedoch gleichzeitig ein, wie essenziell die unmittelbare Kommunikation mit den Kranken sei. Als Ausweg nennt sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 oder die Terminvermittlungsstellen der Krankenkassen.

Auch Datenschützer beobachten die Lage mit Sorge. Der hessische Datenschutzbeauftragte Alexander Roßnagel kritisierte bereits vor einiger Zeit einen zunehmenden „Digitalzwang“. Er äußerte die Befürchtung, dass bei der Verwendung von Termin-Apps sensible Gesundheitsinformationen an Dritte gelangen könnten. Roßnagel besteht darauf, dass bei essenziellen Dienstleistungen der Daseinsvorsorge die herkömmlichen, analogen Kontaktmöglichkeiten unbedingt erhalten bleiben.

Dieses Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr auf Arztbesuche. Parkgebühren können oft nur noch per App entrichtet werden, beim Einkaufen im Netz winken häufig bessere Konditionen und für die Buchung von Konzert- oder Bahntickets ist der Online-Weg meist schneller oder preiswerter. Die Stadt Frankfurt versucht nun, Abhilfe zu schaffen, und gewährt einkommensschwächeren Bürgern ab Oktober einen Zuschuss von 250 Euro für den Kauf eines Smartphones oder Laptops.

Doch wie groß ist die Gruppe der Menschen, die von dieser digitalen Kluft betroffen ist? Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2025 deutschlandweit ungefähr 2,1 Millionen Menschen im Alter von 16 bis 74 Jahren noch nie im Internet – sie gelten als „Offliner“. In der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen war es sogar etwa ein Zehntel, das noch nie online war. Für sie entwickelt sich der Alltag immer mehr zu einer echten Herausforderung. (dpa/red)

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