Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co. Opfer der Inflation? Das steckt wirklich hinter den Preis-Explosionen

Lebensmittel, darunter Sonnenblumenöl und Getreideprodukte, liegen in einem Supermarkt in Leipzig an der Kasse auf dem Band.

Lebensmittel, darunter Sonnenblumenöl und Getreideprodukte, liegen in einem Supermarkt in Leipzig an der Kasse auf dem Band. Nicht nur Markenprodukte sind in den letzten Monaten teurer geworden, auch die Eigenmarken der Supermärkte und Discounter haben zugelegt.

Der Preiskampf zwischen dem Handel und den Produzenten wird mit harten Bandagen geführt, in der Lebensmittelbranche tobt ein Machtkampf. Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co. schimpfen lautstark, die Markenhersteller würden ihnen „Mondpreise“ abknöpfen. Doch auch die Eigenmarken werden teurer.

Netto, Edeka, Rewe: Die deutschen Lebensmittelhändler schimpfen offensiv über das Preisgebaren der Produzenten. Netto hat vor einigen Wochen öffentlich gegen den US-Süßwarenhersteller Mars ausgeteilt – und das sogar in einer Werbekampagne für die Eigenmarke.

Das Motto: „Keine Lust auf Mondpreise von Mars? Dann geh doch zu Netto!“ Man kämpfe für die Kundschaft und für günstigere Alternativen, heißt es auf den sozialen Medien. Die Preiserhöhung von Mars sei „unangemessen“. 

Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co.: Handel schimpft über „Mondpreise“

Auch Edeka wettert gegen die Preispolitik der international agierenden Unternehmen, gegen das „Geschäftsgebaren einiger international agierender Konzerne der Markenartikelindustrie“, wie Edeka-Chef Markus Mosa es beschrieb. Raoul Roßmann, Chef der Drogeriekette Rossmann, sieht gar „Preisübertreibungen der Industrie“.

Rewe-Chef Lionel Souque wies darauf hin, dass Hersteller alle drei, vier Monate mit neuen Forderungen kämen und teilweise deutlich mehr verlangen würden. Aldi vergleicht in Werbeanzeigen die Preise von Coca-Cola, Milka & Co. mit seinen Eigenmarken: „Jetzt günstig einkaufen“.

Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co.: Die Hüter der günstigen Preise?

Kurzum: Der Handel versucht sich, als eine Art Hüter der Preise darzustellen, als letzte Bastion gegen die Inflation, während die großen Konzerne diese immer weiter nach oben treiben. Mit ihren Eigenmarken wollen sie dagegen halten.

Wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet, zeigen allerdings aktuelle Marktdaten, dass längst nicht nur die Markenprodukte teurer werden. Die „Hüter“ langen ebenso zu, erhöhen die Preise auch massiv. 

Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co.: Auch Eigenprodukte teurer geworden

Demnach sind die Eigenprodukte von Edeka (Gut & Günstig) und Rewe (ja!) seit Jahresbeginn im Schnitt jeweils um rund 24 Prozent teurer geworden, Aldis Eigenmarken kosten rund 18 Prozent mehr. Die Markenprodukte verteuerten sich allerdings nur um 11,8 Prozent im gleichen Zeitraum bei Rewe (12,8 bei Edeka, 9,2 bei Aldi). Das ist das Ergebnis einer Analyse der Preis-App Smhaggle, deren Daten auf den Kassenbons von Nutzern basieren.

Die Smhaggle-Auswertung zeigt auch: Seit Januar ist beispielsweise Milsani Reine Buttermilch von Aldi um rund 67 Prozent teurer geworden, Gut & Günstig Skyr Natur von Edeka um rund 50 Prozent, Crownfield Haferflocken von Lidl um rund 41 Prozent, Hofburger Frischkäse von Aldi um rund 34 Prozent.

Aldi, Lidl, Edeka, Rewe & Co.: „Händler zeigen beim Thema Inflation gern auf Markenindustrie“

„Die Händler zeigen beim Thema Inflation gerne auf die Markenindustrie, haben aber selbst keine Scheu, neue Preisniveaus auszuloten“, so erklärt es Sven Reuter, Gründer und Chef der Smhaggle-Betreibergesellschaft My-Valueshopping, gegenüber „Wirtschaftswoche“.

Die Händler hingegen begründen diese Preiserhöhungen völlig anders. „Die Lieferantenpreise im Lebensmitteleinzelhandel ziehen seit Monaten in fast allen Warengruppen stark an – zum Teil in deutlich zweistelligen Prozentbereichen“, wird Aldi zitiert. Einige Warengruppen würden so knapp werden, dass „wir gezwungen sind, teurer einzukaufen“. 

Rewe-Chef Souque argumentiert, dass Handelsmarken weniger kosten als Markenartikel, daher falle ihr relativer Preisanstieg eben umso höher aus. Experte Reuter allerdings hält die massiven Preissprünge dennoch für „schwer nachvollziehbar.“ Hinzu kommen versteckte Preiserhöhungen, etwa durch das Schrumpfen von Verpackungen – längst registrieren Verbraucherschützer diese Praktiken nicht nur bei den Markenartikeln, sondern auch den Eigenmarken. 

Aldi, Lidl, Edeka & Co. „sicherlich keine Wohlfahrtsverbände“

Der Grund: „Die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten sollen weitergereicht werden, ohne es den Kunden offen zu sagen“, erklärt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg dem Branchenmagazin. Gleichzeitig werben Händler aggressiv mit den Eigenmarken und den vermeintlichen Preisvorteilen. Laut Valet seien die Eigenmarken zwar oft wirklich billiger, doch die Handelsriesen wüssten sehr genau, dass Verbraucherinnen und Verbrauchern wegen der aktuell angespannten Lage kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als auf die No-Name-Artikel zurückzugreifen, es gebe „Mitnahmeeffekte“. 

Schließlich seien Aldi, Lidl, Edeka & Co. „sicherlich keine Wohlfahrtsverbände“.

Auch die Hersteller äußern ihren Unmut – allerdings nicht öffentlich, weil sie Angst haben, abgestraft zu werden. „Einige Händler versuchen, sich als Verbraucherschützer zu inszenieren. Wir sehen da eine große Diskrepanz zwischen Worten und Taten“, wird ein Manager zitiert. Experte Reuter spricht Klartext: Die „Mondpreise“, die von Netto angeprangert werden, „die gibt es nicht nur bei Markenprodukten.“

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