Beschäftigt tun, aber nichts leisten: Der große Job-Bluff
Die große Job-ShowWarum so viele Beschäftigte ihre Produktivität nur vortäuschen

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Eine negative Arbeitskultur verleitet dazu, Produktivität vorzutäuschen. Das zeigt sich etwa so, dass eine Kollegin telefoniert, gleichzeitig tippt und Notizen anfertigt.
Abends noch eine E-Mail versenden, die eigentlich nicht eilig ist. In Besprechungen viel quatschen, aber nichts zum Thema sagen. Nach Feierabend im Büro hocken, obwohl alle To-dos erledigt sind. Kommt euch das bekannt vor? Ihr seid nicht allein. Dieser große Bluff im Job ist weiter verbreitet, als viele denken – auch in den Büros in Köln und der Region.
Eine Umfrage des Jobportals „Indeed“ enthüllt das schockierende Ausmaß: Innerhalb der letzten 12 Monate haben zwei Drittel der 1.000 befragten Angestellten, die hybrid arbeiten, zugegeben, sich bewusst produktiver oder engagierter dargestellt zu haben, als sie in Wahrheit waren.
Warum machen wir bei dem Theater mit?
Doch was steckt dahinter? Wer vorgibt, pausenlos beschäftigt zu sein, agiert keineswegs unlogisch – ganz im Gegenteil. „Dieses Verhalten sagt genauso viel über die Beschäftigten selbst wie auch über ihr Unternehmen aus“, erläutert Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig.
Der Grund dafür ist oft in der Firmenkultur zu finden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter handeln vernünftig, um gewissen Erwartungen gerecht zu werden. „Weil sie sich Vorteile davon versprechen, etwa eine gute Behandlung oder eine Beförderung“, meint Zacher. Die Schwierigkeit dabei: Eine schlechte Unternehmenskultur sei „so machtvoll, dass sie Beschäftigte dazu verleitet, mitzumachen, obwohl sie es eigentlich besser wissen“.
Homeoffice verstärkt den Druck zur Selbstinszenierung
Besonders die Arbeit in den eigenen vier Wänden kann diesen Zwang zur Darstellung anheizen. „Aus der Forschung wissen wir, dass Präsenz vor Ort und das Signalisieren von Verfügbarkeit mit Laufbahnerfolg zusammenhängt – also Gehaltserhöhung und Beförderung“, sagt Zacher. Wer oft von zu Hause aus tätig ist, wird bei Lohnerhöhungen stattdessen leichter übergangen. Frei nach der Devise: „Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Laut dem Arbeitspsychologen kann dies dazu führen, „dass man performativ agiert – also Leistung, Produktivität und insbesondere Präsenz vortäuscht, ohne dass es wirklich authentisch ist“. Man will einfach nur wahrgenommen werden.
Auf Dauer schadet der Bluff dem Wohlbefinden
Für eine kurze Zeit mag dieser Plan funktionieren, aber auf lange Sicht richtet er Schaden an. „Die meisten Menschen wollen authentisch bei der Arbeit sein, also das sagen und tun, was sie für richtig und wertvoll halten“, erläutert Zacher. Ein Mangel an Echtheit steht laut Forschung in Verbindung mit einem schlechteren Lebensgefühl.
Es existiert zwar der „Fake it till you make it“-Ansatz, bei dem man sich in eine motivierte Haltung hineinsteigert. „Aber langfristig überwiegen wahrscheinlich die negativen Effekte den positiven.“ Besonders schlimm wird es, wenn jemand für die Täuschung sogar eine Beförderung erhält. Das sei „zutiefst unbefriedigend, weil man für etwas belohnt wird, was man nicht wirklich erbracht hat“.
Wege aus der Inszenierungs-Spirale
Wie entkommt man dieser Spirale des Vortäuschens? Zacher empfiehlt, in sich zu gehen: „Ist es das wirklich wert? Oder ist es nicht besser, bei der Arbeit authentisch zu sein und nur das zu machen, was man auch für sinnvoll erachtet?“ Verlangt aktiv nach Feedback zu eurer wirklichen Leistung, nicht zu eurer Präsenz. Dokumentiert eure Erfolge und sprecht das Thema offen an – signalisiert, dass ihr mit echten Ergebnissen überzeugen wollt.
Die Hauptverantwortung liegt aber bei den Firmen. Klare Vorgaben für Arbeitszeiten und -orte sind nötig, so Zacher. Vorgesetzte sollten nach Zielen führen, statt Anwesenheit zu bewerten. „Wenn im Team klar ist, welche Ziele verfolgt werden und wer gerade woran arbeitet, entsteht dadurch ein gemeinsames Verständnis für echte Leistung“, sagt auch Stephan Megow, Managing Director von Robert Half. Projekt-Tafeln oder kurze Meetings können Transparenz schaffen, ohne in Kontrolle auszuarten.
Auch beim Thema Sichtbarkeit ist Vorsicht geboten. Die Arbeitswelt belohne Extraversion sehr stark, so Zacher. Doch laute, kontaktfreudige Menschen sind nicht automatisch die besseren Arbeitskräfte. Wer als Chef ständig fordert „Du musst sichtbarer werden“, fördert am Ende genau das unechte Verhalten, das man vermeiden will. Und nicht zuletzt mahnt Megow, nicht vorschnell über Kolleginnen und Kollegen zu urteilen: „Manche Tätigkeiten sind unsichtbar oder laufen im Hintergrund, ohne dass sie gleich greifbare Resultate liefern.“ (dpa/red)
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