Regierungskommission fordert Revolution bei Krankmeldungen – so soll es künftig funktionieren.
Halbkrank zur ArbeitKommt jetzt die Arbeitsunfähigkeit light?

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Krank, aber nicht ganz? Experten wollen Arbeitsunfähigkeit neu definieren. (Symbolbild)
Wer krank ist, ist krank. So einfach ist das in Deutschland – und so unflexibel. Doch eine hochrangige Expertenkommission des Gesundheitsministeriums will das jetzt ändern. Ihr Vorschlag klingt laut einem Artikel von n-tv simpel, hat aber das Potenzial, die Arbeitswelt auf den Kopf zu stellen: stufenweise Arbeitsunfähigkeit.
Was bedeutet das konkret? Bisher kennt das deutsche Sozialrecht nur Schwarz oder Weiß: entweder du bist voll arbeitsfähig – oder du bist es gar nicht. Dazwischen? Fehlanzeige. Wer einen Bandscheibenvorfall hat, aber trotzdem gut telefonieren könnte. Wer nach einer Operation zwar nicht heben darf, aber Mails beantworten kann. Wer depressiv ist, aber zwei Stunden Routinearbeit schafft. All diese Menschen fallen derzeit komplett raus – oder schleppen sich komplett krank zur Arbeit. Beides ist keine gute Lösung.
Die Kommission schlägt vier Stufen vor:
- 25 Prozent arbeitsunfähig – fast fit, kleine Einschränkung
- 50 Prozent arbeitsunfähig – Halbzeit zwischen Bett und Büro
- 75 Prozent arbeitsunfähig – kaum was geht, aber ein bisschen schon
- 100 Prozent arbeitsunfähig – klassische Krankmeldung, wie bisher
Der Arzt entscheidet – gemeinsam mit dem Patienten – in welche Stufe man fällt. Und das nicht einmal für immer: Ändert sich der Gesundheitszustand, wird die Einstufung angepasst. So könnte man Schritt für Schritt zurück in den Job finden, statt von null auf hundert.
Warum jetzt?
Die Krankheitsausfälle in Deutschland kosten Milliarden. Die Krankenkassen ächzen unter den Krankengeldausgaben. Und viele Menschen, gerade bei chronischen Krankheiten oder langen Genesungsphasen, sind eben nicht komplett außer Gefecht – sondern irgendwo dazwischen. Genau für diese Menschen ist das Modell gedacht. Skandinavien macht es schon lange so – und hat gute Erfahrungen damit gemacht.
Aber – und das ist ein großes Aber:
Die Experten selbst warnen vor dem, was viele Arbeitnehmer sofort denken werden: Was, wenn der Chef Druck macht? Wenn aus „du könntest ja theoretisch 25 Prozent arbeiten“ schnell ein „dann komm mal lieber rein“ wird? Die Kommission sieht diese Gefahr klar.
Wer krank ist und trotzdem arbeitet, riskiert, dass die Krankheit sich verschleppt oder sogar chronisch wird. Die Grenze der eigenen Belastbarkeit zu kennen – und zu halten – ist nicht immer einfach. Gerade nicht, wenn der Chef wartet.
Deshalb ist die Kommission unmissverständlich: Die Einschätzung muss auf medizinischer Basis passieren. Und der Arbeitnehmer muss zustimmen. Kein Arzt, kein Chef, niemand darf jemanden in eine Teilarbeitsfähigkeit zwingen. (jag)

