Trotz mäßigem Abi: So hat Tobias es zum Arzt geschafft
Trotz schlechtem Abi ArztWie Tobias Göbel aus NRW seinen Traum vom Arztberuf verwirklicht

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«Der Mensch ist mehr als Herz und Niere», sagt Tobias Göbel, einer der ersten Mediziner, der sein Studium per Landarztquote begonnen und nun beendet hat.
Schon als kleiner Junge hat er mit seinem Spielzeug-Arztkoffer kranke Kuscheltiere verarztet. Doch dass er wirklich einmal Arzt werden würde, daran hat Tobias Göbel (32) als Erwachsener lange nicht mehr geglaubt.
„Mit meinem Abischnitt wird das mit dem Medizinstudium eh nichts“, dachte er, als er vor 13 Jahren das Gymnasium mit eher mäßigen Noten verließ. Nach Jahren als Krankenpfleger und einem Medizinstudium geht der Traum für den 32-Jährigen jetzt aber doch noch in Erfüllung – der Landarztquote sei Dank.
Dank Landarztquote: Vom Krankenpfleger zum Mediziner
Als einer der ersten Studierenden, die über die 2019 eingeführte Quote einen Studienplatz bekamen, lässt sich Göbel nun zum Hausarzt ausbilden. Seit Anfang des Jahres schnuppert er als Teil seiner fünfjährigen Facharzt-Weiterbildung schon echte Landpraxisluft. Er arbeitet in einer großen Gemeinschaftspraxis mit mehreren Standorten im Kreis Minden-Lübbecke, dem Gesundheitszentrum Kutenhausen.

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Im Gesundheitszentrum Kutenhausen, der Praxis von Allgemeinmediziner Michael Kühne, hat er seine Facharzt-Weiterbildung begonnen.
Nachwuchskräfte wie Göbel sollen den dramatischen Hausarztmangel in den ländlichen Regionen von Nordrhein-Westfalen lindern. Die Idee hinter dem Programm ist einfach: Wer sich verpflichtet, nach der Facharzt-Weiterbildung zehn Jahre lang in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten, kann auch ohne ein Einser-Abitur Medizin studieren.
Welche Region für ihn später genau infrage kommt, weiß Göbel noch nicht. Er hofft, in Lübbecke bleiben zu können. „Ich würde aber ebenso gut ins Sauerland gehen“, sagt er. Wichtiger als der Ort sei ihm, endlich in seinem Wunschberuf arbeiten zu können.
„Ich bin nicht so der Trubelmensch“
Das Programm ist extrem beliebt: Laut Gesundheitsministerium gab es bisher knapp 5500 Bewerberinnen und Bewerber – deutlich mehr, als Plätze frei sind. Die Auswahl erfolgt nach verschiedenen Kriterien. Neben der Abi-Note zählt vor allem Berufserfahrung in pflegerischen, therapeutischen oder medizinischen Berufen. Wer hier punktet, wird zum Auswahlgespräch eingeladen, wo soziale und kommunikative Kompetenz in Rollenspielen und Gesprächen zählt.
Insgesamt konnten über die Quote bis zum laufenden Sommersemester 1188 angehende Landärztinnen und -ärzte ihr Studium beginnen. 45 von ihnen, so wie Tobias Göbel, haben es bereits abgeschlossen.
Die Aussicht, dauerhaft auf dem Land zu leben und zu arbeiten, hat den 32-Jährigen nie abgeschreckt. Im Gegenteil: Er kommt aus der 29.000-Einwohner-Stadt Waltrop am Rand des Ruhrgebiets und pendelte von dort zur Uni nach Bochum. „Das war mir zu viel Großstadt. Ich mag die Ruhe. Ich bin nicht so der Trubelmensch“, sagt er.
Schon für Praxiseinsätze während des Studiums zog es ihn ins beschauliche Lübbecke – wegen einer „schönen Wohnung zur bezahlbaren Miete“, wie er erzählt. „Hier“, sagt er und blickt aus dem Fenster der kleinen, aber hochmodernen Dorfpraxis in Stemwede-Levern, „ist man schnell im Grünen. Ich mag das.“
Dramatischer Ärztemangel in Westfalen-Lippe
Der Kreis Minden-Lübbecke im äußersten Nordosten von NRW ist das, was man ländlichen Raum nennt: viele Dörfer, viele Felder. Und es gibt wenige Hausärzte für eine alternde und damit potenziell kränkere Bevölkerung. Laut Bundesärzteregister gibt es in der gesamten Region Westfalen-Lippe so wenige Hausärzte pro Einwohner wie nirgends sonst in Deutschland.

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Geht es nach dem Senior-Chef Michael Kühne, würde der Abitur-Durchschnitt bei der Auswahl von Medizinern eine geringere Rolle spielen.
Das Problem wird immer dringlicher, da viele Ärzte über 60 sind und bald in Rente gehen. Auch in Teilen von Minden-Lübbecke droht in den nächsten zehn Jahren eine Unterversorgung. Göbels Chef und Ausbilder, Michael Kühne, hat mit 74 Jahren das Rentenalter eigentlich schon erreicht, versorgt aber weiter Patienten.
Er kennt das Nachwuchsproblem nur zu gut und rührt kräftig die Werbetrommel für den Beruf des Allgemeinmediziners. Seine Praxis sei aufgrund ihrer Größe attraktiv für junge Mediziner. Immer wieder schnuppern hier Studierende mit dem Berufsziel Landarzt Praxisluft. „Die lassen wir dann möglichst nicht mehr vom Haken“, erzählt er. Neben Göbel gehören aktuell fünf weitere Ärztinnen in Weiterbildung zum Team.

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Tobias Göbel freut sich auf ein Berufsleben in der Landarztpraxis: «Ich bin nicht so der Trubelmensch».
Chef (74) sicher: „Spitzenabi bringt keinen guten Arzt hervor“
„Wenn es alles nach Plan läuft, steht hier mein Nachfolger“, sagt der Allgemeinmediziner Michael Kühne und streckt Göbel lachend die Faust zum Gruß entgegen. Dass sein Schützling den Weg nicht über ein Spitzenabi in den Beruf gefunden hat, hält Kühne sogar für einen Vorteil.
„Die ganzen Oberschlauen, die wissen oft gar nicht, was auf sie zukommt, wenn sie Medizin studieren“, sagt der Senior-Landarzt. Ein Zeugnis voller Einsen allein bringe noch keinen guten Arzt hervor, „das ist der völlig falsche Ansatz“. Was es brauche, seien Intelligenz und Fleiß.
Eigenschaften, die Tobias Göbel offenbar mitbringt. Sein Studium schaffte er in Regelstudienzeit. Was es heißt, Menschen zu versorgen, weiß er aus seinem ersten Beruf als Krankenpfleger. Auch den durchgetakteten Klinikalltag kennt er. Von der „Durchsatzmedizin“ dort, wie er es nennt, hat er genug: „Der Mensch ist mehr als Herz und Niere. Es gibt immer auch die Person dahinter.“
Im Studium lerne man eine Versorgung nach Leitlinien, in der Sprechstunde sei man aber plötzlich auch Vertrauensperson für viele andere Fragen. „Da geht es dann auch viel um Soziales. Darauf bereitet ein Studium nicht vor“, schildert er. Die Zeit der Facharzt-Weiterbildung aber schon. Und die Patienten danken es ihm schon jetzt. „Die Patienten fragen schon jetzt, wann ich wiederkomme. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Göbel. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
