Intro- oder extravertiert? Was das wirklich bedeutet.
Intro, Extro oder OtroExperten erklären die Typen und was wirklich dahintersteckt

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Welcher Persönlichkeitstyp bin ich? Wissen darüber kann helfen, sich selbst besser zu verstehen - sollte aber nicht überbewertet werden.
Warum bin ich so, wie ich bin? Diese Frage kennt wohl jeder. Bin ich der Star auf jeder Party oder verkrieche ich mich nach der Arbeit am liebsten auf dem Sofa?
Hinter diesen Gedanken verbirgt sich eine der grundlegendsten psychologischen Einteilungen: die zwischen Extraversion und Introversion. Fachleute erläutern, was wirklich hinter diesen Wörtern steckt, welchen Nutzen die Einteilung hat – und ob eine Veränderung des eigenen Typs überhaupt möglich ist.
Die Wurzeln der Begriffe
Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung führte die Bezeichnungen Extraversion und Introversion in seinem Werk «Psychologische Typen» ein. Extraversion beschreibt eine nach außen gerichtete seelische Energie, während sie sich bei Introversion nach innen wendet.
Allerdings handelt es sich dabei nicht um feste Schubladen, sondern um die Endpunkte einer Skala. „Die harte Einteilung in Typen ist eine Vereinfachung“, erklärt der Berliner Psychotherapeut Dirk Stemper. Es dreht sich vielmehr um Neigungen im Verhalten, also um Präferenzen.
Extraversion gehört zu den „Big Five“, den fünf zentralen Dimensionen in der Persönlichkeitspsychologie. Sie steht für eine Neigung zu Kontaktfreudigkeit, Tatendrang, Bestimmtheit und dem Verlangen nach Anregung von außen. Typischerweise sind extravertierte Personen spontan, formulieren ihre Gedanken oft beim Sprechen und genießen das Zusammensein mit anderen. „Das hat nichts mit Oberflächlichkeit zu tun“, betont Stemper. Die Ausprägung der Extraversion lässt keine Rückschlüsse auf die Tiefgründigkeit oder den Intellekt einer Person zu.
Bei introvertierten Personen sind diese Merkmale schwächer ausgeprägt. Sie agieren besonnener, genießen die Stille und verarbeiten Erlebtes intensiver im Inneren. „Introvertierte mögen kleinere, vertraute Gruppen und ermüden schneller in sehr stimulierenden Umgebungen“, erläutert Frank Spinath, Professor an der Universität des Saarlandes. Dies ist jedoch nicht mit Zaghaftigkeit oder sozialen Ängsten gleichzusetzen.
Dirk Stemper macht deutlich: „Weder Extra- noch Introversion hat einen Krankheitsbezug“.
Was bedeutet eigentlich „otrovert“?
Seit Kurzem kursiert der Ausdruck „otrovert“, der durch ein Werk des Psychiaters Rami Kaminski populär wurde. Damit sollen Personen charakterisiert werden, die in keine der etablierten Schubladen passen.
Laut dieser Idee fühlen sich „otroverte“ Menschen in Gesellschaften innerlich fremd. Sie gelten als einfallsreich, sozial geschickt und umgänglich, sehen sich jedoch eher als distanzierte Zuschauer denn als integraler Bestandteil der Gruppe. Dieses Konzept will sich von der Ambiversion abgrenzen – einem etablierten Begriff für Personen im Mittelfeld der Skala – indem es das Gefühl des Nicht-Dazugehörens betont.
„Es geht um das Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören, das aber zu feiern“, erklärt Frank Spinath. Üblicherweise empfinden Menschen ein solches Gefühl der Entfremdung jedoch nicht als etwas Gutes. Kaminskis Thesen sind wissenschaftlich bisher nicht bestätigt. „Otroversion ist kein in der empirischen Persönlichkeitsforschung etablierter Fachbegriff, sondern ein populäres Label“, ordnet Dirk Stemper ein.
Schubladendenken: Hilfe oder Hindernis?
Doch welchen Nutzen hat es, sich und sein Umfeld in solche Typen einzuordnen? „Das ist im Alltag kein hilfreicher Deutungsrahmen“, meint Stemper bezüglich der Einschätzung von Mitmenschen. „Merkmale dürfen nie zur ganzen Geschichte werden.“ Die Kenntnis über die Extraversion einer Person liefere im täglichen Leben keine Erklärung. „Wer viel redet, ist kein Typ, sondern will Gehör finden und etwas mitteilen, vielleicht auch ablenken“, so Stemper. Das Risiko bei solchen Typisierungen sei, dass Personen auf simple Labels reduziert werden, während ihr sozialer, kultureller und persönlicher Hintergrund ignoriert wird.
Frank Spinath sieht hingegen auch Vorteile darin, Persönlichkeitszüge zu kennen, beispielsweise um Handlungen nachzuvollziehen. Ein Bewusstsein für die eigene Veranlagung kann das Selbstverständnis fördern. Dadurch können Beruf, Freizeit und soziale Kontakte bewusster ausgerichtet werden. Die negative Seite, so Dirk Stemper, ist die Selbstbeschränkung: Wenn Introversion als Mangel angesehen wird oder man sich auf einen Typus fixiert, anstatt Raum für Entwicklung zu lassen. Der Therapeut mahnt vor allem wegen sich selbst erfüllender Vorhersagen – wie zum Beispiel: „Ich bin introvertiert, deshalb mache ich keine Präsentationen.“ Dadurch besteht das Risiko, dass eigene Potenziale ungenutzt bleiben. Wer unliebsame Lagen meidet, stagniert in seiner Entwicklung.
Kann man sich überhaupt ändern?
Wer eine Wandlung seiner Persönlichkeit anstrebt, benötigt vor allem realistische Ziele. Die Veranlagung zu Extra- oder Introversion ist nämlich zu einem erheblichen Anteil erblich. „Die Ähnlichkeit zu unseren Eltern in diesen Dimensionen ist nahezu komplett genetisch bedingt, auch wenn wir das nicht unbedingt wahrhaben wollen“, erklärt Frank Spinath. Zusätzlich spielen weitere Einflüsse eine Rolle. „Mit der Zeit entsteht eine Mischung aus biologischen, individuellen und Umweltfaktoren, die auf Stabilität hinwirkt“, so der Professor. Eine komplette Umkrempelung des Charakters ist deshalb schwer – aber nicht ausgeschlossen.
Kleinere, spürbare Anpassungen sind durchaus erreichbar. Aber: „Das klappt nicht über Nacht oder nach einem Seminar“, warnt der Psychologe. Wer zum Beispiel als introvertierte Person offener werden will, kann mit gezielten Übungen aus der klinischen Praxis arbeiten, bewusst seine Komfortzone verlassen und neue Denkmuster etablieren, ähnlich einer Verhaltenstherapie. „Man muss die Veränderung wirklich wollen und sich am besten professionell begleiten lassen“, rät Spinath. (dpa/red)
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