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Soll ich oder nichtExpertin gibt Tipps für die schwierige Lebensentscheidung

Eine junge Frau lehnt nachdenklich auf dem Sofa

Copyright: Christin Klose/dpa-tmn

Wenn man über die Kinderfrage nachdenkt, hilft es, sich ein Bild mit und ohne Kind auszumalen. Welche Emotionen löst das jeweils aus? Bin ich freudig erregt oder wird mir schwer ums Herz?

Kind ja oder nein? Warum die Entscheidung heute so schwerfällt.

Kind ja oder nein? Diese Zerreißprobe kannten frühere Generationen kaum. Für die meisten war der Weg vorgezeichnet: Mit 30 hat man eine Familie. Punkt.

„Der Kinderwunsch, wie wir ihn heute kennen, ist ein sehr junges Phänomen. Früher brauchte man keinen Kinderwunsch, eine Familiengründung gehörte zur Normalbiographie“, erläutert der Soziologe Peter Hofmann von der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Das alte Traumbild vom Haus mit Garten und Kindern wird inzwischen aber von zahlreichen Leuten kritisch gesehen.

Die Daten des Statistischen Bundesamtes belegen diesen Trend eindrücklich. Im Jahr 2023 zählte man in Deutschland circa 12 Millionen Familien, während es 1996 noch ungefähr 13,2 Millionen waren. Das ist ein satter Einbruch von beinahe 10 Prozent.

Außerdem wird klar: Die Familiengründung verschiebt sich immer weiter nach hinten. Von den Frauen mit Geburtsjahr Anfang der 1970er war beispielsweise jede dritte schon mit 25 Mutter. Bei den Jahrgängen von Ende der 1980er betrug diese Quote nur noch 20 Prozent.

Freiheit oder Zwang? Die neue Kinderfrage

Die Ursachen dafür sind vielschichtig. „Wir haben heute mehr Freiheit“, benennt Hofmann einen der zentralen Gründe. „Und dadurch mehr Entscheidungszwänge.“ Der eigene Lebensplan ist nicht mehr so eng von der Gesellschaft vorgegeben wie noch vor einigen Dekaden; man hat jetzt die Wahl.

„In emanzipierten Gesellschaften entscheiden die Frauen, ob und wann sie ein Kind haben und mit wem. Sie sind an der Macht“, sagt die Soziologie-Professorin Claudia Rahnfeld, die an der Hochschule in Gera-Eisenach unterrichtet.

Frauen wissen nämlich ganz genau, dass Nachwuchs ihre berufliche Laufbahn ausbremsen kann. Mütter sind wesentlich öfter in Teilzeit beschäftigt als Väter. Eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2025 zeigt: Jede zweite Frau ist finanziell nicht auf Dauer von ihrem Gehalt unabhängig. Auf den beruflichen Werdegang von Vätern wirkt sich ein Kind hingegen meistens viel geringer aus.

Inzwischen redet und schreibt man auch viel ungenierter darüber, dass eine Familie keine Garantie für ein erfülltes Leben darstellt und Kinder nicht nur Freude bringen. Sie kosten auch Anstrengung, Zeit, finanzielle Mittel und bedeuten zahlreiche Abstriche.

Und es existieren mittlerweile Lebensentwürfe jenseits des gewohnten Familienmodells, die eventuell besser zum eigenen Charakter passen. Diese Vielfalt an Optionen kann aber auch zur Last werden – und führt zu Fragen wie: Möchte ich wirklich Nachwuchs? Falls ja, wann? Mit wem? Und ist ein Partner dafür überhaupt notwendig?

Keine Checkliste: So hörst du in dich hinein

Lösungen für solche Überlegungen zu finden, ist häufig alles andere als einfach. Anna Schmutte, systemische Einzel- und Paartherapeutin in Berlin, unterstützt in ihrem Coaching-Programm «Maybe Baby» als Kinderfrage-Coach einzelne Menschen oder Paare dabei, ihre ganz persönliche Entscheidung zu treffen. Wer aber glaubt, man müsse nur eine Liste abarbeiten, um eine Lösung zu erhalten, der irrt gewaltig.

Schmutte rät zu einer Art Kopf-Herz-Bauch-Strategie, um sich selbst zu ergründen. Man soll also den Verstand, das innere Gefühl und auch das Herz zu den eigenen Wünschen befragen. „Zu Beginn gilt es herauszufinden, ob man bereits eine Tendenz hat. Die wird sichtbarer, wenn man sich gedanklich ein Bild ausmalt, wie ein kinderfreies Leben aussieht. Oder was für Emotionen und Gefühle aufkommen, wenn ich mir ein Leben mit Kind vorstelle.“

Aufregung oder Angst? Dein Körper kennt die Antwort

Physische Reaktionen sind beim Abwägen ebenfalls wichtig, um sich selbst besser zu verstehen. Schmutte fragt: „Fühle ich mich etwa leicht, neugierig und aufgeregt, wenn ich mir vorstelle, dass ich Mutter oder Vater werde? Bin ich dabei sogar freudig-energetisch? Oder fühle ich eher etwas Beklemmendes oder eine Schwere in mir? Welche Aspekte machen mir vielleicht Angst?“

Vater, Mutter und Tochter auf einem Erdbeerfeld

Copyright: Christin Klose/dpa Themendienst/dpa-tmn

Wäre ich eine gute Mutter oder ein guter Vater? Darüber macht man sich heute schon vor dem Kind mehr Gedanken als früher.

Wenn man beispielsweise eine Neigung zu Kindern bei sich entdeckt, kann man gezielt an den Sorgen arbeiten, die einen noch zurückhalten. Dasselbe trifft ebenso auf die Neigung zu einem Leben ohne Kinder zu.

Anna Schmutte betreut zum Beispiel aktuell ein Paar, das sich eine Familiengründung gut ausmalen kann. „Aber speziell bei der Frau gibt es die Angst, dass sie das bereuen könnte, wenn sie sich dann mit Kind nicht mehr so frei fühlt, einfach die Dinge zu tun, auf die sie Lust hat.“ Die Therapeutin berichtet aus ihrer Praxis, das Paar habe daraufhin diskutiert, wie sie sich gegenseitig Freiräume schaffen können. Diese Aussicht habe die Befürchtung etwas gelindert.

Die Horror-Vorstellung: Was, wenn ich es später bereue?

Die Sorge, den Entschluss für Nachwuchs zu bedauern, wird laut Schmutte bei zögerlichen Paaren und auch bei Singles sehr oft thematisiert. Aber wie lässt sich Bedauern verhindern? „Man sollte die Gründe für die Entscheidung in seinem Bewusstsein verankern. Dann kann man sich später auch auf diese Gründe berufen und die Momente der Reue relativieren“, so die Expertin.

„Reue ist ja auch ein Gefühl, das für einen Moment aufsteigen und wieder vergehen kann. Es muss nicht so absolut sein, dass man dann plötzlich mit 50 erkennt: 'Oh, ich habe mein Leben verpfuscht und jetzt werde ich nie wieder glücklich'“, erläutert die Therapeutin.

Man kann auch lernen, mit diesem Gefühl klarzukommen, falls die Wahl gegen Kinder fällt. Laut Schmutte wird das drohende Schreckgespenst der Reue, das über Frauen ohne Kinderwunsch schwebt, ohnehin meist von außen herangetragen.

Wen das Bedauern später tatsächlich überkommt, der sollte sich die Vorteile eines Lebens ohne Kinder und die Motive für den Entschluss wieder ins Gedächtnis rufen.

Auch hier kann man vorsorgen: „Man sollte Kontakt halten mit Menschen, die ähnliche Entscheidungen getroffen haben. Es hilft schon, wenn man nicht der einzige weit und breit ist in einem Freundeskreis voller Menschen, die Eltern sind“, meint Schmutte. Sich gezielt Gleichgesinnte zu suchen, bei denen man Anschluss findet, vermittelt zudem ein Gefühl von: „Ja klar, wir leben auch so und das ist vollkommen in Ordnung so.“

Die große Frage: Bin ich überhaupt gut genug?

Und eine weitere Überlegung drängt sich bei dem Entschluss für oder gegen Nachwuchs auf: Wäre ich denn eine fähige Mutter oder ein kompetenter Vater? „Man macht sich viel mehr Gedanken darüber als früher. Das ist auf der einen Seite gut, aber vielleicht überdenkt man das heute zu sehr“, so die Soziologin Rahnfeld.

Dabei haben Frauen und Männer ganz verschiedene Sorgen. Frauen fürchten meist um ihre Unabhängigkeit – und Männer machen sich Gedanken ums Geld. Sie betrachten sich gewöhnlich immer noch als Ernährer der Familie. Und es sind auch eher sie, die bei der Kinderfrage zögern, nicht die Frauen.

„Das ist dann eine Frage des Verhandelns“, sagt der Soziologe Peter Hofmann zu Paaren, bei denen ein Partner Nachwuchs will und der andere noch zweifelt. Man könnte zum Beispiel abmachen, dass der Elternteil mit dem festen Kinderwunsch die primäre Verantwortung für das Baby übernimmt. (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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