Damit dürfte er vielen aus der Seele sprechen: Bertram Kasper plädiert für mehr Gelassenheit beim Thema Altwerden und -sein.
Angst vorm Altwerden?Experte sagt: „Brauchen Pro-Aging-Kultur“!

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Im sprichwörtlichen „Herbst des Lebens“ angekommen sein – das kann auch sehr schön sein.

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„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, sagte schon Blacky Fuchsberger. Die Haut nicht mehr so straff, die Knochen nicht mehr so stabil wie sie mal waren. Vielleicht auch Ängste vor dem, was da noch alles kommt. Aber! Es gibt auch viele schöne Seiten. Sagt zumindest Autor Bertram Kasper (63) – selbst im Ruhestand, oder, wie er sagt: In der Freitätigkeit.
Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Leistung ausgerichtet ist“, sagt Bertram Kasper. „Es geht ums Bruttosozialprodukt. Da passt das Altern nicht rein.“ Er nutze gerne den Begriff „Pro-Aging“. „Pro-Aging ist das Gegengewicht zu Anti-Aging“, sagt Kasper. „Anti-Aging ist die Haltung, nicht älter werden zu wollen, sich möglichst lange jung zu halten – bis zur übersteigerten Selbstoptimierung. Auch in dem Sinne, dafür unheimlich viel Geld dafür auszugeben.“ Bertram Kasper möchte ein positives Bild des Alterns zeichnen, mit seinem Podcast („Gelassen älter werden“) und seinem ersten Buch „Die größte Reise deines Lebens“, in dem er sehr persönlich über das Thema schreibt. Er ist überzeugt, dass von einem positiveren Bild des Alterns auch die nachfolgenden Generationen profitieren werden.
Warum Altern gerade für die „Boomer“-Generation so schwierigist
Älterwerden ist oft von Angst begleitet. Kasper schreibt offen darüber und sagt im Gespräch: „Bei mir gibt es zwei große Aspekte, die mir Angst einflößen. Das eine ist der Autonomieverlust. Wir Babyboomer sind eine Generation der Vielen, und mussten lernen, uns unter vielen durchzusetzen. Heißt: Wir brauchten viel Selbstwirksamkeit, viel Eigeninitiative, um uns durchzuschlagen. Deswegen habe ich großen Respekt davor, diese Autonomie zu verlieren, durch eine geistige Einschränkung wie Demenz oder dadurch, sich körperlich nicht mehr selbstständig versorgen zu können.“
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Ein wichtiger Aspekt – besonders in der Babyboomer-Generation – sei daher auch, „dass es für sie unheimlich schwer sein wird, um Hilfe zu bitten, weil sie nicht zulassen können, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind – das hat die Babyboomer stark geprägt.“ Die andere Angst: „Das Wie des Sterbens. 14 Prozent der Menschen sterben zuhause, der Rest woanders, in der Regel in einer Institution. In einem sterilen Intensivzimmer zu liegen und keine Anknüpfungspunkte an etwas Vertrautes zu haben, ist eine unheimlich schreckliche Vorstellung für mich.“
Ermutigend klingt das für Sie nicht? Nun: Laut Kasper ist es für einen entspannten Umgang wichtig, solche Ängste – die wohl viele haben – festzustellen und sich damit auseinanderzusetzen. „Zum Beispiel, indem man darüber schreibt. Schreiben hat eine Funktion der Eigenentdeckung, zumindest für mich“, sagt Kasper. „Zum anderen hilft es, sich darauf vorzubereiten.“ Und das möglichst konkret und nüchtern – u. a. in Form von Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und der Frage: „Möchte ich vielleicht selbstbestimmt sterben? Ich weiß das heute noch nicht. Aber die Frage ermöglicht es, das Thema aufzumachen. Ich glaube, es ist gut, bestimmte Dinge im Leben – egal in welchem Alter – schonmal zu antizipieren.“
Das hilft natürlich auch Angehörigen. Und außerdem: „Wenn man sich traut, sich selbst mit der Endlichkeit zu konfrontieren, hat sie ein anderes Gesicht, das sagt: Verschiebe die Dinge nicht, die wichtig sein sollen“, sagt der Autor. Wir haben schließlich nur ein Leben. „Ich finde es auch wichtig, sich die Frage zu stellen, welche Spuren will ich hinterlassen?“, sagt Kasper. „Früher galt die Lebensmitte von 45 bis 55, heute von 45 bis 65.“ Für die meisten sei in der Zeit ein Plateau erreicht, man ist beruflich und privat gut eingerichtet. „Also habe ich viel Zeit, mir zu überleben, was ich vom Leben will, auch jenseits der 65. Das ist eine unheimlich gute Erkenntnis.“

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Autor Bertram Kasper nennt sich „Altersstratege“, ist Diplom-Supervisor, hat sein Berufsleben als Sozialarbeiter, zuletzt in der Geschäftsleitung, gearbeitet. Er hostet den Podcast „Gelassen älter werden.“
Unabhängig gilt: Gesundheit ist wichtig für ein glückliches Älterwerden, und dafür brauchen wir: Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Beziehungen und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. „Wir wissen alle eigentlich sehr genau, was uns gesund erhält. Wenn wir das mehr in den Blick nehmen, haben wir schon viel erreicht“, meint Kasper. Er sagt auch: „Älterwerden ist eine ständige Akzeptanzübung“. Mit Mitte 40 riss sein Meniskus, Marathonlaufen war dann nicht mehr. Die Kunst sei es dann, zu schauen, was man gewinnt, und nicht, was man verliert. „Ich habe dann den Sport gewechselt und Nordic Skating angefangen.“ Das lasse sich auf andere Situationen übertragen. Eben – so klischeehaft es klingen mag – das Glas halbvoll zu sehen.
„Der schönste Teil ist die Freiheit, die entsteht, und dass ich nicht mehr so viel Verantwortung trage. Meine Frau und ich haben überlegt, nächste Woche nach Holland zu fahren. Der Druck und die Verpflichtungen sind weg.“ Für „Hochaltrige“ ab circa 80 Jahren, sagt Kasper, sei Teilhabe enorm wichtig. „Ich habe einen 87-jährigen Freund. Der war letztens bei einer Lesung von mir und hat ein tolles Erlebnis gehabt, obwohl er sich kaum traut, noch aus dem Haus zu gehen. Er sucht sich dann Rahmen, die für ihn angemessen und vertraut sind.“ Dazu gehöre auch, dass man bei der Digitalisierung darauf achtet, ältere Menschen nicht zu überfordern.
Um den Alltag ohne Job und ohne bestimmte Vorgaben mit Tagesstruktur zu füllen, hat Bertram Kasper zwei Tipps:
- Zum Einen: „Die Niederländer nennen es „niksen“: Sich erlauben, zwecklos zu sein. Wir sind es gewohnt, im Hamsterrad zu sein und halten das Nichtstun kaum aus, greifen sofort zum Smartphone oder sonstigem.“ Quasi sinnfrei in die Luft zu starren – und das als aktive Übung. „Das kann eine spannende Erfahrung sein.“
- Zum anderen: „Rituale entwickeln: Ich habe z. B. das Ritual, jeden Tag eineinhalb Stunden spazieren zu gehen, bei jedem Wetter. Meistens sogar den selben Weg, weil ich dann eine viel schärfere Wahrnehmung dafür habe, was sich in der Natur verändert“, sagt Bertram Kasper. „Wenn ich jeden Tag woanders gehen würde, fiele mir das gar nicht so auf.“ Rituale können natürlich individuell sein. Das Spazierengehen ist aber gleichzeitig auch für den Körper gut!
Kasper beschreibt in seinem Buch auch, wie er an seinem 63. Geburtstag einen Brief an sein Zukunfts-Ich von 88 Jahren schreibt. „Sich selbst in die Zukunft zu denken, hat etwas von Vorwegnehmen. Ich habe an mich geschrieben, auch als Erinnerungshilfe und eine Vision beschrieben, wie ich als ältester Poetry Slammer mit Krückstock und blauer Baskenmütze auf einer Bühne stehe.“ Den Brief ans Zukunfts-Ich könne jeder für sich selbst umsetzen. Es ist ein Widerspruch: Alt werden wollen wir wohl alle, nur „älter“ nicht – „Alt werden kann Freude machen. Es erschließt neue Lebensbereiche. Bei mir ist es das Podcasten und Schreiben“, sagt Bertram Kasper. „Ich will auch die Schattenseiten sehen. Ich will das Altern in seiner Ganzheitlichkeit darstellen und Wege finden, damit umzugehen.“ Er wolle ermutigen, sagt er. „Ich habe da eine Mission gefunden.“
