Unerwartete Wende bei Lanz Grünen-Politiker soll über Wahlkampf reden, er bricht in Tränen aus

Grünen-Politiker Cem Özdemir sollte bei „Markus Lanz“ eigentlich über den Wahlkampf reden. Doch schon zu Beginn der Sendung war er den Tränen nah.

Grünen-Politiker Cem Özdemir sollte bei „Markus Lanz“ eigentlich über den Wahlkampf reden. Doch schon zu Beginn der Sendung war er den Tränen nah.

Holocaust-Überlebende Margot Friedländer sprach bei Markus Lanz über die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. Es war ein emotionaler TV-Talk, auch Grünen-Politiker Cem Özdemir, der eigentlich den Wahlkampf analysieren sollte, zeigte sich bewegt.

Hamburg. „Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat“: Allzu viel Sendezeit wurde ihr nicht eingeräumt, aber als am sehr späten Donnerstagabend im ZDF-Talk „Markus Lanz“ die 99-jährige Holocaustüberlebende Margot Friedländer mit leicht gebrochener Stimme, aber absolut klaren Worten Einblick in ihre bewegende Familiengeschichte gab, war das ein wichtiger, tiefer und leider in der allgemeinen Aufgeregtheit des Wahlkampfes viel zu selten zu erlebender Fernsehmoment.

Wichtig schon deshalb, weil derart ergreifende Erinnerungen und Einordnungen den Fokus neu zu justieren vermögen - auf das, was wirklich zählt bei einer solchen großen Wahl, wie sie am 26. September bevorsteht. Es geht auch diesmal um nicht weniger, als um die Bewahrung von Frieden, Freiheit und Demokratie, um den Zusammenhalt der Gesellschaft.

„Markus Lanz“: Özdemir soll über Wahlkampf reden, er bricht in Tränen aus

Grünen-Politiker Cem Özdemir zeigte sich schon zu Beginn der Sendung von der Anwesenheit der in wenigen Wochen 100 Jahre alt werdenden Holocaustüberlebenden so tief gerührt, dass er mit den Tränen rang.

Als er von Lanz nach dem Grad seiner Frustration angesichts sinkender Umfragewerte befragt wurde, gab er eine vollkommen unerwartete Antwort: „Ich tu mich gerade ein bisschen schwer, angesichts der Anwesenheit von Frau Friedländer und dem, das wir ja nicht mehr so wahnsinnig viele Überlebende haben, über die Niederungen von Prozentzahlen zu sprechen“, sagte Özdemir. Es sei schließlich „unser aller Aufgabe“, so der Grünen-Politiker, „dafür zu sorgen, dass sich das nicht wiederholt“.

Genau dies sei doch der eigentliche Grund, weshalb „wir einmal angefangen haben, uns diesen Beruf auszusuchen“. Es gelte, die Erfahrungen und die Geschichte an die nachfolgenden Generationen weiterzutragen und auch „wenn die Überlebenden einmal nicht mehr da sind, dafür zu sorgen, dass das Wissen nicht verloren geht“. Sicherlich seinen Zahlen im Wahlkampf wichtig, aber „das“, so Özdemir mit belegter Stimme und feuchten Augen, „ist wichtiger“.

„Markus Lanz“: Özdemir sichtlich bewegt von dem ZDF-Gast

Auch wenn er sich nun womöglich „um Kopf und Kragen“ rede, legte Özdemir nach, werde „das Land nicht untergehen“, wenn „die anderen demokratischen Parteien regieren“. Natürlich wolle er, dass seine Partei gewinnt, dass sich der Klimaschutz durchsetzt, so Özdemir weiter. Aber selbst wenn das nicht gelänge: „Wir sind dann immer noch eine liberale Demokratie!“

Dieses „unglaubliche Privileg, das wir in Deutschland haben“, gelte es viel mehr wertzuschätzen, befand er und ließ sich noch eine ganze Weile von den Emotionen mitreißen: „Die eigentlichen Feinde der Demokratie, die sind heute Abend nicht anwesend“, sagte der Grünen-Mann aufgebracht und verriet auch gleich, wen er meint: „Das ist die AfD, das sind die Radikalen, das sind die Fanatiker, die unser Land kaputtmachen wollen.“

Margot Friedländer bei „Markus Lanz“: „Ja, so hat es angefangen“

Talk-Profi Lanz nutzte den spontanen Moment, um Margot Friedländer, deren Part eigentlich erst deutlich später in der Sendung auf dem Programm stand, in die Wahlkampfdebatte zu holen. „Denn diese Wahl“, so Lanz, „hat ja genau damit zu tun: Da geht's ja um die Frage, wo geht dieses Land hin“. Er erinnerte an ein Zitat von Margot Friedländer: „Ihr müsst vorsichtig sein!“

Cem Özdemir brachte zunächst noch die in den vergangenen Tagen schon vielfach kritisierten Plakate der Partei „III. Weg“  zur Sprache, auf denen „Hängt die Grünen!“ steht, mahnte „verlotternde“ Umgangsformen an und warnte vor „amerikanischen Verhältnissen - dass die eine Hälfte mit der anderen Hälfte nicht mehr redet“. Friedländer, von Lanz direkt auf die umstrittene Plakataktion angesprochen, stellte klar: „Ja, so hat es angefangen. Vielleicht etwas stärker.“

Aber es sei „entsetzlich zu sehen“, wie stark sich das Klima in Deutschland verändert habe, sagte die Frau, die 64 Jahre in den USA lebte, bis sie vor über einem Jahrzehnt nach Deutschland zurückgekehrt ist. „Man macht zu wenig dagegen.“ Nach ihrer Beobachtung, sei es besonders in den vergangenen drei, vier Jahren „schlimmer geworden“.

„Markus Lanz“: „Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat“

Von einer „Diskursverschiebung“ sprach auch Anna Staroselski, Studentin und Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion und machte konkret die AfD dafür mitverantwortlich. Jüdinnen und Juden in Deutschland fühlten sich heute wieder zunehmend unsicher, erklärte sie. Aber allein die Tatsache, dass Frau Friedländer hier in der Sendung sitze, zeige: „Die Nazis haben nicht gewonnen.“

Später in der Sendung kam Margot Friedländer nochmals ausführlicher zu Wort. „Diese Kette ist das Einzige, was ich von Mutti habe“, sagte sie auf die Bernsteinkette um ihren Hals hinweisend, nachdem sie eindringlich geschildert hatte, wie sie Pogromnacht erlebte, wie 1943 ihr Bruder Ralph von der Gestapo verhaftet wurde und sich daraufhin ihre Mutter ebenfalls stellte. Sie kam damals erst nach den Verhaftungen nach Hause - alles, was ihr neben der Kette von der Mutter blieb, war ein Zettel mit den Worten: „Ich gehe mit Ralph, wohin das auch immer sein mag. Versuche, dein Leben zu machen.“ Hätte ihre Mutter damals auf sie gewartet, wäre auch sie im KZ Auschwitz brutal ermordet worden: „Sie hat mir das Leben gerettet.“

Margot Friedländer, heute eine unglaublich vitale, warmherzige alte Dame, schilderte bei Markus Lanz, wie sie damals 15 Monate lang untertauchte und dann doch verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt gebracht wurde. Es waren Erinnerungen voller Traurigkeit, aber keinesfalls von Bitterkeit geprägt. „Es ist unvorstellbar, wie sich die Sache entwickelt hat, und das ist das, was ich so fürchte“, sagte die Frau, seit einem Jahrzehnt unermüdlich auch in Schulen als Zeitzeugin berichtet. Ihre Mission ist klar: „Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat.“ (tsch)

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurden die Plakate mit der Aufschrift „Hängt die Grünen“ zunächst fälschlich der AfD zugeschrieben. Tatsächlich handelt es sich um Wahlplakate der Partei „DER DRITTE WEG“. Wir haben dies korrigiert.

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