Warum entwickelt sich Engagement zu Extremismus? Und wohin soll das alles führen? Eine ZDF-Dokumentation analysiert die Ziele einer sich radikalisierenden linken Bewegung - und die Gefahrenpotenziale für unsere Gesellschaft.
„Nett bitten wird nicht reichen“Warum die Gewaltbereitschaft unter Linksextremen zunimmt

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So stellen sich die Macher der Doku „Inside Linksextrem - Protest, Sabotage, Gewalt“ eine typische Demoszene mit linksextremer Beteiligung vor. Fakt ist: Die linksextreme Szene wächst - und sie wird militanter. (Bild: ZDF/Rainer Fromm)
Pyro-Attacke gegen Hochspannungsleitungen, Sabotageakte gegen Bahnstrecken. Und natürlich der Brandanschlag auf das Kraftwerk in Berlin Lichterfelde. Anfang Januar wurden über 45.000 Haushalte, über 2.000 Gewerbebetriebe und auch fünf Krankenhäuser in den Stadtteilen Nikolassee, Wannsee, Zehlendorf und Lichterfelde von Strom und teilweise Heizung abgeschnitten - bei winterlichen Minusgraden. Zu Letzterem bekannte sich die linksextremistische beziehungsweise anarchistische „Vulkangruppe“.
„Protest, Sabotage, Gewalt“ - der Untertitel der ZDF-Dokumentation „Inside Linksextrem“ von Rainer Fromm scheint für eine Entwicklung zu stehen: Wenn Demonstrationen nicht mehr reichen, um Ziele zu erreichen, kommt es zu Sabotageakten. Und dann zu Gewalt? „Die Gewaltakzeptanz scheint gewachsen“, sagt Sven Kurenbach, der Vize-Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Attacken hätten zugenommen, fänden nicht mehr wöchentlich, sondern fast täglich statt. Mit „verheerenden“ Folgen.
Warum wird Engagement zu Extremismus? Fran vom Klimaschutzbündnis „Ende Gelände“, das vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als linksextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, sagt in der Doku: „Wir kämpfen gegen eine milliardenschwere Industrie. Nett bitten wird uns nicht die Veränderung bringen, die es braucht, damit wir alle weiter existieren können auf diesem Planeten.“ Sie setzen sich für eine gerechtere, bessere Welt ein. Und wenn man sie nicht erhört?
„Man möchte zurück in vorindustrielle Zeiten“
„Gewalt wird damit legitimiert, dass sie notwendig ist, um die bessere Gesellschaft herbeizuführen“, sagt Extremismusforscher Prof. Hendrik Hansen. Als „Notwehrakt gegen das Wirtschaftssystem“ sah die „Vulkangruppe“ ihren Januar-Anschlag in Berlin. „Wir brauchen eine Internationale der Verweigerung eines Fortschritts, der nur auf Zerstörung, Mord und Raub basiert“, hieß es im Bekennerschreiben, einem von „Hunderten der gewaltbereiten Szene“, die für die Dokumentation ausgewertet wurden.
Kritis, also kritische Infrastruktur, anzugreifen, bedeute „die Hauptader der Unterwerfung des Menschen durch den Menschen und der Natur anzugreifen“, hieß es weiter. Seit Mai 2011 verübte die „Vulkangruppe“ elf Anschläge gegen die Stromversorgung.

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Der Brandanschlag auf das Kraftwerk in Lichterfelde hatte verheerende Kosequenzen für viele Berlinerinnen und Berliner. (Bild: 2026 Getty Images/Omer Messinger)
Die Radikalen sähen die „moderne Technik als Ursache für ökologische Zerstörung, Kriege und menschliche Entfremdung“, meint Isabelle Holz vom Netzwerk Terrorismusforschung. Das theoretische Rezept der Täter, so Holz: „Man möchte zurück in vorindustrielle Zeiten.“ Die Logik dahinter: „Würden wir Industrialisierung umkehren, hätten wir keine Klimaprobleme mehr. Wenn man unsere Welt zerstörte, würde die bessere Welt warten.“ Das erklärt auch, warum besonders Betriebe der Autoindustrie, Rüstungsunternehmen und Energieversorger im Fokus der Saboteure stehen.
Spielen linksradikale Anschläge Putins Russland in die Karten?
Die Ziele der linksextremen Gruppierungen sind so vielfältig wie die Gruppen selbst in ihrer detaillierten Ausrichtung. Antikapitalismus, Umweltschutz, Antifaschismus, Antirassismus, Wut gegen alte und neue Nazis, Wut auch gegen Israel, Antiimperialismus, Streben nach Herrschaftsfreiheit und Systemumsturz.
Einige Ziele sind durchaus mehrheitstauglich. BKA-Mann Kurenbach sagt: „Themen wie Umweltschutz oder Antirassismus unterschreibe ich auch. Die Frage ist nur, wie erreiche ich diese Ziele?“ Dann macht er klar: „Das weit überzogene Straftat-bezogene Agieren, in dem ich Konzerne attackiere, die für Stromversorgung zuständig sind, das passt nicht in das, was wir unter freiheitlich-demokratischer Grundordnung verstehen.“ Zumal derlei Sabotageakte gegen Kritis dem hybriden Krieg Russlands in die Hände spielten. Felix Naumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Das Ziel ist identisch, die Folgen sind gleich, nur die Motivation ist unterschiedlich.“
Die linksextremistischen Gruppen kommunizieren über Online-Plattformen, wo sie informieren, rekrutieren und auch Bekennerschreiben veröffentlichen. Und auch Do-it-yourself-Anleitungen zum Bau von Zeitzündern geben, entstanden „aus dem Wunsch, unsere Erfahrungen mit frei im Supermarkt oder Baumarkt erhältlichen Materialien zu teilen.“ Extremismusforscher Hansen: „Es ist wie ein Schwarzes Brett für Leute, die Anschläge begehen wollen.“
Ein Schwarzes Brett für Leute, die Anschläge begehen wollen
„Die Plattformen sind wichtiger denn je“, sagt Terrorismusforscherin Holz. In einigen werde offen zu Gewalt aufgerufen. „Lasst uns gegen die Ausbeutung die Infrastruktur des Kapitalismus hinterfragen, sabotieren und nachhaltig angreifen“, heiße es da. Chris, ein Teilnehmer der traditionellen „revolutionären 1.-Mai-Demo“ in Berlin: „Wir sind hier aus der festen Überzeugung, dass dieses System eines ist, das der Masse der Menschen nur Unheil bringt.“ Das sei nicht reformierbar, also müsse es gestürzt werden. Tomke von „Ende Gelände“ kritisiert, im Kapitalismus profitierten einige wenige auf Kosten vieler. „Viele leiden für den Profit von wenigen.“
Gezielte Morde, wie sie einst durch die RAF verübt wurden, gab es zuletzt nicht. Noch nicht. Aber BKA-Mann Kurenbach sieht bereits „Ansätze“. Vor allem, wenn Linksextreme auf Rechtsextreme losgehen. Wie die „Hammerbande“, die Gewaltdelikte gegen Rechtsextreme beging. Kurenbach: „Da muss man schon schlucken, mit welcher Intensität hier Gewalt ausgeübt wurde.“ Was, wie die Doku auch zeigt, bei der „Revanche“ der Rechten gegen die Linken nicht viel harmloser war. Linksextreme fordern sogar Straflosigkeit für Gewalt gegen Nazis. Militanter Antifaschismus sei extrem notwendig, weil der Staat versagte und nicht gegen Rassismus und Faschismus agiere, so die Argumentation.
Linksextremismus ist, so heißt es gleich zu Beginn der 45-minütigen Doku, eine „Herausforderung für Staat und Gesellschaft“. Das Fazit der Filmemacher klingt wenig hoffnungsvoll. Mit dem traditionellen Klassenkampf, aus einem Ungerechtigkeitsbewusstsein und dem Wunsch nach Abbau von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheiten geboren, scheine die neue Strategie der Linksextremen jedenfalls „nicht mehr viel zu tun“ zu haben. Denn: „Anschläge können alle treffen. Sabotage von Bahnstrecken und Stromversorgung unterscheiden nicht zwischen Arm und Reich.“
„Inside Linksextrem - Protest, Sabotage, Gewalt“ ist am Mittwoch, 11. November, um 20.15 Uhr bei ZDFinfo zu sehen und schon jetzt in der Mediathek. (tsch)
