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„Ich vermisse mich“Ex-Sat.1-Reporter ist erst 53! Jo Failer hat Frühdemenz

Ein Mann mit Brille und Glatze schaut in die Kamera. Es ist der Journalist Jo Failer

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Jo Failer hat einen Bestseller geschrieben, in dem er schonungslos berichtet, wie schlimm es Menschen geht, die unter Alzheimer leiden.

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Der ehemalige „ran“-Reporter leidet an einer Alzheimer-Frühform und hat mit uns über seine Sorgen, seine Ängste und Hoffnungen gesprochen.

Der Tag, an dem sich für Sport-Journalisten und Moderator Jo Failer alles änderte, war im Sommer 2023. Ort des Geschehens: das Stadion in Dortmund, in dem eine Aktion für notleidende Kinder des SOS Kinderdorfs über die Bühne ging. In den Gängen des Stadions war der damals 51-jährige Ex-Sat.1-„ran“-Reporter im Einsatz.

Auf seinem Programm standen Interviews mit Fußballer Marco Reus, Pop-Sänger Joris und Moderatorin Nazan Eckes. Eigentlich nichts Besonderes für Failer, dem Fachmann für gute, sensible Gespräche mit Promis. Ein Mann, der seinen Traumberuf lebte. Und doch wurde alles ganz anders.

Alzheimer-Diagnose war der komplette Absturz

Jo Failer erinnert sich: „Plötzlich, von jetzt auf gleich, wusste ich nicht mehr, wo ich bin, was ich sollte und wollte. Ich war mit einem Mal völlig neben der Spur, total abwesend.“ Besonders schlimm wird es, als er Marco Reus zum Interview trifft: „Mir ist keine Frage zu ihm eingefallen, obwohl ich meinen Spickzettel in der Hand hatte. Ich guckte ihn an – und wusste nichts!“ Diese Situation spitzt sich in den Stunden danach immer mehr zu, und wird die Tage danach nicht besser: „Ich bekam meinen Journalisten-Alltag nicht mehr in Griff.“

Failer will sich helfen lassen, fragt immer neue Ärzte, was mit ihm denn nicht stimme. Bis er sich mit seiner Psychotherapeutin bespricht. Die rät ihm: „Lassen Sie sich von einem richtigen Fachmann untersuchen.“ Es ist ein Ratschlag, der sein Leben auf den Kopf stellen wird. Denn nachdem vorher viele Ärzte auf Burn-Out, Alter oder Depressionen getippt hatten, erhält er in der Universitätsklinik München die Diagnose.

Die Ärzte sagen ihm: „Zusammenhängend ergibt sich das Bild einer kognitiven Beeinträchtigung vom Alzheimer-Typ. Wir sehen den Beginn eines Prozesses, der schleichend, aber unumkehrbar ist.“ Einfacher gesagt: Jo Failer leidet an „Alzheimer Frühform“, eine Besserung ist nicht zu erwarten. Es kann nur schlechter werden.

EXPRESS gegenüber schildert er den Moment, in dem seine bisherige Welt zusammenbricht: „Ich habe bis zu dem Augenblick nie daran gedacht, dass es um Alzheimer gehen könnte. Als das Wort dann doch fiel, war es der komplette Absturz. Es war die pure Angst. Als würde man mich vom Dach eines Hochhauses werfen. Und bei diesem Sturz würde mir klar, dass ich irgendwann aufknalle und dann ist nichts mehr ist.“ Sein erster Gedanke: „Jetzt ist alles vorbei! Es macht alles keinen Sinn mehr.“

Jo Failer mit Robbie Williams

Copyright: Jo Failer

Promis zu interviewen, wie hier Robbie Williams, war für Jo Berufung. Er liebte seinen Job, den er heute nicht mehr machen kann.

Doch er hat seinem Leben doch noch einen Sinn gegeben. Denn über das, was mal war und wie es heute ist, hat er ein Buch geschrieben, das ganz oben in den Bücher-Charts gelandet ist: „Ich denk nicht dran – Ein Vermächtnis zu Lebzeiten“ (dtv, 17 Euro). Ein Buch, das sich wie ein Roman liest, aber das wahre Leben ist.

Grund für dieses Werk: „Ich habe in der ersten Phase viel recherchiert, aber nicht viel gefunden. Ich fand es einfach unglaublich, dass man über eine Krankheit, die über 1,8 Millionen Menschen in Deutschland betrifft und von denen um die 150.000 frühdement sind, so wenig weiß.“

Mit seinem Buch will er das ändern: „Ich will diese unsichtbare Krankheit sichtbar machen. Ich habe geschrieben, was diese Krankheit bedeutet, und wie scheiße es mir wirklich geht, wenn es in meinem normalen Leben nicht so funktioniert, wie es funktionieren müsste. Damit die Leute verstehen, was in einem Menschen vorgeht, der diese Krankheit hat.“

Er scheint mit seinem Buch den Nerv getroffen zu haben: „Ich habe tolle Reaktionen von den Lesern bekommen. Das macht mich zwar nicht gesünder, aber es zeigt, dass es für die anderen wichtig war.“

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Mit „Ich denk nicht dran“ hat er sich auch selbst einen Gefallen getan: „Ich habe immer davon geträumt, mal ein eigenes Buch zu schreiben, allerdings sollte es ein Roman sein. Jetzt habe ich einen Bestseller, aber er ist anders, als ich jemals gedacht habe. Dennoch habe ich versucht, dieses Buch mit Humor, Wortwitz und Charme zu verfassen. Ich habe versucht, es so zu schreiben, als wenn es ein Roman wäre und hoffe, dass man beim Lesen nicht nur traurig sein wird.“

Das Besondere: Er hat über zwei Personen geschrieben, die in Wirklichkeit nur eine sind: „Ich war früher ein ganz anderer Jo als heute“, sagte er. „Ich war agil, wollte immer Neues kennenlernen, immer das Beste abliefern. Ich hatte ein wahnsinniges Ego, war immer motiviert, mein Beruf war meine Leidenschaft. Ich bin rund um die Welt gereist, habe Muhammad Ali und Boris Becker getroffen, führte Interviews mit Robbie Williams, Franz Beckenbauer, Heidi Klum. Fast 15 Jahre war das mein Leben. Ich lebte das Leben, das ich mir immer erträumt hatte – und merkte zu spät, dass es mich langsam verschluckte.“

Und wie lebt der Jo von heute, der nach der Diagnose? „Momentan bin ich leicht teilnahmslos. Mir geht’s körperlich gut, aber im Kopf herrscht manchmal nur Wirrwarr. Ich komme zu nichts, mein Akku ist nach einer Stunde fast leer. Ich bin oft verzweifelt – vor allem, wenn ich zum Kühlschrank gehe, der dann wieder leer ist. Oder wenn ich drei U-Bahnstationen zu weit gefahren bin, ohne was gemerkt zu haben. Ich merke auch, dass ich einfacher denke. Ich bin einsam und habe nicht mehr den Alltag mit meinen Kindern, was für mich ganz furchtbar ist.“

„Angst, eines Tages meine geliebten eigenen Kinder nicht mehr zu erkennen“

Seine größte Sorge: „Ich habe Angst davor, eines Tages meine geliebten eigenen Kinder nicht mehr zu erkennen.“

Sein Resümee: „Es tut so weh und ist so wahr: Ich vermisse mich! Ich vermisse nicht nur die Menschen um mich rum, die Freunde von einst, die immer weniger geworden sind, sondern vor allem vermisse ich den alten Jo und den Alltag von damals.“ Und er ergänzt: „Ich vermisse das Leben. Ich sterbe nicht, sondern mein Leben löst sich langsam auf.“

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