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„Verfall kann man aufhalten“Kölner Experte macht Alzheimer-Hoffnung

Alzheimer, Demenz, Vergessen, Verfall

Copyright: Naeblys/Shutterstock

Wenn plötzlich einige Puzzleteile beim Denken fehlen und sich so manches, was man im Kopf zu haben glaubte, in Luft auflöst, könnte das ein Zeichen für Alzheimer sein.

Ein neuer Bluttest erkennt Alzheimer schon im Frühstadium. Der Kölner Experte Andreas Jopp erklärt, wie sich der Verfall aufhalten lassen kann und gibt konkrete Tipps.

Die Angst vor dem Vergessen. Die Panik, nicht mehr klar im Kopf, hilflos wie ein kleines Kind zu sein. Alzheimer – das ist für viele (neben Krebs) die Horrorvorstellung. Jetzt sagen Wissenschaftler, dass sie schon Jahre im Voraus feststellen können, ob und wann Alzheimer auftritt – mit einem einfachen Bluttest, der nicht nur entschieden genauer, sondern auch viel günstiger als ein Gehirnscan sein soll. In den USA ist er gängige (Hausarzt-)Praxis, im Herbst soll er in Deutschland zugelassen werden. Fragt sich nur: Was habe ich davon, wenn das Damoklesschwert schon 15 Jahre früher über mir kreist?

„Die ausweglose Krankheit A.“, nannte sie Multimillionär Gunter Sachs in seinem Abschiedsbrief. 15 Jahre ist es her, dass sich der Playboy das Leben nahm, als die Alzheimer-Symptome bei ihm immer offensichtlicher wurden. Ein Wundermedikament haben Wissenschaftler seit dieser Zeit noch nicht gefunden, das gegen Verfall und Vergessen hilft. Jüngst auf einem Kongress in Chicago stellten Hirnforscher allerdings vor, dass ein Wirkstoff, der bisher den meisten vor allem durch die sogenannte Abnehmspritze bekannt ist, auch bei Demenz und Alzheimer positive Effekte erzielen könne.

Kampf gegen Alzheimer: Bewegung, Ernährung und Sozialkontakte

Doch vor allem setzen sie auf den Bluttest, der Alzheimer – mit einer Abweichung von drei bis vier Jahren – prognostiziert. Und dann? „Natürlich wird die Diagnose erst mal für jeden Patienten und dessen Angehörige ein Schock sein, aber so kann man zumindest gezielt gegen die Krankheit vorgehen“, sagt der Kölner Bestsellerautor und Medizinexperte Andreas Jopp („Masterplan gegen Alzheimer“; 21,90 Euro). Pilotstudien mit frühen Alzheimer-Patienten hätten gezeigt, dass man der Krankheit nicht so hilflos ausgeliefert ist wie gedacht.

Die Probanden hatten durch ein eng betreutes, gezieltes Lebensstil-Programm mit herzgesunder Ernährung, Bewegung und sozialer Unterstützung nach sechs Monaten nicht nur in wichtigen kognitiven Tests besser abgeschnitten. Es habe sich auch gezeigt, das 15 Prozent mehr Amyloid (Ablagerungen von Plaques) aus dem Hirn entsorgt wurden als in der Vergleichsgruppe. Also das, was man sich von neuen Alzheimer-Medikamenten erhofft, nur ohne Nebenwirkungen.

Warum ist eine herzgesunde Ernährung so wichtig? Das Gehirn hat 600 Kilometer Blutgefäße. Bleiben diese langfristig gesund, werden Nervenzellen besser versorgt – und auch die nächtliche Entsorgung von Amyloid funktioniert besser. Alles, was Entzündungen in Körper und Hirn fördere, sei schlecht. Und das seien in puncto Ernährung vor allem hochverarbeitete Lebensmittel mit wenig Ballaststoffen und vielen gesättigten Fetten. Da denkt man sofort an Pommes, Pizza, Curry- und Fertigwurst, aber Vorsicht auch bei Fruchtjoghurt. „Viele glauben, da esse ich etwas Gesundes, aber in Wahrheit ist es ein entzündungsfördernder Mix aus viel Zucker, viel Fett, wenig Ballast- und Pflanzenstoffen.“

Jopp wandert ein paar Etagen tiefer, zum Darm. Es gibt das Leaky-Gut-Syndrom, den löchrigen, durchlässigen Darm. Giftstoffe und Bakterien können sich durch die Darmwand fressen, entzündliche Stoffe fürs Gehirn produzieren. Mehr Pflanzenstoffe halten den Darm gesund, und das kommt auch dem Gehirn zugute. Ein weiterer Gegenspieler zu Alzheimer sei – ähnlich wie bei Parkinson – Bewegung. „Ein Forschungsinstitut in Großbritannien hat herausgefunden, dass man schon mit 5000 Schritten pro Tag die Altersentzündungen halbieren könne“, rechnet Jopp vor. Er sagt aber auch: „Das Programm muss intensiv genug sein.


Lange Zeit galt Alzheimer als reine Hirnerkrankung – ausgelöst durch falsche Eiweißstoffe, die sich im Gehirn ablagern. Heute weiß man, dass das nicht die alleinige Ursache, sondern auch Folge von Entzündungen, Gefäßproblemen, Umwelt und Lebensstil ist. Da kann man (teils) gegensteuern. Andreas Jopps Tipps:

  1. Bluthochdruck: Erhöht das Risiko für Demenz im Alter massiv, muss so früh wie möglich runter. Simpelste Art: Weniger Salz essen, mehr Bewegung.
  2. Ernährung: Zählen Sie die Pflanzenstoffe, die Sie täglich essen. Beispiel Frühstück: Apfel, Himbeere, Mandel, Walnüsse, Kürbiskerne, Leinsamen, Haferflocken, Mandelmilch = 8 Pflanzenpunkte. Beispiel Salat: Rucola, Pfirsich, gebratene Pilze, Pistazien, Linsen, Dressing mit Zitrone-Knoblauch = 7 Pflanzenpunkte. Auf 10 bis 15 Pflanzenpunkte sollte man täglich kommen.
  3. Omega-3: Die Zufuhr von Fisch werde oft überschätzt, der Gehalt gehe bei Krustentieren gegen null. Deshalb am besten fetten Seefisch kaufen. Auch durch Pflanzenöle und Leinöl komme man nicht auf langkettige Omega-3-Ketten, so der Autor. Gute Alternative: Omega-3-Kapseln aus Algen.
  4. Gewicht: Abnehmen kann das Gehirn langfristig schützen. Tipp für eine Vier-Wochen-Kur: Kalorien stark runterfahren, Biostoffe, Vitamine, Ballaststoffe, Omega-3 und Eiweiß stark hochfahren. Hält die Stimmung und macht satt.
  5. Bewegung: Fördert neue Gehirnzellen und ist der Spülgang fürs Gehirn, da es den Abbau und Abtransport von Amyloid-Ablagerungen verbessert. Was den Sport angeht, ist Jopp pragmatisch: „Machen Sie das, was Ihnen Spaß macht, ob Wandern mit Freunden oder Tanzkurs für Senioren.“
  6. Stress: Viele Menschen wissen gar nicht, dass chronischer Stress zum Gehirnabbau führt und das Risiko für Demenz erhöht (Metaanalyse von 16 Studien). Ob Yoga, autogenes Training, Tai-Chi oder Meditation – alles macht den Kopf frei – man muss es nur tun (die Krankenkassen beteiligen sich mittlerweile übrigens an den Kosten).
  7. Schlaf: Regelmäßig zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett zu gehen, verbessert nachweislich den Schlaf. Blaues Licht von Smartphones und Co., spätes, fettreiches Essen und Alkohol rauben ihn. Vorsicht bei Schlafmitteln! Benzodiazepine und die sogenannten Z-Schlafmittel erhöhen vermutlich das Demenz-Risiko, merkt der Autor an.
  8. Hörverlust: Je länger das Gehör nicht korrigiert wird, desto stärker steigt das Demenzrisiko, so Jopp.
  9. Mikroplastik: In den Gehirnen von Menschen mit Demenz seien drei bis fünfmal höhere Mengen an Mikroplastik gefunden worden als bei Verstorbenen ohne kognitive Erkrankungen. Jopp rät: „Statt Mineralwasser in Plastikflaschen zu schleppen, trinken Sie lieber gefiltertes Kranwasser und essen Sie keine in Plastik eingepackten Lebensmittel.“

Bei den Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium in der Studie seien die besten Ergebnisse bei denen gemessen worden, die sechs Monate alle gelieferten vegetarischen Mahlzeiten zu sich genommen hätten, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde spazieren gegangen seien, dreimal die Woche und unter Beaufsichtigung Sport sowie Gruppenbetreuung gemacht hätten, um Probleme zu besprechen und Stress abzubauen.“

Erstaunliches Fazit, so der Autor von „Masterplan gegen Alzheimer“: „Einige Teilnehmer, die vorher kein Buch mehr lesen konnten, waren in der Lage, wieder zu lesen und selbstständig zu kochen. Ein Mann hat aufgehört, immer wieder dieselben Fragen zu stellen, ein Dudelsackspieler bekam wieder ganze Stücke hin, eine Frau, die sich mit Zahlen schwertat, konnte wieder Abrechnungen für ihr kleines Unternehmen machen ... “ Die Interviews, die der Sender CNN dokumentiert hat, sind erstaunlich – und machen Hoffnung.

Sarah Engels
CSD-Hammer in Köln
Sarah Engels ist der Top-Act beim diesjährigen Cologne Pride