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Frank wurde Gewaltopfer in der Bahn„Ich will daran glauben, dass Zivilcourage noch machbar ist“

Frank spricht in der ARD-Doku „Nächster Halt: Auf die Fresse? Angst in Bus und Bahn“ über einen Gewaltverbrechen in der Dresdner Straßenbahn. (Bild: WDR / BR / ARD)

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Frank spricht in der ARD-Doku „Nächster Halt: Auf die Fresse? Angst in Bus und Bahn“ über einen Gewaltverbrechen in der Dresdner Straßenbahn. (Bild: WDR / BR / ARD)

Das Sicherheitsgefühl ist vielen im öffentlichen Nahverkehr verloren gegangen - Fahrgästen und ganz besonders den Beschäftigten. Eine ARD-Doku sucht nach Lösungsansätzen und lässt Betroffene zu Wort kommen.

Als Rettungssanitäter und Feuerwehrmann ist Frank so einiges gewohnt. Doch seit einer Heimfahrt in der Dresdner Straßenbahn im Sommer des letzten Jahres ist er nicht mehr derselbe. „Es gibt Tage, die sind super, und es gibt Tage, da muss man sich zwingen aufzustehen, das Rollo hochzumachen“, sagt der sportliche, kräftige Mann in ARD-Doku „Nächster Halt: Auf die Fresse? Angst in Bus und Bahn“.

Lange war Frank krankgeschrieben, noch immer ist er in psychotherapeutischer Behandlung. „Das Problem ist, dass es so plötzlich passiert“, sagt er über den Vorfall, der sein Leben verändert hat. Noch immer kann er es nicht begreifen: „Warum macht jemand so was? Warum geht jemand mit dem Messer noch mal extra los?“ Vor der Kamera spricht jemand, der sichtlich mit seinem Weltbild ringt: „Ich will fest daran glauben, dass Zivilcourage noch machbar ist. Deswegen ist für mich ganz besonders wichtig, wie das Urteil ausfällt.“

„Die Leute haben weggeguckt, ich würde sagen, aus Angst“

Was Frank und zwei Freunden im vergangenen Jahr widerfuhr, machte überregional Schlagzeilen. Nachdem die drei in der Dresdner Neustadt gemeinsam gefeiert hatten, wurden sie in der Straßenbahn Zeuge eines Übergriffs zweier Männer, die später als Ismail H. und Majd A. identifiziert und verurteilt wurden. „Eine junge Frau wurde mehr und mehr belästigt, bedroht, erniedrigt“, beschreibt es Frank in der Doku. Die Frau habe Hilfe erst abgelehnt, aber unsicher gewirkt. Frank entschied sich, den aggressiven Fahrgast mit der Handykamera zu filmen. Dann sei die Situation eskaliert.

„In dem Moment, wo der Typ auf die Frau eingeschlagen hat, ist der John aufgesprungen, hat ihn angeschrien, und dann gab es auch schon einen Schlagabtausch.“ Frank wurde ein Fußtritt verpasst. Beim Verlassen der Bahn habe dann der Begleiter des Mannes ein Messer gezückt und es Franks Freund John durchs Gesicht gezogen. Die Bilder, die im ARD-Film vom blutgetränkten Tatort gezeigt werden, sind nichts für schwache Nerven. „Die Leute haben weggeguckt, ich würde sagen, aus Angst“, erinnert sich Frank an die übrigen Fahrgäste. Den Rettungsdienst oder die Polizei habe keiner gerufen. John, ein US-Amerikaner, musste sich einer Notoperation unterziehen und trägt seither eine Narbe im Gesicht.

„Der Typ war einfach nur krank“

Nicht nur Fahrgäste, auch Mitarbeiter im öffentlichen Nahverkehr sind immer häufiger bedrohlichen Übergriffen ausgesetzt. Laut einer Umfrage der Filmemacher unter Bahn-Beschäftigten erlebten 84 Prozent von ihnen Anfeindungen oder Übergriffe im Dienst. Vor der Kamera schildert der Düsseldorfer Busfahrer René, wie er zur Corona-Zeit einen Fahrgast an die Maskenpflicht im Fahrzeug erinnert habe: „Er kam mit einem Messer nach vorn und sagte: Ich werde dich eher 'abstechen'.“ René drückte den Überfallknopf. Den Rest besorgte die Polizei. Geblieben ist auch hier erschüttertes Vertrauen: „Der Typ war einfach nur krank.“

Renés Kollege Uli hat von all dem genug: „Ich bin 17 Jahre Spät- und Nachtbusse gefahren. Immer Altstadt, immer Palaver mit Betrunkenen, viermal bin ich tätlich angegriffen worden, das prägt einen.“ Personen will Uli nicht befördern.

Für den Verkehrssoziologen Philipp Rolin ist all das keine Überraschung. „Wenn wir eine Weltlage haben oder einen individuellen Lebensabschnitt, der mit viel Stress verbunden ist, dann wird Gewalt wahrscheinlicher.“ Für die Beschäftigen im öffentlichen Nahverkehr fordert er vor der Kamera ein radikales Umdenken. „Das beste Sicherheitskonzept wäre eine Betriebskultur, die den Beschäftigten klarmacht: Sicherheit geht vor.“ Das wäre genauso wichtig wie jede technologische Aufrüstung.

„Jeder Frau, die man fragt, ist das schon passiert“

Allerdings tut sich auch hier etwas, wie der Film am Beispiel der Düsseldorfer Rheinbahn zeigt. Die Bilder der Überwachungskameras sollen künftig von KI ausgewertet werden, um schneller Gewalteskalationen identifizieren zu können. „Es ist mega“, sagt Doris Mills, Chefin der Leitstelle, über die Test-Erfahrungen mit einer Beta-Version.

Für Tina, die in der Doku nicht mit ihrem echten Namen Auftritt, ist all das wohl nur bedingt ein Anlass, sich sicherer zu fühlen. Mit 18 wurde die Münchnerin nachts in der Straßenbahn von drei Männern sexuell bedrängt. „Jeder Frau, die man fragt, ist das schon passiert“, sagt sie vor der Kamera. Ihre Schlussfolgerung klingt bitter: „Es ist superfrustrierend, wenn man weiß, dass man nichts richtig machen kann. Man kann sich nicht richtig kleiden, man kann nicht richtig handeln. Man kann nur hoffen, dass die Situation schnell vorbeigeht.“

„ARD Story: Nächster Halt: Auf die Fresse?“ ist am Montag, 19. Oktober, um 23.50 Uhr im Ersten zu sehen und schon jetzt in der ARD-Mediathek. (tsch)