Sie war eine Hollywood-Ikone. Als ihr Stern sank, galt sie als Säuferin – doch hinter ihrem Verfall verbarg sich eine tragische Krankheit.
Die „Liebesgöttin“ HollywoodsSexsymbol drehte letzten Film unter Qualen – ihre Krankheit schockte alle

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Rita Hayworth wurde durch Filme wie „Gilda“ (1946), „Die Lady von Shanghai“ (1947), „Salome“ (1953) oder „Pal Joey“ (1957) zum Weltstar und Sexsymbol Hollywoods. (Archivbild)

Sie war die unangefochtene „Love Goddess“ („Liebesgöttin“), das Gesicht, das eine ganze Generation von Kinogängern verzauberte. Wenn Rita Hayworth als „Gilda“ ihre schwarzen Handschuhe auszog, hielt die Welt den Atem an. Sie war das ultimative Symbol für Hollywood-Glanz und unnahbare Schönheit. Doch hinter der strahlenden Fassade der größten Ikone ihrer Ära begann ein Abstieg, den damals niemand begreifen konnte.
Rita Hayworth: Der schleichende Abstieg der „Gilda“-Schönheit
Als sie 1972 für ihren letzten Film „Zum Teufel mit Hosianna“ neben Robert Mitchum in Mexiko vor der Kamera stand, war von der einstigen Souveränität wenig geblieben. Man sah eine Frau, die scheinbar den Halt verloren hatte, und flüsterte hinter vorgehaltener Hand über die einstige Schönheitskönigin.

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Robert Mitchum (l) und Rita Hayworth (M) bei den Dreharbeiten zu „Zum Teufel mit Hosianna“. (Archivbild)
Die Diagnose der Presse und ihrer Kollegen war schnell gefällt: Die Diva trinkt zu viel. Dass sie in Wahrheit bereits im Griff einer heimtückischen Krankheit war, die ihr Gedächtnis langsam auflöste, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.
Drama am Filmset: Warum die Film-Diva ihre Texte vergaß
Wie der Historiker Barron H. Lerner in einem Dossier für die „LA Times“ darlegt, begann das Martyrium bereits viel früher. Schon in den 1960er Jahren, als die Schauspielerin erst in ihren 40ern war, zeigten sich erste Gedächtnislücken. Am Set von „Zum Teufel mit Hosianna“ spielten sich schließlich erschütternde Szenen ab.
Die Frau, die einst ganze Drehbücher mühelos beherrschte, war nicht mehr in der Lage, sich auch nur einen einzigen Satz zu merken. Dabei hatte sie sich in den Jahren zuvor mühsam als Charakterdarstellerin in Filmen wie „Getrennt von Tisch und Bett“ (1958) oder „Sie kamen nach Cordura“ (1959) bewiesen. Für ihre sensible Darstellung einer Mutter in „Circus-Welt“ erhielt sie 1964 sogar eine Golden-Globe-Nominierung.

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Immer noch schön, doch hinter dem Lächeln verbarg sich längst die Alzheimer-Erkrankung: Rita Hayworth im Jahr 1972 während der Dreharbeiten zu „Zum Teufel mit Hosianna“. (Archivbild)
Doch schon bei dieser Produktion gerieten die Dreharbeiten ins Stocken, die Stimmung war am Gefrierpunkt und erste Gerüchte machten die Runde. Jahre später, bei „Zum Teufel mit Hosianna“, mussten Regisseur und Crew schließlich zu verzweifelten Mitteln greifen: Sie schrieben ihr den Text auf große Schilder oder flüsterten ihr jedes Wort einzeln vor.
Oft endete ein Arbeitstag gegen 19.30 Uhr in völliger Erschöpfung und Tränen. Doch statt Mitgefühl erntete Rita Hayworth Spott. Da sie in der Vergangenheit tatsächlich mit dem Alkohol gekämpft hatte, wurde jede Ausfallerscheinung sofort dem Whiskey zugeschrieben. Selbst Ärzte, die sie in diesen Jahren aufsuchten, fertigten sie laut Lerner lediglich mit Predigten über ihre Trinkgewohnheiten ab.
Die fatale Fehldiagnose: Alzheimer-Kampf im Schatten des Alkohol-Verdachts
Die Tragik lag in einer kollektiven Blindheit. Die Krankheit Alzheimer war Anfang der siebziger Jahre fast völlig aus dem medizinischen Bewusstsein verschwunden. Während der Star innerlich in ein tiefes Vergessen stürzte, schleppte ihr Umfeld sie laut dem Bericht der „LA Times“ weiter zu Partys und öffentlichen Auftritten.

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Die weltberühmte Tanzszene aus „Gilda“ mit Rita Hayworth. (Archivbild)
Es war ein verzweifeltes Festhalten an der Fassade der gesunden Diva, das 1976 in einem öffentlichen Eklat gipfelte. Fotos einer völlig verwirrten und zerzausten Frau, die bei der Landung in London aus einem Flugzeug eskortiert werden musste, schockierten die Welt. Die Schlagzeilen waren gnadenlos, das Urteil lautete erneut: Trunkenheit.
Späte Reue und medizinisches Erbe: Ein Sieg über das Vergessen
Erst 1979 brachte der Psychiater Ronald Fieve Licht in das Dunkel. Die Diagnose Alzheimer war für ihre Tochter Yasmin Aga Khan ein Schock, aber auch eine Erlösung von der jahrelangen Ungewissheit. Als die Wahrheit 1981 endlich öffentlich wurde, wandelte sich der Spott der Welt in tiefe Beschämung. Dennoch wurde Rita Hayworth im selben Jahr entmündigt.

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Rita Hayworth ist bis heute eine Hollywood-Legende. (Archivbild)
Ihr Neffe Richard Cansino brachte die späte Reue der Angehörigen gegenüber Lerner auf den Punkt: Er fühle sich schuldig, das Verhalten seiner Tante so falsch wahrgenommen zu haben. Die Schauspielerin starb 1987 mit 68 Jahren.
Yasmin Aga Khan erinnert bis heute durch ihre jährlich stattfindenden „Rita Hayworth Galas“ in New York und Chicago an ihre unvergessene Mutter und sammelt dabei durch Spenden der New Yorker High Society Geld für die Erforschung der Alzheimer-Krankheit.
Und so war ihr schwerster Kampf nicht umsonst: Sie wurde zum ersten prominenten Gesicht einer Krankheit, die bis dahin im Schatten lag, und ebnete den Weg für eine völlig neue Wahrnehmung des Vergessens.

