In Braunschweig stirbt eine Jugendliche nach dem Konsum von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die ZDF-Dokumentation „Benzos, Tilidin, Oxys: Der Tod kommt aus dem Netz“ geht dem tragischen Fall auf den Grund.
17-Jährige starb durch BeruhigungsmittelZDF-Doku zeigt, wie leicht Teenager an Xanax und Co. kommen

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Unterschätzen Jugendliche die Risiken des Konsums von verschreibungspflichtigen Medikamenten? (Bild: iStock/Jacob Wackerhausen)
Es sei „einer der schwierigsten Fälle“, die Martin Albinus in seiner Zeit als Jugendamtsleiter erlebt habe. „Und einer der traurigsten Fälle.“ Gerade einmal 17 Jahre alt war Stina, eine Bewohnerin des Kinder- und Jugendschutzhauses in Braunschweig, als sie starb. Die ZDF-Dokumentation „Benzos, Tilidin, Oxys: Der Tod kommt aus dem Netz“ (abrufbar in der Mediathek) erzählt die tragische Geschichte des jungen Mädchens, das wohl - davon geht auch Stinas Mutter aus - nicht beabsichtigt ums Leben kam.
„Das ist das Zimmer, in dem Stina zu Tode gekommen ist, weil sie Substanzen konsumiert hat - Schmerz- und Beruhigungsmittel“, führt Martin Albinus die ZDF-Reporterin in den Raum, in dem sich die Jugendliche an einem vermeintlich normalen Nachmittag „einen Augenblick hinlegen“ wollte. So weit, so gewöhnlich. Dann jedoch sei Stina nicht zum Abendessen erschienen. Mitarbeiter fanden sie schließlich leblos auf. „Die Kollegin hat sofort mit der Reanimation begonnen, nachdem der Notarzt verständigt wurde“, erinnert sich der Jugendamtsleiter. „Aber da war es dann leider schon zu spät.“
Im Zimmer des Mädchens wurden später verschiedene verschreibungspflichtige Medikamente gefunden, darunter ein leerer Blister Alprazolam - auch als Xanax bekannt. In den sozialen Medien verherrlichen viele Teenager den Konsum; auch Musiker rappen über ihre Leidenschaft für „Xanny“ oder „Oxy“ (gemeint ist das Schmerzmittel Oxycodon).
ZDF-Reporterin staunt: „Man bekommt hier wirklich alles“
Für Stinas Betreuer und auch ihre Mutter kam ihr Tod überraschend. „Sie hat ständig Sprachnachrichten geschickt, angerufen oder geschrieben“, erzählt Corinna B. und spielt eine Tonaufnahme ihrer Tochter ab. Es ist zu hören, wie Stina erklärt, es gehe ihr „wunderbar“. Ihre Mutter habe sich „wirklich keinen Kopf gemacht - bis dann halt dieser Anruf kam“. Sie habe bis zu jenem Zeitpunkt „überhaupt nichts“ vom Tablettenkonsum ihrer Tochter gewusst, betont Corinna B.
Auch das Personal des Jugendschutzhauses sei ahnungslos gewesen. „Pädagogen sind auf vieles trainiert und ausgebildet und geschult, aber eben nicht auf den Umgang mit Medikamenten, die man erst mal von der Wirkung vielleicht auch gar nicht sieht“, erklärt Martin Albinus. „Das ist etwas anderes als bei den Klassikern: Jemand kommt alkoholisiert, das sieht man, das riecht man, bei Cannabis dasselbe. Aber hier haben wir eine Situation, die läuft sehr still ab - und das ist das Gefährliche.“
Die entsprechenden Mittel zu erwerben, sei unter anderem dank Telegram-Gruppen ein Leichtes. „Man bekommt hier wirklich alles, was man sich wünscht“, staunt die Reporterin beim Blick in entsprechende Kanäle. „Man kann ganz einfach bestellen und bezahlen, in bar, mit Kryptowährung oder sogar über PayPal.“ Erhältlich sei jedes denkbare verschreibungspflichtige Medikament - „zu jedem Preis, in jeder Stückzahl und vor allem völlig ohne Probleme“.
Ex-Konsumentin warnt: „Es wird viel zu viel romantisiert“
Das kann auch die junge Frau bestätigen, die sich selbst ChemChem nennt. Die 18-Jährige spricht im Film offen über ihren früheren Konsum. 40 bis 80 Pillen habe sie wöchentlich zu sich genommen, den Nachschub besorgte sie - ohne Alterskontrolle - über das Internet. Ihre bevorzugte Droge: Alprazolam. „Das nimmt man eigentlich gegen Panikzustände oder Angstzustände, und ich habe es halt übel missbraucht.“
In Bezug auf die Risiken - ein Experte warnt im Film unter anderem vor Herz-Kreislaufstillstand und Atemversagen - habe ChemChem „gedacht, das passiert ja nur selten, das passiert mir ja nicht, das kann ja gar nicht so gefährlich sein“. Erst, als sie wegen eines Krampfanfalls im Krankenhaus landete, sei sie sich der möglichen Folgen ihres Konsums bewusst geworden.
Woher Stina ihre Medikamente bezog, wurde nie ermittelt. Corinna B. ist überzeugt: Ihre Tochter habe die Gefahr - wie auch viele andere junge Menschen - völlig unterschätzt. „Sie wird da überhaupt nicht drüber nachgedacht haben, was passieren könnte.“ Überraschend sei das nicht, wie Ex-Konsumentin ChemChem erklärt: „Es wird viel zu viel romantisiert. Deswegen denken die Kinder und Jugendlichen: Boah, der ist so cool, der rappt darüber, das muss ja gut sein - das nehm ich jetzt auch.“ (tsch)

