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Erschreckende AnalyseJa, das Bauchgefühl stimmt – es wird schlimmer

Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass die USA die Rolle des globalen Beschützers übernehmen. Unter Trump löst sich die Nation von ihrer Rolle als „Weltpolizei“. (Archivbild)

Copyright: AFP

US-Präsident Donald Trump am 10. Oktober auf dem Regierungsflughafen in Washington: Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass die USA die Rolle des globalen Beschützers übernehmen. Unter Trump löst sich die Nation von ihrer Rolle als „Weltpolizei“.

Aktualisiert:

Eine neue Studie bestätigt das Bauchgefühl, das viele aktuell haben: Es toben so viele Kriege wie seit 1945 nicht mehr.

Nein, es ist nicht nur ein Gefühl. Die Welt ist wirklich brutaler geworden. Forscher zählten 2025 weltweit 65 bewaffnete Konflikte in 35 Ländern – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Warum nimmt die Gewalt so zu?

Brutale Drohnenangriffe auf Zivilisten in der Ukraine. Hungernde Menschen im Sudan. Huthi-Angriffe auf saudische Energieanlagen. Gefechte im Dschungel von Myanmar. Wer in der Bahn sitzt und durch die Nachrichten scrollt, hat schnell das Gefühl, dass die Welt an allen Ecken brennt.

65 Konflikte in nur 35 Ländern

Und dieses Bauchgefühl täuscht nicht. So viele bewaffnete Konflikte gleichzeitig wie heute gab es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Das beweisen die Daten des Uppsala Conflict Data Program (UCDP), einer Konfliktdatenbank der schwedischen Universität Uppsala.

Die Forscher zählten im vergangenen Jahr 65 bewaffnete Konflikte, an denen Staaten beteiligt waren. In acht davon kämpften die Armeen verschiedener Staaten direkt gegeneinander. 2023 hatte das Friedensforschungsinstitut Oslo (PRIO) nur zwei solcher Kriege zwischen Staaten gezählt: Russland gegen die Ukraine und Iran gegen Israel. Acht war bislang der höchste Wert seit 1946.

65 Konflikte in nur 35 Ländern: Viele Staaten sind also Schauplatz mehrerer Kriege gleichzeitig. In Myanmar gibt es etwa fünf verschiedene Konflikte. Die Militärregierung kämpft gegen die demokratischen Volksverteidigungskräfte und gegen einen Flickenteppich ethnischer Rebellengruppen. Im Kongo ist es noch unübersichtlicher: Regierungstruppen und Wazalendo-Milizen kämpfen gegen die Rebellengruppe M23. Und alle zusammen kämpfen gegen die Allied Democratic Forces, die mit dem Islamischen Staat in Verbindung stehen.

Amerika will nicht mehr „Weltpolizist“ sein

Doch warum ist es so schlimm? Ein Grund dafür könnte laut „Newsweek“-Analyse in einer neuen Weltordnung liegen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 waren die USA die einzige unangefochtene Weltmacht. Friedlich war die Welt dadurch nicht, denn auch Amerika selbst führte viele Kriege. Doch Regionalmächte hatten weniger Spielraum. Wer ein Nachbarland überfallen hat oder Grenzen verschieben wollte, fand kaum mächtige Unterstützer, die Waffen, Geld oder diplomatische Rückendeckung lieferten.

Diese Ordnung bricht auseinander. Unter Donald Trump ziehen sich die USA offen aus ihrer Rolle als „Weltpolizist“ zurück. Auch, um sich auf ihre eigenen Interessen zu konzentrieren. Russland stellt mit dem Krieg in der Ukraine die europäische Sicherheitsordnung infrage. China ist zur zweiten Supermacht aufgestiegen. Gleichzeitig ist der UN-Sicherheitsrat durch Streit zwischen seinen ständigen Mitgliedern zunehmend gelähmt. Eine neue Friedensmission unter UN-Führung gab es seit 2014 nicht mehr.

Aus lokalen Kriegen werden globale

Wie aus einem Bürgerkrieg ein internationaler Konflikt wird, zeigt der Jemen. Saudi-Arabien unterstützt die Regierungstruppen, die Vereinigten Arabischen Emirate fördern eigene Gruppen, und der Iran rüstet seit Jahren die Huthi-Rebellen aus. Weil die Huthis die Handelsschifffahrt in der Meerenge Bab al-Mandab bedrohten, flogen die USA und Großbritannien immer wieder Luftangriffe. Inzwischen greifen die Huthis direkt Infrastruktur in Saudi-Arabien an. Ihr Konflikt ist mit der Konfrontation der USA und Israels mit dem Iran verwoben.

Ein Anhänger reckt während einer Kundgebung in Sanaa (Jemen) ein AK-47-Gewehr in die Höhe, die Mitte September von den jemenitischen Huthi-Rebellen in der von den Huthis kontrollierten jemenitischen Hauptstadt organisiert wurde.

Copyright: Osamah Abdulrahman/AP/dpa

Ein Anhänger reckt während einer Kundgebung in Sanaa (Jemen) ein AK-47-Gewehr in die Höhe, die Mitte September von den jemenitischen Huthi-Rebellen in der von den Huthis kontrollierten jemenitischen Hauptstadt organisiert wurde.

Jeder neue Unterstützer bringt eigene Interessen mit, die erfüllt sein müssen, bevor die Waffen schweigen. Geld, Waffen und Kämpfer strömen in die Krisengebiete. Flüchtlinge, wirtschaftliche Schäden und Instabilität sind die Folge. Laut dem Globalen Friedensindex 2026 hat die Zahl solcher internationalisierten Bürgerkriege seit 2010 um 175 Prozent zugenommen.

Krieg war noch nie so billig

Ein weiterer Grund: Es braucht keine teure Armee mehr für Krieg. Für einen Luftangriff brauchte man früher einen Kampfjet oder ein modernes Raketensystem und mehrere ausgebildete Soldaten. Heute reichen laut Analyse ein paar Milizionäre mit einfachem Sprengstoff und einer handelsüblichen Drohne. Der Globale Friedensindex hat errechnet, dass die Zahl der erfassten Drohnenangriffe zwischen 2018 und 2025 um 11.540 Prozent gestiegen ist. Ein großer Teil davon geht auf die Ukraine zurück, deren Abwehr vor allem auf Drohnen fußt.

Ein ukrainischer Soldat startet in der Region Saporischschja „DARTS“-Drohnen für Mittelstreckenangriffe gegen Russland.

Copyright: AFP

Ein ukrainischer Soldat startet in der Region Saporischschja „DARTS“-Drohnen für Mittelstreckenangriffe gegen Russland.

Auch Künstliche Intelligenz senkt die Hürden. Das US-Unternehmen Anthropic hat im September öffentlich gemacht, dass Nutzer im von den Huthis kontrollierten Norden des Jemen sein KI-System Claude genutzt hatten, um Steuerungs- und Navigationssoftware für Lenkraketen zu schreiben. Die meisten Anfragen wurden blockiert. Trotzdem testeten die Nutzer einen Prototyp.

Hinzu kommen auch Kryptowährungen: Laut dem Analyseunternehmen Chainalysis finanzieren sich vom Iran unterstützte Gruppen wie die Hisbollah, die Hamas und die Huthis trotz Sanktionen auch über Kryptogeld.

„Neue Normalität auf extrem erhöhtem Gewaltniveau“

Auch die unabhängige Organisation ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project) zeichnet ein düsteres Bild. Sie stellt Echtzeitdaten und Analysen zu allen gewaltsamen Konflikten und Protesten in der Welt bereit. Zwischen dem 1. Dezember 2024 und dem 28. November 2025 erfasste sie weltweit 204.605 Gewaltereignisse mit vorsichtig geschätzt mehr als 240.000 Toten. Der Irankrieg, der im Februar 2026 begonnen hatte, noch nicht mit eingerechnet. ACLED-Chefin Clionadh Raleigh dazu: „Das deutet darauf hin, dass wir eine Art Schwelle erreicht haben, eine Art neue Normalität auf extrem erhöhtem Gewaltniveau.“

Analysechef Andrea Carboni ergänzte: „Zivilisten auf der ganzen Welt sind nicht nur mehr Gewalt ausgesetzt, sie sind mehr staatlicher Gewalt ausgesetzt.“

Und Europa? Auch der Kontinent muss sich auf die neue Lage einstellen. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI hat Deutschland seine Militärausgaben 2025 um rund 24 Prozent auf etwa 114 Milliarden US-Dollar erhöht. Das entspricht rund 97 Milliarden Euro. Damit liegt die Bundesrepublik weltweit auf Platz vier hinter den USA, China und Russland und gibt erstmals mehr aus als jedes andere Land in Europa.

Zum ersten Mal seit 1990 hat Deutschland damit auch das Zwei-Prozent-Ziel der NATO übertroffen. In ganz Europa stiegen die Militärausgaben um etwa 14 Prozent. Die SIPRI-Forscher dazu: „Das Jahr 2026 scheint nicht weniger Krieg zu bringen als 2025.“ (mg)