Digitale Zahlungswelten – für „Ältere“ wirklich noch einBuch mit sieben Siegeln? EXPRESS-Redakteurin Andrea Kahlmeier hat mal gescannt.
Ist nur Bares Wahres?EXPRESS-Boomerin macht digitalen Selbsttest

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Alle Produkte einfach einscannen in der Discounter-App, dann an der SB-Kasse zahlen, ohne die Waren noch mal aufs Band zu legen. „Ist kein Hexenwerk“, hat EXPRESS-Redakteurin Andrea Kahlmeier festgestellt, sondern im Gegenteil: sehr praktisch!

Die Einkaufswelt ist im Wandel. Im vergangenen Jahr haben die Menschen hierzulande erstmals häufiger ihre täglichen Einkäufe bargeldlos bezahlt als im Portemonnaie nach Scheinen und Münzen zu kramen, belegt eine Studie der Bundesbank. Doch mit Selbstbedienungskassen oder mobilen Payment-Lösungen tut sich die Generation „60 plus“ nach wie vor schwer. Ist das echt so ein Hexenwerk? EXPRESS-Redakteurinn Andrea Kahlmeier (61) ist tief in die digitalen (Zahlungs)-Welten eingetaucht.
Satte 85 Prozent von uns Babyboomern zahlen im stationären Handel am liebsten bar, 61 Prozent benutzen aber auch regelmäßig die Girokarte. Mobile-Payment-Lösungen wie Apple Pay oder Google Pay haben jedoch gerade mal sechs Prozent auf dem Schirm. Und dazu habe ich auch gehört, bis ich an der Kasse mit voll gepacktem Einkaufswagen feststellte, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte.
EXPRESS-Redakteurin und ihr bargeldloser „Turnaround“
„Mama, du musst mit der Zeit gehen“, sagt meine digital-affine Tochter. „Lade dir zumindest deine Girocard aufs Handy.“ Aber ist die Zahlungsmethode nicht unsicherer, sollte das Handy mal geklaut werden? Nein. Die Karte im Geldbeutel kann von Dieben direkt für kontaktlose Zahlungen genutzt werden. Erst recht, seit man für Zahlungen unter 50 Euro keine PIN mehr eingeben muss. „Bei einem verlorenen Smartphone verhindern die Bildschirmsperre und die Biometrie den Zugriff“, erklärt die Deutsche Bundesbank.
Also los! Einfach den Anweisungen der Bank-App folgen, funktioniert mit ein paar Klicks, Karte ist in der Wallet. „Nice“, würde die jüngere Generation jetzt sagen. Und trotzdem zückte ich an der Kasse nach wie vor lieber meine Scheckkarte oder zahlte bar. Macht der Gewohnheit! Bis zu dem Zeitpunkt, als mein Mann mich aufgeregt anrief. „Wo bist du? Wasserrohrbruch! Ich brauche Wischlappen.“ Eigentlich kein Problem, wenn man wie ich gerade vor der Drogerie steht – hätte ich nur das Geld eingesteckt. Mut zur digitalen Wissenslücke: Ab in den Laden, zehn Aufnehmer geschnappt, ab zur Kasse. Wallet aufrufen, Karte ist da. Und jetzt? „Einfach nur zweimal rechts klicken“, schmunzelt der junge Kassierer auf meine Frage hin. Wow, das ist echt kein Hexenwerk. Und: Irgendwie fühlt es sich schon cool an, wenn man als Silver-Ager mit Handy zahlt.
Recht auf Kartenzahlung oder Rolle rückwärts wie in Schweden?
- So ändern sich die Zeiten. Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sind 84 Prozent der Deutschen heutzutage der Meinung, dass alle Geschäfte gesetzlich verpflichtet sein sollten, neben Barzahlungen auch mindestens eine elektronische Bezahlmöglichkeit anzubieten – eine Steigerung um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und diese Forderung stellen nicht nur Jüngere. Auch in der Altersgruppe „65 plus“ würden 83 Prozent so ein Gesetz befürworten.
- Andererseits: Fast alle nervt es zwar, wenn nur mit Bargeld bezahlt werden kann, aber Zweidrittel der Befragten haben auch Sorge davor, in Zukunft nicht mehr überall cash zahlen zu können. Die Verbraucherzentralen haben deshalb ein Forderungspapier erstellt. Bei all den neuen Technologien müsse Barzahlung möglich bleiben – etwa bei SB-Kassen, Automaten für Parkscheine oder Tickets für Busse und Bahnen.
- In vielen Ländern – von Neuseeland bis nach Skandinavien – wird selbst im kleinsten Tante-Emma-Laden kein Bargeld mehr angenommen. Klingt erst mal fortschrittlich, hat aber seine Tücken. Deshalb versucht sich Schweden jetzt zum Beispiel an einer Rolle rückwärts. Seit 1. Juli sind Lebensmittelgeschäfte und Apotheken im ganzen Land dazu verpflichtet, künftig wieder Bargeld anzunehmen. Warum der plötzliche Umschwung? Die Politiker haben eingesehen, wie verwundbar sich ein Land macht, was Cyberangriffe und andere Störungen angeht. Die Behörde für Zivilschutz empfiehlt zudem, mindestens 1000 Kronen (umgerechnet rund 93 Euro) in kleiner Stückelung zuhause zu bunkern, um bei einem Krisenszenario lebensnotwendige Güter für eine Woche einkaufen zu können.
Jetzt habe ich Blut geleckt. Die Bankkarte wird sofort auf die Wallet in meiner Smartwatch geladen. Auf geht's nach Westfalen zum Besuch meiner hochbetagten Mutter. In ihrer Clique gilt nach wie vor die Devise: Nur Bares ist Wahres. Der Gastronom, der all die munteren Seniorentrüppchen beim allwöchentlichen Marktbesuch zwang, Kaffee oder Pikkolo mit Karte zu bezahlen, hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. „Ich zahle einen Kaffee doch nicht mit Karte“, empört sich meine Mutter. Die meisten Senioren denken wie sie. Kleinbeträge wie der schnelle „Coffee to go“ sind eben kulturell tief in der Barzahlungskultur verankert.
Aber an der Kasse im Supermarkt kommt auch Muttern ins Grübeln. SB-Kassen gibt es hier noch nicht. Die ältere Dame vor uns legt nur einen Artikel aufs Band. Wird schnell gehen. Von wegen! 3,89 Euro fürs Wurstpaket, abgezählt in Centstücken, noch mal nachgezählt von der Kassiererin. Das dauert! Da lobe ich mir doch die SB-Kasse beim Discounter meines Vertrauens. Zack, zack, Barcode einscannen und höchstens belustigt grinsen, wenn die Kassiererin die Altersfreigabe für die Flasche Wein eingeben muss, wie immer mit dem Spruch versehen: „Junge Frau, sind Sie schon 18? Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis!“
Wenn die Schlange kurz ist, stellen viele Babyboomer wie ich sich allerdings doch lieber bei ihr an. Ich will nicht nur ihren Arbeitsplatz sichern, sondern mag auch den kurzen „Schnack“. Man kennt sich von der Hundewiese. Soziales Leben findet an der SB-Kasse nun mal eben nicht statt. Zum Abschluss geht es in Westfalen noch aufs Feld. Blumen zum Selbstpflücken sind angesagt. Zehn Sonnenblumen sollen es sein, acht Euro hat keine von uns passend parat. Ich zücke wieder mal mein Smartphone, scanne den Paypal-Code ein. Meine Mutter staunt Bauklötze. Tja, das ist sie, die schöne neue Digitalwelt.
Mein einmonatiges Experiment scheint geglückt – bis ich den Kontostand checke. Mehr Ausgaben als sonst. Aber kein Wunder! Psychologische Studien zur Cashmaster-Forschung belegen, dass Barzahler ihre Ausgaben besser im Griff haben. Leere Fächer warnen uns, bevor wir den Überblick verlieren. Deshalb lautet das nächste Projekt: Ein digitales Haushaltsbuch muss her!
