Dialog-Offensive: ARD und ZDF starten neue TV-Experimente.
Angst vor dem NetzARD und ZDF suchen Bürger für neue Shows, doch viele kneifen

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Klamroth wird ein «Hart aber fair»-Extra unter anderem mit Ricarda Lang, Sigmar Gabriel und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze moderieren. (Archivbild)
Mehr reden, weniger streiten, mehr miteinander: ARD und ZDF wollen den direkten Draht zu den Zuschauern. Mit vielen neuen Sendeformaten für den Dialog reagieren die Öffentlich-Rechtlichen auf den politischen Auftrag, die Bürgerinnen und Bürger wieder stärker einzubinden.
Ein großes Experiment der ARD steht heute im Fokus eines Themenabends. Anfang Mai versammelten sich in Leipzig und Baden-Baden 84 Personen, die symbolisch für die 84 Millionen Einwohner in Deutschland stehen. Sie sprachen zwei Tage lang über gesellschaftliche Konflikte und ihre eigenen Erlebnisse. Eine klassische Moderation wie im Talkshow-Format gab es dabei absichtlich nicht. Das Ergebnis ist die Reihe «Was Deutschland verbindet», abrufbar in der ARD-Mediathek.
Klamroth tief bewegt: „Wir können noch miteinander reden“
Moderator Louis Klamroth zeigt sich von den Runden beeindruckt. «Da sind Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven und Lebensläufen zusammengekommen», berichtet er. «Der Konsens war eher: Es tat richtig gut, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen.» Die Teilnehmer verbrachten zwei Tage im Gespräch, ganz ohne ihre Mobiltelefone. «Und am Ende haben viele gesagt: Es war einfach gut zu merken, dass wir noch miteinander reden können. Das fand ich sehr berührend.»
Die Unterhaltungen liefern den Stoff für die Sondersendung «Hart aber fair extra – Der Dialog», die heute um 21.15 Uhr live im Ersten zu sehen ist. Klamroth wird dort mit manchen der Teilnehmenden und auch mit Politik-Prominenz diskutieren, zu der die Grünen-Politikerin Ricarda Lang, der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sowie Sven Schulze (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, gehören.
Der Grund für diese Offensive hat einen medienpolitischen Ursprung. Die Bundesländer haben den Sendern eine neue Aufgabe erteilt. Demzufolge sollen ARD und ZDF den Austausch fördern und die Vielfalt der Meinungen im Land abbilden.
Das große Problem: Die Angst vor der Kamera
Allerdings offenbart schon die Rekrutierung der Mitwirkenden, welche Hürden es bei solchen Formaten gibt: Zahlreiche Personen möchten sich zwar äußern, fürchten aber die öffentliche Aufmerksamkeit. Wie Klamroth berichtet, kontaktiert sein Team mitunter sogar gezielt Leute, die im Internet den Öffentlich-Rechtlichen vorhalten, bestimmte Ansichten würden nicht gehört.
«Oft ziehen sich genau diese Menschen dann aber wieder zurück», erklärt der Moderator im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Dabei haben sie eigentlich ein großes Bedürfnis, etwas loszuwerden.» Aus diesem Grund wären sie ideal für diese Art von Sendung. «Aber viele merken dann: Das ist doch eine große Bühne, Millionen schauen zu, danach kommt Gegenwind im Netz – und dann sagen sie lieber wieder ab.»
Laut ARD achtete man bei der Auswahl auf eine größtmögliche Vielfalt der Teilnehmenden. Kriterien waren etwa Alter, Herkunft, Region, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land lebt, sowie Migrationserfahrung. Personen mit Parteifunktionen oder einer engen Verbindung zur ARD waren ausgeschlossen. Das Vorhaben war, ein möglichst breites Spektrum an Sichtweisen zu vereinen.
Warum fühlen sich so viele nicht mehr gehört?
Der Dialog rückt bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten aktuell stark in den Fokus. Bei ARD und ZDF wird intensiv darüber beraten, wie man jene Personen erreichen kann, die sich von den Medien nicht mehr repräsentiert oder wahrgenommen fühlen. Zugleich geht es in Debatten immer wieder um das Vertrauen in den Journalismus, die Spaltung der Gesellschaft und die Auswirkungen von Social Media auf den öffentlichen Diskurs.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Marlis Prinzing meint, dass sich viele Leute trotz ständiger Kommunikation nicht wirklich wahrgenommen fühlen. «Kommunikation heißt nicht Resonanz», äußert Prinzing gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Es werde zwar permanent kommuniziert – via Messenger, Social Media oder in Kommentarspalten. Dennoch beschleicht viele das Gefühl, mit ihren Sorgen kein Gehör zu finden. Parallel dazu wird die öffentliche Präsenz immer mehr als Wagnis empfunden – verknüpft mit der Furcht vor Zurückweisung, Stigmatisierung oder dem Verlust der Kontrolle.
ZDF sucht nach neuen Räumen für Debatten
Das ZDF testet ebenfalls seit einer Weile neue Formate für den Austausch. Auf der Internetseite «ZDFmitreden» haben registrierte User die Möglichkeit, über soziale Themen abzustimmen oder an Debatten teilzunehmen. Laut Senderangaben sind dort mittlerweile über 70.000 Personen registriert. Die Plattform kommt unter anderem beim «ZDF-Mittagsmagazin» und im «Morgenmagazin» zum Einsatz, wobei die Meinungen der Zuschauer direkt in die Sendungen integriert werden.
Darüber hinaus engagiert sich das ZDF mit internationalen Kooperationspartnern bei dem Projekt «Public Spaces Incubator». Im Kern geht es um digitale Instrumente für gelenkte Online-Gespräche und darum, wie man Diskussionen wieder vermehrt auf die eigenen Kanäle holen kann – anstatt sie nur den großen Social-Media-Plattformen zu überlassen.
Prinzing erkennt hierin einen größeren Zusammenhang. Nicht moderierte Plattformen würden eher zu Polarisierung und Emotionalisierung führen, erklärt sie. «Moderation wird zur Voraussetzung von Öffentlichkeit – nicht zu ihrer Einschränkung.» Der demokratische Austausch benötige geschützte Bereiche, in denen Personen ihre Erlebnisse teilen können, ohne unmittelbar einer Gruppe zugeordnet zu werden.
So anders wird das «Hart aber fair»-Extra
Wie dieser Gedanke in ein etabliertes TV-Format übertragen werden kann, möchte die ARD jetzt mit einer Sonderausgabe von «Hart aber fair» erproben. Dass gerade ein Polit-Talk, der häufig von Konfrontation und Zuspitzung geprägt ist, jetzt den Fokus auf das Zuhören legt, ist für Klamroth kein Widerspruch. «Wenn Bürgerinnen und Bürger mit in der Runde sitzen, verändert sich die Diskussion sofort», meint er. Politiker würden dann nicht mehr so leicht mit «den üblichen Phrasen» davonkommen. «Die Menschen fragen viel direkter – aus ihrem Alltag heraus, aus ihren Bedürfnissen und Gefühlen.»
Auch die Sondersendung von «Hart aber fair» soll anders ablaufen als gewöhnliche Polit-Talkshows. Das Studio wird dafür umgestaltet, die Gesprächsrunde nimmt an einem großen Tisch Platz und es werden mehr Bürgerinnen und Bürger als üblich einbezogen. «Ich glaube, es wird mehr ein gemeinsames Nachdenken, als harter Streit werden - denn die Bürgerinnen und Bürger sind aus diesem Projekt mit der Erfahrung rausgegangen: Wir haben trotz aller Unterschiede vor allem auch viel gemeinsam», sagt Klamroth. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
