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Explosive GefahrToter Wal „Timmy“: Warum sein Ende für die Ostsee ein Geschenk ist

Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“, der regelmäßig von Möwen besucht wird, die sich an ihm gütlich tun.

Copyright: Marcus Golejewski/dpa

Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“, der nun vielen Meeresbewohnern und Vögeln als Schmaus dient. (Archivbild vom 15. April 2026)

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Der Kadaver von Wal „Timmy“ ist eine tickende Bombe. Doch sein Platzen könnte für das Meer ein Segen sein – ein Experte klärt auf.

Der tote Buckelwal „Timmy“, der vor der Küste Dänemarks bei Anholt treibt, sorgt für Aufsehen. Neben der Wut über Gaffer gibt es jedoch einen hoffnungsvollen Blickwinkel aus der Forschung. Gegenüber der „Bild“-Zeitung erklärt der Meeresbiologe Fabian Ritter, warum das Ableben des Wals zugleich eine Geburt von etwas Neuem bedeutet.

Dieses Ereignis wird in der Wissenschaft „Whale Fall“ (oder „Walsturz“) genannt. Bleibt der Tierkörper im Wasser, entwickelt sich daraus eine riesige Nährstoffquelle für die Meereswelt. Unmengen an Biomasse kehren in den Kreislauf der Natur zurück und ernähren Tausende von Lebewesen. Das reicht von Vögeln und Fischen an der Wasseroberfläche bis hinunter zu Kleinstlebewesen und Krebsen auf dem Grund. Laut Ritter stellt dieser natürliche Zersetzungsprozess die ehrenvollste letzte Reise für den Giganten dar.

„Whale Fall“: Ein toter Riese als Quelle des Lebens

Doch bevor dieser Kreislauf beginnen kann, wird es gefährlich. Dem toten Wal steht eine heikle biologische Etappe bevor: Er könnte explodieren. Im Inneren des Kadavers sammeln sich durch den Verwesungsprozess gewaltige Mengen an Gasen. Diese blähen den Körper auf, fast wie einen riesigen Ballon.

Was für uns Menschen unheimlich und bizarr erscheint, ist ein ganz normaler Vorgang in der Natur. Wenn der Gasdruck nachlässt oder Aasfresser die massive Haut aufreißen, kann der Körper absinken. Dann wird er am Meeresboden zur Nahrungsquelle für die Bewohner der Tiefsee.

Während „Timmy“ hierzulande für mediales Aufsehen sorgte, ereignete sich in den Nachbarländern zeitgleich eine noch viel größere, traurige Serie von Wal-Strandungen.

Tierärztin Anne Herrschaft sitzt am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt.

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Tierärztin Anne Herrschaft sitzt am Ufer unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. (Archivbild vom 16. Mai 2026)

In den Monaten Januar und Februar 2026 strandeten an Dänemarks Küsten, beispielsweise bei Fanø, Skallingen und in Nordjütland, auffällig viele Wale. Mindestens sieben Pottwale starben dort in diesem kurzen Zeitraum, wie die „Tagesschau“ meldete. Die flachen Gewässer der Nordsee werden für diese riesigen Meeressäuger, die sich per Echoortung orientieren, immer wieder zur Todesfalle.

Das stille Sterben in Nord- und Ostsee

Doch „Timmys“ Schicksal ist nur die Spitze des Eisbergs. Die wahre Dimension des Problems zeigt sich, wenn man die kleineren Verwandten in unseren Meeren betrachtet: die heimischen Schweinswale.

Obwohl Schweinswale in Nord- und Ostsee am weitesten verbreitet sind, findet ihr Tod meist unbemerkt von der Öffentlichkeit statt. Fachleute von Organisationen wie Greenpeace und der Whale and Dolphin Conservation (WDC) schätzen die Zahl der jährlich verendenden Wale und Delfine in diesen Meeren auf mehrere Tausend.

Die erschütternde Ursache für die meisten dieser Todesfälle ist keine natürliche. Anders als die großen Wale sterben sie nicht durch Erschöpfung oder weil sie die Orientierung verlieren. Die traurige Realität: Sie ersticken qualvoll als unbeabsichtigter Beifang in den Netzen der Fischerei-Industrie. (jag)

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