Der gestrandete Buckelwal in der Ostsee ist längst mehr als ein lokales Ereignis. Aus Neuseeland meldet sich eine Meeresökologin zu Wort, die ähnliche Fälle kennt – und vor einer Dynamik warnt, in der öffentliche Empörung wissenschaftliche Abwägungen überlagert.
Sie weiß, wie solche Geschichten endenOstsee-Wal: Expertin warnt vor folgenschwerem Irrtum

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Ein Helfer wirft nasse Tücher zum Schutz der Haut auf den Rücken des festliegenden Buckelwals vor der Insel Poel.
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Vor der Insel Poel kämpft der gestrandete Buckelwal weiter ums Überleben: Die umstrittene private Rettungsinitiative versucht, dem Tier mehr Platz zu verschaffen. Damit trotz des niedrigen Wasserstands möglichst wenig Eigengewicht auf dem Buckelwal laste, solle mit Saug- und Spültechnik ein ausreichend großes Becken geschaffen werden, hieß es.
Ob es später, wie ursprünglich geplant, zum Einsatz einer Plane und Pontons zum Transport des Tieres in tieferes Wasser kommt, war nach Angaben aus dem Team noch unklar.
Expertin zieht unbequeme Schlüsse
Über das Wal-Drama in der Ostsee wird inzwischen in vielen Ländern berichtet - und auch dort melden sich Fachleute zu Wort. Karen Stockin, Professorin für Meeresökologie an der Massey University in Neuseeland, hat ähnliche Fälle hautnah erlebt – und zieht unbequeme Schlüsse.
„Mitgefühl ist nicht das Problem, es ist grundlegend für den Naturschutz. Aber Mitgefühl ohne Evidenz kann in die Irre führen“, schreibt Stockin in einem aktuellen Fachbeitrag im Wissenschaftsmedium „The Conversation“. Ihr Blick auf den Buckelwal in der Ostsee ist der einer Expertin, die weiß, wie solche Geschichten enden – und warum gut gemeinte Rettungsversuche manchmal mehr schaden als nützen.
Emotional aufgewühlte Öffentlichkeit
Fachleute des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung kamen früh zu einer übereinstimmenden Einschätzung: Weitere Rettungsversuche würden das Leiden des Tieres voraussichtlich verlängern, ohne seine Überlebenschancen nennenswert zu verbessern.
Anfang April stellte sich auch das Strandungsexpertengremium der Internationalen Walfangkommission hinter diese Bewertung. Dennoch genehmigten die deutschen Behörden unter dem Druck einer emotional aufgewühlten Öffentlichkeit – befeuert durch soziale Medien – weitere Rettungsversuche.
Stockin kennt dieses Muster nur zu gut: „Wenn jede aufsehenerregende Strandung zu einem durch öffentlichen Druck gesteuerten Referendum wird, riskieren wir ein System, in dem Entscheidungen weniger durch das Tierwohl als durch öffentliche Wahrnehmbarkeit geprägt werden.“
Sie benennt dabei einen grundlegenden Wahrnehmungsunterschied: Während Experten und Expertinnen das Wohlbefinden eines Tieres anhand messbarer physiologischer und verhaltensbezogener Merkmale beurteilen, bewertet die Öffentlichkeit es oft nach dem sichtbaren Aufwand und der gut gemeinten Absicht. Daraus entstehe ein verbreiteter, aber folgenschwerer Irrtum: dass mehr Handeln gleichbedeutend mit besserem Handeln sei.
Seit dem 3. März irrt der Buckelwal durch die Ostsee: zuerst gesichtet im Hafen von Wismar, dann auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand, immer wieder kurz befreit, dann immer wieder festsitzend. Seit dem 31. März liegt er in der Kirchsee vor der Insel Poel. Am Montag schwamm er sich bei steigendem Wasserstand kurzzeitig frei und legte einige Kilometer zurück – doch dann strandete er erneut.
Neuseeland als mahnendes Beispiel
Für Stockin hat das Geschehen an der deutschen Küste eine beklemmende Vertrautheit. Neuseeland erlebte 2021 mit Toa, einem jungen Schwertwal-Kalb, einen fast identischen Fall. Experten aus aller Welt eilten zu Hilfe, der wissenschaftliche Befund war jedoch früh eindeutig: Das Tier war zu jung, von seiner Gruppe getrennt, daher kaum überlebensfähig.
Der öffentliche Druck war trotzdem enorm – und die Bemühungen gingen weit über den Punkt hinaus, an dem Fachleute bereits dazu geraten hatten, dem Tier beim Sterben zu helfen. Toa starb schließlich nach wochenlanger Pflege. „Offizielle Dokumente enthüllten später, dass die meisten Experten die Euthanasie empfohlen hatten, um langwieriges Leiden zu verhindern“, schreibt Stockin.
Sie nimmt niemandem das Mitgefühl übel. „Der Instinkt, sich um einen gestrandeten Wal zu scharen, spiegelt das Beste menschlicher Empathie wider.“ Doch sie stellt die Frage, die sich nun auch im deutschen Fall aufdrängt: Sind wir bereit zu akzeptieren, dass echte Fürsorge manchmal bedeutet, auf Wissenschaft und Erfahrung zu hören – auch wenn deren Antworten unbequem sind? Manchmal erfordere sie einfach nur Zurückhaltung, schreibt die Professorin. (dpa)

