Zoff um geheime Dokumente: Was wusste die Schweiz über den „Todesengel“?
Brisante Akten-EnthüllungRätsel um Nazi-Bestie Mengele – was vertuscht die Schweiz?

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Olivier Guez spricht vor Mikrofonen.
Er ist als „Todesengel von Auschwitz“ bekannt: Josef Mengele, einer der brutalsten Verbrecher der NS-Zeit. In Auschwitz selektierte der Mediziner der SS an der Ankunftsrampe, welche Menschen sofort in den Tod geschickt wurden. Mit grausamen Versuchen an Häftlingen, besonders an Zwillingen und Kindern, schrieb er sich ins Gedächtnis ein. Jetzt gibt es neue Gerüchte um die Schweiz und ihre Verbindung zu dem KZ-Arzt, ausgelöst durch unklare Informationen zu geheimen Unterlagen.
Nach Kriegsende schaffte es Mengele, Europa zu verlassen. Ähnlich wie etliche andere Nationalsozialisten gebrauchte er gefälschte Ausweise und bediente sich internationaler Netzwerke zur Flucht. Ausgerechnet in der Schweizer Vertretung in Genua erhielt er Dokumente des Roten Kreuzes, welche ursprünglich für Vertriebene vorgesehen waren. Auf diesem Weg gelangte er nach Südamerika. Das berichtet „t-online“.
Wie der „Todesengel“ nach Südamerika entkam
Angeblich verbrachte er nach seiner Flucht fast die gesamte Zeit in Südamerika. Fachleute hegen daran aber schon lange Zweifel. Fakt ist: 1956 reiste er gemeinsam mit dem eigenen Sohn für einen Skiurlaub zurück in die Schweiz. Ein kaum zu fassender Vorgang.
Brisante Spur: Eine Wohnung bei Zürich
Bei ihren Nachforschungen stieß die Schweizer Geschichtswissenschaftlerin Regula Bochsler auf explosive Anhaltspunkte. Im Juni 1961 soll der Geheimdienst aus Österreich die Behörden in der Schweiz alarmiert haben: Mengele könnte sich mit falscher Identität im Land befinden.
Im selben Zeitraum mietete die Ehefrau von Mengele eine Unterkunft in Zürich und stellte einen Antrag auf eine permanente Bleibeerlaubnis. Gegenüber der BBC äußerte Bochsler: „Es scheint Hinweise darauf zu geben, dass Mengele 1959 eine Reise nach Europa plante“. Das Brisante an der Immobilie: Sie befand sich in einer schlichten Vorstadtsiedlung, jedoch unweit des internationalen Flughafens von Zürich – und das, obwohl für die Familie auch eine Luxusbleibe drin gewesen wäre.
Zürcher Polizeidokumente, in die Bochsler Einblick erhielt, bestätigen: Das Apartment stand 1961 unter Beobachtung. Die Ermittler vermerkten Ausfahrten der Ehefrau Mengeles mit ihrem VW, in Begleitung eines nicht identifizierten Mannes. Ob dieser Mann der gesuchte Kriegsverbrecher war, konnte nie geklärt werden.
Ein Historiker gibt nicht auf
Doch die maßgeblichen Unterlagen der Bundespolizei in der Schweiz waren für Historiker über Jahre unzugänglich. Als Grund nannte das Bundesarchiv die nationale Sicherheit sowie den Schutz der Angehörigen. Bis zum Jahr 2071 sollten die Papiere geheim bleiben.
Der Geschichtswissenschaftler Gérard Wettstein akzeptierte das nicht. Er zog vor Gericht und finanzierte das Verfahren über eine Spendenaktion im Internet. Laut seinen Aussagen wurden binnen kürzester Zeit etwa 18.000 Schweizer Franken gesammelt.
„Sie müssen etwas zu verbergen haben“
„Solange die Akten bis 2071 geschlossen bleiben, nährt das Verschwörungstheorien“, erläuterte Wettstein im Gespräch mit der BBC. „Jeder sagt dann: Sie müssen etwas zu verbergen haben.“
Weitere Fachleute, darunter Sacha Zala, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, gehen davon aus, dass die Unterlagen eher Indizien für Verbindungen zwischen Schweizer Stellen und ausländischen Diensten, beispielsweise dem Mossad, enthalten. Trotzdem übt er heftige Kritik an der jahrelangen Verschwiegenheit: „Auf diese Weise hat die Verwaltung Verschwörungstheorien erst befeuert“.
Die Angelegenheit rückt die umstrittene Rolle der Schweiz in der NS-Ära wieder in den Fokus, als jüdische Schutzsuchende an den Landesgrenzen zurückgewiesen wurden und Finanzinstitute das Vermögen ermordeter Juden einbehielten. Es bleibt ungewiss, ob die jetzt in Aussicht gestellte Freigabe der Dokumente tatsächlich für Aufklärung sorgt. Wettstein hat die Sorge, dass entscheidende Abschnitte unkenntlich gemacht werden könnten.
Josef Mengele musste sich für seine Taten niemals verantworten. Er verstarb 1979 in Brasilien; seine Beisetzung erfolgte unter einem Decknamen. Seine Identität wurde erst 1992 durch DNA-Analysen zweifelsfrei nachgewiesen. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
