Meldungen von Haiattacken häufen sich – aber das hat Gründe. Wir klären mit einem Experten, warum das so ist: Ein Plädoyer für mehr Verständnis!
Mythos MenschenfresserWarum Haie faszinieren – und unseren Schutz brauchen
Kaum eine Tiergruppe ist so sehr von Mythen, Vorurteilen und unbegründeter Angst ihr gegenüber geprägt wie Haie. Hollywood-Filme und Medienberichte haben über Jahrzehnte das Bild eines menschenfressenden Monsters gezeichnet. Auch wenn Berichte über jüngste Haiangriffe, wie sie in Australien, Brasilien oder den USA gerade wieder durch die Schlagzeilen gingen, diese Ängste verständlicherweise neu anfeuern: Der Blick auf die Biologie zeichnet ein ganz anderes Bild ...
Am 14. Juli ist alljährlich der „Tag der Haie“. Er wurde ins Leben gerufen, um über die reale Bedrohung der Tiere aufzuklären. Nicht die Bedrohung, die von den Tieren für uns Menschen ausgeht. Sondern die Bedrohung, die die Tiere selbst gefährdet. Der Tag soll unbegründete Ängste abbauen. Fakt ist: Menschen gehören überhaupt nicht in das Beuteschema von Haien. Seit mehr als 400 Millionen Jahren bevölkern Haie die Meere unseres Planeten. Damit sind sie evolutionär gesehen älter als die Dinosaurier. Die Jäger der Meere haben Massenaussterben überstanden und sich über die Jahre zu perfekten Überlebenskünstlern entwickelt. Heute gibt es weltweit mehr als 500 bekannte Haiarten, die nahezu jeden marinen Lebensraum besiedeln. Sogar in deutschen Gewässern wie der Nord- und Ostsee sind einige von ihnen heimisch. Trotz ihrer enormen Vielfalt teilen alle Haiarten faszinierende biologische Merkmale, die sie grundlegend von allen anderen Meeresbewohnern unterscheiden.
Haie – Wunder der Natur mit faszinierenden Eigenschaften
Im Gegensatz zu den meisten Fischen oder Säugetieren besitzen Haie keine echten Knochen. Ihr gesamtes Skelett besteht aus flexiblem und leichtem Knorpelgewebe. Das spart nicht nur enorm viel Gewicht, sondern verleiht Haien auch eine extreme Wendigkeit und Flexibilität im Wasser. Da Knorpel im Vergleich zu Knochen kaum Mineralien enthalten, zersetzen sie sich nach dem Tod eines Tieres im Meerwasser durch Bakterien und Aasfresser rasend schnell. Das Einzige, was die Zeit meist überlebt, ist ihr Werkzeug für die Jagd. Haie besitzen das sogenannte „Revolvergebiss“: Ihre Zähne sind nicht fest im Kiefer verankert, sondern sitzen auf einer Art biologischem Förderband im Zahnfleisch. Hinter der aktiven, vorderen Zahnreihe warten bereits mehrere fertige Reihen von Ersatzzähnen auf ihren Einsatz. Innerhalb von 24 Stunden bis wenigen Tagen rückt der nächste Zahn aus der hinteren Reihe nach vorne und schließt eine entstandene Lücke. Auf diese Weise bleibt das Gebiss eines Haies ein Leben lang komplett. Im Laufe eines einzigen Hailebens können so je nach Art bis zu 30.000 Zähne ersetzt werden.
Haie besitzen keine Schwimmblase wie andere Fische, mit der sie ihren Auftrieb steuern könnten. Würden sie aufhören zu schwimmen, würden viele Arten langsam zu Boden sinken. Um das auszugleichen, besitzen sie eine riesige Leber, die zu fast 90 Prozent aus reinem Fett und Ölen besteht. Da Fett leichter als Wasser ist, verleiht dieses Organ den Haien den nötigen statischen Auftrieb, um energiesparend durch das Wasser zu gleiten.
Wie gefährlich ist der Hai wirklich?
Zuletzt sorgten vereinzelte Haiunfälle für große Verunsicherung. Besonders an den Küsten Australiens sowie der USA, rund um Florida, rund um Hawaii und durch die jüngsten Vorfälle an den Stränden von New York gab es vermehrt Schlagzeilen über Haibegegnungen. Auch in Brasilien kam es jüngst zu Zwischenfällen. Die Häufung von Haibissvorfällen in den Medien wirft die Frage auf: Verändert sich das Verhalten der Tiere, werden sie immer aggressiver?
Ulrich Karlowski ist Diplom-Biologe und Mitgründer der Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM). Er erklärt uns: „Nach den Statistiken der International Shark Attack File (ISAF) des Florida Museum of Natural History ist die Anzahl der erfassten Hai-Unfälle eigentlich relativ stabil – mit geringfügigen Schwankungen nach unten oder oben. Social Media und ein allgemeiner Medien-Hype um Mensch-Raubtier-Konflikte jeglicher Art tragen zu einem maßlos verzerrten Bild des tatsächlichen Unfallgeschehens bei.“ Hinzu komme, dass es immer mehr Menschen gäbe, die sich teilweise unvorsichtig verhalten, wenn sie sich zum Schwimmen ins Meer begeben. Trotz solcher Vorfälle bleibe das globale, statistische Risiko für den Einzelnen extrem gering. Entgegen allen Vorurteilen kommt es weltweit durchschnittlich zu rund 72 unprovozierten Haiangriffen pro Jahr, wovon statistisch gesehen zehn bis zwölf tödlich enden. Ulrich Karlowski zieht einen Vergleich: „Allein in Indien gibt es jährlich schätzungsweise etwa 50.000 Tote durch Kobrabisse. In Afrika töten Kaffernbüffel jährlich um die 200 Menschen. Und die mit Abstand für Menschen gefährlichsten Tiere sind Mücken – mit geschätzten über 700.000 Toten jährlich.“

Copyright: IMAGO/Jam Press
Er ist der unangefochtene Jäger der Meere, der bekannteste Raubfisch der Welt und er kommt in allen Ozeanen vor: der Weiße Hai. Steven Spielberg erwies der Art 1975 mit dem maritimen Schocker „Der Weiße Hai“ einen Bärendienst.
Die meisten Hai-Vorfälle passieren durch reine Verwechslungen. Der Hai hält den Menschen (zum Beispiel, wenn er auf einem Surfbrett liegt) für eine Robbe oder ein Beutetier. In solchen Fällen nimmt der Hai meist nur einen sogenannten „Probebiss“ und lässt sofort vom Menschen ab, sobald er merkt, dass die Beute nicht seiner natürlichen Nahrung entspricht. Nur, dass ein Biss schon tödlich sein kann. Die wahre Bedrohung Betrachtet man das Verhältnis umgekehrt, zeigt sich, wer die wahre Bedrohung im Ozean ist: Während Haie im Jahr kaum eine Handvoll Menschen töten, vernichtet der Mensch jährlich schätzungsweise 80 bis 100 Millionen Haie! Gründe: Überfischung, Zerstörung der Lebensräume, der Tod als ungewollter Beifang in riesigen Industrienetzen sowie die grausame Praxis des „Finnings“, bei dem den Tieren nur die Flossen abgeschnitten werden, bevor man sie sterbend zurück ins Meer wirft. „Studien zeigen, dass die Populationen nahezu aller Hochseehaie in den vergangenen 50 Jahren um 70 Prozent zurückgegangen sind“, so Karlowski. Dabei sind Haie für das Überleben der Meere unverzichtbar. Als Spitzenprädatoren am Ende der Nahrungskette halten sie die marinen Ökosysteme im Gleichgewicht. Sie jagen kranke oder schwache Tiere, verhindern die Überpopulation einzelner Arten und sorgen so dafür, dass die Korallenriffe und Weltmeere gesund bleiben. Stirbt der Hai, stirbt auch das Meer – und damit würde eine der wichtigsten Lebensadern unseres gesamten Planeten zusammenbrechen. Nicht wir müssen uns also vor dem Hai schützen, sondern den Hai vor uns.
