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Wirbel um Hai-VideoSensation im Mittelmeer? Experte winkt ab

Ein großer Weißer Hai, aufgenommen im Indischen Ozean vor Gansbaai.

Copyright: dpa

Weiße Hai werden nur selten im Mittelmeer gefilmt. (Symbolbild)

Aktualisiert:

Ein Clip von einem Weißen Hai vor Sizilien sorgt für Gänsehaut. Doch ist die Sichtung wirklich der Knaller, für den sie alle halten?

Einem Taucherteam der Organisationen Healthy Seas und Ghost Diving ist in der Meeresenge bei Sizilien eine unglaubliche Aufnahme geglückt. Sie filmten einen Weißen Hai von etwa vier Metern Länge. Das Raubtier tauchte in circa 40 Metern Tiefe bei einem Schiffswrack auf, während die Crew dort eigentlich Geisternetze beseitigen wollte. Der technische Taucher Derk Remmers hat diese spektakuläre Szene festgehalten.

Begegnung seltener als ein „Lotto-Sechser“?

In einer Pressemitteilung wird Taucher Remmers zitiert: „Statistisch gesehen ist es viel wahrscheinlicher, den Lottojackpot zu gewinnen, als einem so ikonischen Tier unter Wasser zu begegnen“. Das Tier habe sich aber keineswegs bedrohlich verhalten. Es sei ruhig, umgeben von Pilotfischen, an der Tauchergruppe vorbeigezogen.

In vielen Medienberichten wurde die Sichtung als die „allererste Unterwasseraufnahme eines Weißen Hais im Mittelmeer“ gefeiert. Doch dieser Darstellung treten einige Experten nun energisch entgegen.

Robert Marc Lehmann zerstört den Sensation-Hype

So macht der Meeresbiologe und bekannte Hai-Fachmann Robert Marc Lehmann in einer Video-Analyse unmissverständlich klar, dass es sich hierbei mitnichten um eine Premiere handelt. Er verweist auf eine Dokumentation aus dem Jahr 2015, in der bereits erstklassige Unterwasserbilder eines großen Weißen Hais nahe der französischen Riviera gezeigt wurden.

„Ich muss die Sensation leider ein bisschen dämpfen, wir müssen bei der Wahrheit bleiben“, erklärt Lehmann dazu. Und er stellt fest: „Es ist definitiv nicht das erste Mal, dass ein adultes Weißhai-Tier im Mittelmeer unter Wasser gefilmt wurde.“

Zudem ist die Anwesenheit dieser Raubfische in der Region seit Jahrhunderten wissenschaftlich nachgewiesen:

Über 590 Nachweise: Das Fachbuch „Mediterranean Great White Sharks“ des Forschers Alessandro de Maddalena listet bis zum Jahr 2012 allein 596 verifizierte Sichtungen, Fänge und Fotos von Weißen Haien im gesamten Mittelmeerraum auf.

Brutgebiet: Die Straße von Sizilien gilt seit jeher als eine der wichtigsten Kinderstuben (Nursery Grounds) für die Spezies in Europa.

Biologischer Grund für den Hai-Besuch am Wrack

Dass der Hai ausgerechnet an dem Wrack auftauchte, ist aus biologischer Sicht kein Zufall. Solche versunkenen Schiffe werden zu künstlichen Riffen und ziehen Fischschwärme magisch an. Weil sich dort oft abgerissene Fischernetze (Geisternetze) verfangen, sterben darin regelmäßig Meerestiere wie Schildkröten und große Fische. Der Aasgeruch dieser Kadaver lockt Spitzenprädatoren wie den Weißen Hai auch aus großer Entfernung an.

Widersprüchliche Angaben gibt es zum Geschlecht des gefilmten Hais. Während Pressemeldungen von einem Männchen ausgehen, lässt das Video laut Lehmann keine sichere Bestimmung der Klaspern (Begattungsorgane) zu. Grund dafür seien die schlechte Auflösung und der plötzliche Abbruch der Aufnahme. Statur und Gewicht könnten demnach genauso gut auf ein großes Weibchen hindeuten.

Für Urlauberinnen und Urlauber am Mittelmeer gibt es derweil Entwarnung. Eine akute Gefahr für Badegäste besteht nicht – anders als bei den jüngsten Hai-Attacken vor Australien. Die Begegnung passierte weit draußen auf offener See. Angriffe im Mittelmeer sind extrem selten.

Die traurige Realität ist: Die Population des Weißen Hais im Mittelmeer ist durch jahrzehntelange Überfischung, Beifang und illegale Langleinenfischerei massiv geschrumpft und gilt als akut vom Aussterben bedroht. Die neuen Aufnahmen beweisen lediglich, dass wenige Exemplare der Art in den Tiefen des Meeres überlebt haben. (jag)

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