Mexikos andere Pandemie 73.000 Menschen sind spurlos verschwunden

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Mexikos Drogenkrieg hat seit Jahrzehnten das Land unter seiner Kontrolle. Seitdem verschwanden mehr als 73.000 Menschen. Ihre Hinterbliebenen suchen nun nach Antworten. Unser Foto vom 10. Mai 2019 zeigt zahlreiche Frauen, die mit Bildern ihrer verschleppten Angehörigen durch die Straßen von Mexiko-Stadt ziehen.

Mexiko-Stadt – Seit dem Beginn von Mexikos Drogenkrieg ist die Gewalt dort explodiert – inzwischen gibt es rund 100 Morde am Tag.

Dabei nicht mitgezählt sind Zehntausende Menschen, die spurlos verschwunden sind.

Die Corona-Krise erschwert die ohnehin schwierige Suche nach ihnen.

Mexikos Drogenkrieg: Mehr als 73.000 Menschen werden vermisst

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Bryan Arias arbeitete an einem Hamburger-Stand, drei Straßen von seinem Zuhause im westmexikanischen Nayarit entfernt. Vor zweieinhalb Jahren verschwand der 19-Jährige eines Tages auf dem Weg dorthin. Seitdem sucht seine Mutter, Virginia Garay, nach ihm. Und sie ist nicht allein: Mehr als 73.000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden. Garay und den anderen Familien erschwert nun die Corona-Krise die Chancen, Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen zu bekommen.

Es war schon vorher nicht einfach, über den Stand von Ermittlungen zu verschwundenen Personen Auskunft zu bekommen. Und nun arbeiten die Behörden nur noch in reduziertem Umfang. Wie bisher in Gruppen nach Massengräbern zu suchen, ist auch nicht mehr ohne weiteres möglich. Und die tröstenden Umarmungen fehlen.

Mexikos Drogenkrieg: Bewegung macht auf Situation der Familien aufmerksam

Zum Internationalen Tag der Verschwundenen an diesem Sonntag verbreitet die mexikanische „Bewegung für unsere Verschwundenen“ in sozialen Medien Kennungen wie #LesQueremosDeVuelta (wir wollen sie zurück), um auf die Lage der Familien von Vermissten aufmerksam zu machen.

„Den Behörden passt die Situation wie die Faust aufs Auge, weil sie mehr Ausreden haben, ihre Arbeit nicht zu machen und uns auf Abstand zu halten“, sagt Garay der Deutschen Presse-Agentur.

José Ugalde sieht das ähnlich. Sein 25-jähriger Sohn José Esaú verschwand im September 2015 und wurde drei Monate später in der zentralmexikanischen Stadt Querétaro tot aufgefunden.

„Viele Mitstreiter haben ihre Arbeit verloren. Sie haben nichts zu essen und müssen sich dazwischen entscheiden rauszugehen, um Geld für was zu essen zu verdienen, oder um ihre Kinder zu suchen“, sagt Ugalde, der heute Sprecher einer Gruppe ist, die Gerechtigkeit für ihre verschwundenen Angehörigen fordert.

Garay hat eine Organisation für die gegenseitige Unterstützung betroffener Familien gegründet: „Kriegerinnen auf der Suche nach unseren Schätzen.“ Sie sucht nun nicht mehr nur Bryan, das jüngste ihrer drei Kinder, sondern auch die Kinder anderer Mütter.

Mexikos Drogenkrieg kostete mehr als 333.000 Menschen das Leben

José Esaú arbeitete in einem Gourmet-Restaurant. An Wochenenden spielte er Schlagzeug in einer Band, die dabei war, ein Album aufzunehmen. Seine von Wildtieren angefressenen Überreste tauchten auf einem Steinbruch auf. Die monatelange Suche war ein Alptraum für die Familie. Ein Mann wurde festgenommen und wegen des Mordes an José verurteilt, die Revisionen laufen aber noch.

Der 2006 begonnene „Krieg gegen den Drogenhandel“ hat eine blutige Ära der mexikanischen Geschichte losgetreten. Mehr als 333.000 Menschen wurden seitdem getötet, derzeit gibt es knapp 100 Morde am Tag. Dabei nicht mitgezählt sind die gut 73.000 Menschen, bei denen unklar ist, was ihnen passiert ist. Oft wird ein Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen vermutet, nicht selten auch eine Beteiligung der Polizei. Aufklärung ist selten, es herrscht Straflosigkeit.

Immer wieder werden unmarkierte Gräber entdeckt – rund 6600 Leichen wurden so gefunden. Nach Schätzung der staatlichen Menschenrechtskommission liegen in Leichenhallen zudem 30.000 Menschen, die bisher nicht identifiziert wurden.

Angehörige der Verschwunden wollen nicht in Vergessenheit geraten

Auch international hohe Wellen schlug das Verschwinden von 43 Studenten des Lehrerseminars Ayotzinapa. Diese wurden 2014 in Südmexiko von Polizisten verschleppt und einem Rauschgiftkartell übergeben. Trotz Bemühungen der aktuellen Regierung wurden bisher nur Knochenteile zweier der Studenten gefunden – und niemand verurteilt.

Mehr als hundert Gruppen von Angehörigen Verschwundener haben sich formiert, um auf eigene Faust zu suchen. Sie gehen in Leichenhallen, Krankenhäuser und Gefängnisse. Mit Spaten und Eimern suchen sie nach Massengräbern in Wäldern, in verlassenen Minen und an Flussufern.

Auf Druck der Familien wurde 2017 ein Gesetz verabschiedet, das unter anderem die Schaffung von Suchkommissionen auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten vorsieht. Andere Forderungen an die Regierung bleiben offen. Unter anderem wollen die Familien, dass Mexiko den UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen anerkennt, um ihre Fälle dort vorbringen zu können.

Bei aller Aufmerksamkeit, die das Coronavirus in Mexiko – dem Land mit den drittmeisten Todesfällen – derzeit erfordert, wollen die Angehörigen der Verschwundenen nicht in Vergessenheit geraten. Das Land habe es mit einer doppelten Pandemie zu tun, betonen sie: das Virus und das Verschwinden. (dpa)

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